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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Mein Großvater
Date
1897-10-22
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite IS. Nr. LI. thun? Woher das alles nehmen? . .. Awrohom ist heute gekommen, mit bei» Kindern zu spielen und nun muß er auch mithungcrn." M Als ich hörte, wie sehr mein Hunger die BetrüWs meiner guten Großmutter vermehrte, suchte ich es ihr auWreden, indem ich mehrmals versicherte, daß ich noch Hör keinen Hunger spüre. £ Das war nun allerdings nicht ganz wahr, aber so sehr, wie meine Großmutter meinte, quälte mich der Hunger thatsächlich nicht. Uebcrhaupt war mir in der Jugend das Entbehren leichter und öfters bat ich den Vater um die Erlaubnis, an einem Fasttage mitfasten zu dürfen. Die Großeltern fuhren fort, ihre Lage zu besprechen. Bald klang ihr Gespräch wie ein Streit, bald wie harmloses Geplauder, bald klang es bitter, bald wurde es ruhiger. Ich mengte mich nicht in ihr Gespräch, obgleich mir Bibelverse und Talmudstellen einfielen, welche beweisen konnten, daß der Großvater recht habe. Endlich hatten sie sich genug ausgesprochen. Mein Großvater trat auf mich zu und umarmte mich zärtlich. „Du dauerst mich, mein Kind", sagte er, „bist so weit gegangen und ich kann es dir nicht lohnen, wie ich möchte. Nichts Hab' ich heute verdient, weil Gott es so wollte. Sorge nicht, Kind, für dich ist noch die Welt offen. Du wirst — 'dessen 6ttV ich sicher — ein großer Rabbi werden und dann wird dir nichts fehlen. Das ist mein einziger Trost, .daß meine Enkel keine Todtengräber sein werden. Ich aber .. . doch, ich will nicht klagen, ich will mich nicht versündigen. Ich habe kein BzAf— nun, so habe ich eben keines, was liegt denn viel daran? Gott ist barmherzig und gerecht und weiß, was er thut. Kann man gegen ihn streiten?" Mein Großvater liebte cs, sich mit mir über Enste Dinge zu unterhalten. Er glaubte nämlich, daß sich initjräem Jungen, der den Talmud und seine scharfsinnigen KbWnöntare zu verstehen imstande ist, auch über Thcmate, w^ieMer göttliche Vorsehung und moralische Weltordnung Mlosophiren lasse. Nachdem er sein Herz ausgeschüttet, hüllte er siM-in seinen fadenscheinigen, stark geflickten Mantel, nahm^die Schaufel zur Hand und mich mit seiner eiskalten Mmd streichelnd, sagte er zu mir: „Warte, mein Sohn, bisßich das Kind begraben habe, ich will mich von deinen Fortschritten im letzten Seinestcr überzeugen; wir ^wollen sehen, ob dein Rabbi recht hat, der sich lobend über dich geäußerthat." „Prüfe mich auch, Vater, ich kann schon gut lesen und verstehe alle Scgenssprüche auswendig," bat der Jüngste, welcher vorhin den Todten dargestcllt hatte. „Ich. lerne Raschi!" — „Und ich lese schon die Propheten!" — „Ich beginne bald Talmud zu lernen!" klang es durcheinander. „Ich gehe nach dem Friedhof," sagte der Alte flocken, „und Du, Debora, geh' mal nach dem Kramladen und nimm Brot und Zucker auf Borg. Sage der Frau, daß ich ihr morgen zahlen werde, wenn ich vom Vater dieses Kindes meinen Lohn erhalte. Er ist reich und wird sicher morgen zahlen." Meine Großmutter brummte etwas vor sich hin und ging. Die Kinder thauten wieder auf, war doch noch Hoffnung vorhanden, daß sie nicht mit leerem Magen zu Bette gehen werden. In den Augen der Kleinen war die kleine Kindcrlciche ein glückbringender Rettungscngcl. (Schluß folgt.) Vüchrrwelk. Atchiasaf. Praktischer und literarischer Kalender für das Jahr 6658; redigirt von M. L. Lilienblum. Verlag „Achiasas", Warschau 1897. (Hebräisch.) Inmitten der segensreichen Thätigkeit auf wissenschaftlichem Gebiete, welcher wir eine Reihe von vorzüglichen Büchern aus deyr letzten Jahre verdanken, unterließ es die Gesellschaft „Achiasas" nicht, auch unserem Bedürfniß nach schöner Lectüre Rechnung zu tragen und sie bietet uns im V. Jahrgange ihres Kalenders ein Werk, das der hebräischen Belletristik zur Ehre gereicht. Nicht nur durch die verschönerte äußere Form zeichnet sich dieser V. Jahrgang ans, sondern auch durch seinen belletristischen Theil. So finden wir hier einen unserer talentirtesten Erzähler wieder, M. D. Brandstätter, der nach dem Eingehen des „Haschacher" lange Zeit in der schönen Literaturvermißt wurde. Hier finden wir ihn wieder, den Brandstätter von ernst, mit seiner, scharfen Beobachtungsgabe, seinem Humor und der ihm eigenen Art, Typen' aus Galizien zu schildern. Bon seinen drei Skizzen sei hier besonders die dritte: „Der Truthahn" erwähnt: Ein armes jüdisches Weib, auf einem Arm ihren hungrigen Säugling haltend, schleppt mit der anderen Hand einen schweren Truthahn, den sie einer >,Gnädigen" unter lausend Schwüren anbietet, und erst dann los wird, nachdem ihr die Gnädige einige Kreuzer über den Kostenpreis hinwirft. Wir erfahren dabei, daß es der Armen nicht so sehr um das Verkaufen des Truthahnes zu thun ist, damit sie „in Ehren SchabeS mache", sondern um nicht gegen ihre Wohlihäter undankbar zu sein. Denn ihre Nachbarn, ein armer Kellner und eine arme Schneiderin, pflegen ihr allwöchentlich ihr bischen Schmuck zur Verfügung zu stellen, damit sie es versetze, einige Sachen einkaufe und etwas verdiene; am. Freitag müsse sie es den Eigeuthümern für Samstag zurückstellen. Ein bekanntes Stück jüdischen Lebens, das Brandstätter in gelungener Weise darzustellen versteht. Auch A. S. Rabbino w itz, in dessen Novellen .stets die Aermsten ütid Elendsten einen Wiederhall ihres Leids gefunden, bietet in seiner Skizze: „Der verspätete Seder" ein tragisches Bild aus dem Leben der armen Juden in Rußland, wie es wahrheitsgetreuer nicht gedacht werden "kann. Auf diese Erzählungen folgt eine historische Betrachtung von Dr. Bernseld, der sich ohne rechten Erfolg bemüht, nachzuweisen, daß die Juden langst -aus eine politische, von dem Boden Palästinas abhängige Existenz verzichtet hätten. .In einer Skizze von A. Singer sehen wir einen jüdischen „Taugenichts", d. h. einen durch die verkehrte Erziehung als „Taugenichts" kämpfenden Literaten, später Lehrer, der bei einer Herrschaft die hebräische Lection nicht erhält, weil er mit bedecktem Haupte eintritt, von einer anderen fortgejagt wird, weil er durch Erfahrung klüger sich anschickt, die Bibel barhaupt vorzulesen. Rechtzeitig wendet sich der geistige Proletarier einem Handwerke, zu und wird ein brauchbarer,-sich und anderen nützlicher Mensch. Ein ergreifendes Bild von dem Elend der Fremden, namentlich der russisch - jüdischen Studenten in Wien, entwirft N. B r a i n i n. Seine Schilderung enthält viel Wahres aus dem Martyrerleben unserer armen, nach höherer Intelligenz strebenden Jugend, das an das Wanderleben voll von Leiden und Kämpfen erinnert, welches unser Volk allein zu ertragen vermag. Die Novelle von Sis r o n (pseudonym) zeichnet sich durch eine Fülle von Bildern aus, die dem Leben entnommen sind und bildet ebenso wie die ihr vorangehende Skizze Dr. E i senst a d t's ein prächtiges Stück des Echenders. Gedichte sind in demselben nur wenige enthalten; aber die wenigen sind durchwegs gut; besonders verdient das Gedicht Bialik's: „Auf dem Felde" hervorgehoben zu werden. Einen sehr beachtenswerthen Artikel über die Nothwendigkeit der nationalen Erziehung bringt S. Rosenseld. Außer einem Aufsatze über die Juden in Egypten von N. S l o us z und einem gediegenen medicinisch-popularen Artikel von Dr. Fränke l enthält der Kalender 6 von gelungenen Porträts begleitete Monographien von Herzl, Nordau, Zangwill, Lewanda, Berrnan und Rafenseld, die reiches-Material zur Geschichte der jüdischen Bewegung bieten. Zu erwähnen'ist besonders ein an B rainin gerichtetes Schreiben Max Nordau's, aus welchem wir seine jüdische Erziehung erfahren und Aufkärung finden über sein Verhältnis zum Judenthum bis zu der Zeit, wo er durch den Antisemitismus zum Zionismus und durch diesen wieder zum jüdischen Selbstbewußtsein gelangte, auf das er nunmehr unendlich stolz ist. Nicht minder interessant ist ein Brief Zangwill's, den Brainin im Namen Ben-Jehudas aus Jerusalem mittheilt. Bemerkeuswerth ist auch der vor Schluß des Kalenders eiugclangte Bericht über den Basler Congreß von S. P. Rabbinowitz, einem Manne, der als Gegner hingekommen war und als ganz anderer auf Grund' der dort gemachten Erfahrungen heimgekchrt, Bericht erstattete. Nach einer ausführlichen Jahresübersicht über die Colonien, einer jüdischen Chronik und einer sorgfältig ausgcarbeiteten Bibliographie des letzten Jahres schließt der Kalender mit einem geistreichen Feuilleton des bekannten hebräischen Publicisten Lewin ski, das vollinhaltlich übersetzt werden müßte, damit es die verdiente Würdigung finde. M. B. Der jüdisch - amerikanische Kalender für das Jahre 6658. redigiert von A. Harkavy. Dieser Kalender für die jüdischen Volks- Massen in Amerika ist besonders in politischer und wissenschaftlicher Beziehung sehr gut redigiert. Ein Artikel über die russisch-französischc „Freundschaft" von P. K r a n z erklärt die Bedeutung des Zweibnndes, in dem Aussatze „Die Regierung der Vereinigten Staaten" von L. B u d i a u o w finden wir eine Belehrung über die politischen Ein richtungen Nordamerikas. Der rege Wissensdrang der Leser wird in dem naturwissenschaftlichen Artikel „Der menschliche Körperbau" viel Befriedigung und in der Polemik eines „alten Socialisten": „Die Spal tung in der jüdischen socialdemokratischen Bewegung in Amerika" viel Anregung finden. Leider läßt der belletristische Theil sehr viel zu wünschen übrig. Es ist gewöhnliches Lesefutter — und dabei ganz schlechtes. L. Im Verlage von I. Kauffmann in Frankfurt a. M. ist jüngs: ein sehr interessantes Buch von Ludwig Geiger: „Michael Sachs lind Moriz Veit. Ihr Briefwechsel" erschienen, auf das wi! demnächst noch näher zurückkommm werden. Herausgeber: Paul Aaschsuer. Beraruwortlicher Redacleur: Dr. Sjegmrrir- Werner. Druck von Jacob Dux Wien, VIII., Laudoirgasse Nr. 57.

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