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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1897-10-22
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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9tr. 31. JXt^VMC Seite 15. Vereinslocale II., Nenibrandlstraßc 11, wieder regelmäßig stattfinden werden. Dis akademische Stelfrittfrttttg „Kadimah^^ eröffnete mit dem Generalconvente vom 9. Oclober 1897 ihr XXV. Semester. Nach Genehmigung des Rechenschaf sberichtes der sserialleitung schritt man an die Constituirung des neuen Präsidiums. Es wurden per Acclamation gewählt: Zunr Präsidenten eanck. jur. Max Bernhardt, zum Vice-Präsidenten eunä. jur. M a x i m l i a it Piekarski, zum Schriftführer stnä. chem. Willy Pollak, zum Cassier eanä. meä. Karl Weiler. Nachdem Herr Bernhardt in wenigen herzlichen Worten für die Wahl gedankt hatte, beschloß das Convent, die Baseler Beschlüsse officiell iti’8 Vereinsprogramm aufzunehmen und sie auf der Aula zu plakatiren, ferner die Herren Dr. Carl Lippe, Nabbi M o h i l e w c r und Dr. Max Nord au zu Ehrenmitgliedern der akademischen Verbindung „Kadimah" zu ernennen. Lemberg. Samstag den 16. d. M. fand in dem Locale des Vereines „Zion" eine zahlreich besuchte Versammlung der jüdischen Handlungsgehilfen statt, die seit kurzer Zeit einen eigenen Verband „Floria" bilden. Es ist eine erfreuliche Thatsache, daß viele Handlungsgehilfen, die früher im socialdemokratischen Lager standen, nunmehr zu uns, den Zionisten zählen, offenbar beginnt es ihnen einzuleuchten, daß für sie nicht der Platz ist in der Reihe der polnischen Socialdemokraten. An die vielen Reden, in denen auf die Bedeutung und Ziele des Zionismus hiugedeutet wurde, reihte sich ein mit vielem Beifall auf¬ $euil Mein Großvater. Von R. Braini« (Fortsetzung.) In den Büchern, die auf dem Brett ordnmigslos umherstandcn, pflegte mein Großvater jeden Morgen, sowie an Sabbathen und Fcstiagen zu studiren. Er hatte sie sich am Munde abgespart, dafür waren sie auch sein Stolz, sein Trost und der einzige Schmuck seiner Wohnung. Die meisten Bücher, die auf dem Wandbrett standen, waren für mich Bücher mit sieben Siegeln, denn sie waren kabbalistischen Jnhalis. Aber das wußte ich, daß sie alle tiefe Weisheit enthielten und ihr Studium sehr verdienstvoll sei. Bald hatte ich mir ein Buch gewählt. Noch heut erinnere ich mich genau dieses Buches. Es war ein schwarzer Leinwandband mit abgerissenen Ecken, dessen Rücken in fast blinder Gvldschrift die Worte: „Sepher hajoschor“3) auswics. Das freie Vordcrblatt war als Familienkalcnder benutzt und enthielt Aufzeichnungen von der Hand meines Großvaters. Mit großer Vorsicht schlug ich das Buch auf. „Sei vorsichtig, mein Kind, daß du mir kein Blatt zerreißest oder zerknitterst, der Großvater wird böse sein." „Du kannst ruhig sein, Großmüttcrchen", erwiderte ich, „ich weiß, wie man mit Büchern umgeht. Jeden Abend lese ich in den Büchern des Vaters und noch nie ist mir dergleichen vorgekommcn." Meine Großmutter zündete ein kleines Lämpchen an und stellte es auf den Ofen. „Kommt her, Kinder", sagte sie, „setzt euch zusammen, so werdet ihr euch besser erwärmen; iui Zimmer ist es bitter kalt." Der Ofen war sehr geräumig, so daß Alle Platz finden konnten. Die Kinder rückten dicht aneinander und lagen unvcwegelich, als wäre das Blut in ihren Adern zu Eis geronnen; die Großmutter kauerte sich in einer Ecke zusammen. Keiner bewegte sich, Niemand brachte einen Laut hervor, Niemand wagte das ticfe Schweigen zu brechen, das auf uns lastete, das fürchterliche, brütende Schweigen der bittersten Armuth. In den letzten Jahren habe ich Gelegenheit gehabt, in den großen Städten die offene Armuth kennen zu lernen, lüe sich des Tageslichts n.ht schämt und sich stürmisch an die Oberfläche drängt. Die Elenden und Beladenen kennen die Ursache ihres Elends und fordern geräuschvoll ihren Anthcil am Leben. Die Armuth bei meinem Großvater war eine verschwiegene, verschämte, ohne Naisonnemcnt und Forderungen. genommener Vortrag des Herrn Leo Kofflcr an: „Heber das jüdische Theater". Watra Moldawitza (Bukowina). Herr Carl R e in h o l d 1 sprach am Ausgange des Laubhüttcnfestes in unserer Stadt über den Zionismus. Seinen Anregungen ist es zu verdanken, daß sich ein zionistisches Comile, dem die Herren Wild mann, Herer. Locken und Fischler angehörcn, zum Zwecke der Propagierung des Zionismus in der Bukowina konstituiert hat. Samvar Unser Zionsvcrein, der vor drei Jahren gegründet, eigentlich doch nie so recht Anklang in der hiesigen Bevölkerung gesunden, hat seine Auferstehung gefeiert. Äm Vorabende des Versöhnungsfestes wurden Gelder für den Nationalfond gesammelt, und die lebhafte Theilnahme, die hauptsächlich die Orthodoxen einer jeden zionistischen Anregung enlgegenbringen, haben die Herren A. Teich, F. Lau ginger und W. Ä l t b a ch veranlaßt; neue Zionsvereine und Ortsgruppen zu gründen. Zeitschriften-Rundschau. Der unverfälscht deutsche Blätterwald ist wieder um ein Exemplar bereichert worden. Drein Teichen erscheinende „Silesia", früher ein „liberales" Organ, ist unter der Einwirkung des verschärften Nationalitätenstreites dcutschnational geworden. leton. Ich begann mit großem Eifer die wunderlichen Erzählungen des 8sphsr hajoschor zu lesen und vertiefte mich immer mehr in die fremdartige, phantastische Märchenwelt, die sich vor mir aufthat. Die anderen Kinder lauschten begierig jedem Wort, das meinen Lippen entschlüpfte und ihre Augen blitzten vor Freude. Der Hunger war vergessen. Wie schön ist doch das Lesen in der Jugend! Man übt dann keine Kritik, man glaubt jedes Wort der Erzählung, alles mit hebräischen Buchstaben Gedruckte ist fertig, ist untastbar. .Plötzlich ward das Lesen unterbrochen. Die Thür öffnete sich und der Großvater trat ins Zimmer.' Ich sah, wie er irgend etwas auf die Bank legte. Die Kinder reckten sich empor und erhoben ihre Köpfchen, als wollten sie das Brot erreichen, auf welches sie schon den ganzen Tag geduldig ge< wartet hatten. „Was hast du da auf die Bank gelegt? Hast du Brot gebracht? Häringe gekauft?" fragte die Großmutter. Ihre Morte drückten freudige Zuvei sicht aus. „Ein todtes Kind habe ich gebracht; ich werde es sogleich begraben, nur will ich mich zuvor noch etwas erwärmen." Die Kinder ließen wiederum den Kopf hängen. Tiefe Seufzer und leises Weinen ließen sich vernehmen. „Und was werden wir essen?" fragte die Großmütter. „Was wir essen werden? das heißt, was werden die Kinder essen? das ist wirllich schwer zu sagen. Es wollte mir heute durchaus nicht gelingen, ein paar Groschen zu verdienen. Vergeblich habe ich mir die Füße müde gelaufen, nirgends eine Spur von Arbeit. Auch für geleistete Arbeit will Niemand zahlen. Baruch hat mir noch keinen rvthen Heller für das Begraben fernes reichen Onkels gegeben, dessen Vermögen er doch geerbt hat; auch vom Gemcindcvorstcher habe ich noch nichts bekommen, obgleich ich sein Kind bei furchtbarem Unwetter begraben mußte. Oder soll ich etwa die arme Witwe Channe drängen? Schon genug, daß sie drei Kinder begraben mußte. Soll ich ihre Seele nehmen?" Die Großmutter seufzte und schwieg. „Warum seufzest du, Debora," fragte .der Großvater mit zärtlicher Theilnahmc. „Soll ich etwa nicht seufzen, wenn du schvnseit langem für deine Arbeit nichts erhältst? Es sterben nur die Annen, die nicht so viel hinterlasscn, um die Begräbniskosten zu bezahlen. Brot ist schon seit lange nicht mehr im Hanse und Schulden Hab' ich mehr, als Haare auf dem Kopf. Chawc schulde ich ein Maß Erdäpfel, bei Riwkcn Hab' ich Mehl geliehen und bei Rochel ein ganzes Brot. Gott weiß, wann ich's ihnen werde bezahlen können! Alles im Hause ist verpfändet, bald werden wir Schulgeld zahlen müssen. Was *) Das Buch der Gerechten.

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