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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Belgrad [Nachricht] / -mic-
Date
1897-10-22
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14. MHWt? Nr. 21. Schule, Armenwesen rc. mit beinahe unbeschränkter Machtbefugnis schalteten und walteten. Es mag sein, daß die Verwaltungsmethode dieser Repräsentanz nicht immer einwandsfrei war; auch sollen ihre Verhandlungen nicht allen Regeln eines modernen Parlaments, entsprechen, doch ist es bis jetzt hier schlecht und recht so gegangen, und unser löblicher „Skup" hat noch keine planmäßig „geschulte" Opposition gegen sich gehabt. Diese ist ihm jetzt in der „Zajednica" (Union) erwachsen. Unter dtesem Namen hat sich vor ungefähr einem Jahre eine Vereinigung jüdischer Jünglinge hier gebildet. Es ist keine Srudentenverbinduug nach den in Oesterreich und Deutschland herrschenden Begriffen, sondern ein Verein junger Leute ohne Unterschied des Berufes. Allerdings präponderirt in ihm das studentische Element, die sogenannten „Omladinisten". Der Zweck der „Zajednica" ist, die ethische und wissenschaftliche Ausbildung der jüdischen Jugend und die Pflege der serbisch-patriotischen Gesinnung. Diese jungen Leute nun wollen an der Verwaltung der Gemeinde-Angelegenheiten mit theilnehmen, sie wollen mit dem althergebrachten, unmodernen System brechen; sie verlangen Reformen in Tempel und Schule, Verbessernng der Armenpflege, Oeffentlichkeit der Verhandlungen u. A. m. Da nun die „conservative" Partei ihnen nicht nachgibt, sind Hader und Zwistigkeiten an der Tagesordnung. Dazu kommen auch noch persönliche Differenzen und Rancunen, welche den ohne dies erbitterten Kampf noch mehr vergiften. Ueber die Stellungnahme unseres Cultusvorstandes zum Zionismus habe ich Ihnen zuletzt berichtet. Von besonderem Interesse erscheint mir die Denkart der jugendlichen „Zajednica" darüber. Ich habe in der Nummer 17 der „Welt" mitgetheilt, daß zwei Omladinisten gedroht hätten, eine vor ungefähr vier Wochen angesagt gewesene Zusamammenkunft von Zionsfreunden zu stören und zu sprengen, und daß die Versammlung in Folge dessen untersagt wurde. Diese meine Notiz hat die Herren von der „Zajednica^, wie es scheint, unangenehm berührt. Sie finden darin eine Pointe gegen den ganzen Verein und seine Tendenzen und glauben an eine Insinuation von gegnerischer Seite. Der Präsident der „Zajednica" und noch ein angesehenes Mitglied haben mir deshalb erklärt, .daß sie von der angeblichen Drohung keine Kenntnis gehabt haben' und ein solches Vorgehen von Seite der Omladinisten niemals billigen würden. Trotzdem sie die politische Berechtigung des Zionismus für die Juden in Serbien nicht einsehen, sind sie — diese' zwei Herren — sowie die meisten Mitglieder der „Zajednica" dennoch sehr gute Zionisten und schließen sich der Bewegung an. —rme— Rumänien. Jassy. In der letzten Nummer der „Oesterreich. Wochenschr." (Nr. 41) wird in einem Briefe aus Budapest über eine Kanzelpredigr Gr. Ehrwürden Dr. Cohu's berichtet, in der er seiner antizionistischen Anschauung im Sinne der Protestrabbiner Ausdruck zu geben versuchte. Neue Argumente gegen den Zionismus haben wir in diesem Berichte nicht gefunden. Ob der Zionismus wirklich eine Gefahr für die rechtliche Stellung der Juden irgend eines Staates in sich birgt, darüber Hab« ich in meiner Eröffnungsrede am Congresse vor der OeffeAlichkeit meine Meinung gesagt. Ich will aber hier Herrn Cohn, der ein ungarischer Patriot und ein jüdischer Ungar ist, auf eine andere Gefahr für sein Vaterland und für dt. jüdischen Ungarn aufmerksam machen: Es herrscht in Ungarn nicht blos in antj semitischen, sondern auch in liberalen und gaüz besonders in jüdischen Kreisen ein panischer Schrecken vor der Einwanderung galizischer und russischer Juden. Nun stehen unseres Wissens in Galizien, wo nach Trachtenbergs Behauptung gar kein Antisemitismus herrscht; 300.600 durch den Antisemitismus an dm Bettelstab gerathene Juden zur Auswanderung bereit. Ebenso stehen in Rußland 500.000 Juden, die das treue Spirituosengesetz ihrer Nahrnngsqmlle beraubt hat, brotlos da. Diese müssen nun auswandern, und es liegt im Interesse der ungarischen Juden, die Einwanderung dieser Massen von der ungarischen Grenze abzuhalten. Die jüdischen Ungarn handeln daher nur im eigenen Interesse, wenn fie den Zionismus unterstützen, der für die Hundertlausende einen Abfluß nach einer gesicherten Heimstätte schaffen will. Nun, Herr Cohn gibt doch wenigstens zu, daß der Zionismus vom Standpunkte der Humaniküt aus gerechtfertigt ist. Er gibt sogar zu. daß Palästina sich ganz gut als Heimstätte eignet, weil im Judenthum noch immer die Sehnsucht nach dem Lande der Väter, lebt. Und doch findet er, daß die Zionisten besser thäten, nach dem Mu ster der Alliance israelite die Emigranten nach dem Westen, nach Amerika, zu besördern. Hier sündigt der Prediger gegen seine eigene Stellung als jüdischer Religionsweiser. Bekanntlich fällt ein großer Theil der jüdischen Emigranten in Amerika vom Judenthume ab, während der palästinensische Emigrant am Judenthume fcsthält. Das einzige, was Herr Cohn seiner eigenen Aussage nach vom Zionismus gelernt hat, ist die Organisation. Er billigt eine jüdische Organisation — aber an ihrer Spitze müßte ein Rabbiner stehen. Das sind keine hierarchischen Gelüste, durchaus nicht, aber weil der Rabbiner der einzige ist, der ein gründliches jüdisches Wissen besitzt, so hat auch nur er allein ein Anrecht auf die Leitung der Organisation. Als ob es sich beim Zionismus um specifisch religiöse Interessen handelte! Als ob Politik und Nationalökonomie iri's Gebiet der jüdischen Wissenschaft gehörten! Dabei lebt Herr Cohn in der nicht unbescheidenen Vorstellung, daß der Rabbiner ganz allein das jüdische Wissen gepachtet hat. Die Herren Protestrabbiner bemühen sich vergebens, durch ihre geistreichen Epiloge den Eindruck des Congresses abzuschwächen. Jüngst erst schreibt mir einer meiner früheren Schüler, ein ehemaliger Buchbindergehilfe aus Jassy, der sich jetzt in einer palästinensischen Colonie befindet, was für einen sympathischen Widerhall der Baseler Congreß in türkischen Kreisen gefunden hat. Man spricht in den schmeichelhaftesten Ansdrücken von den Juden und würde eine Ansiedlung von Juden aus türkischem Gebiete mit Freuden begrüßen. Soeben erhalte ich von Dr. Lupescu die Mittheilung, daß morgen den 5./17. Oktober in Bucarest eine große Zionistenversammlnng abgehalten wird. Zugleich schreibt man mir aus Braila, daß das dortige Comits eine halbmonatliche Zeitschrift mit jüdischen Lettern zur Belehrung des Volkes über zionistische Interessen herausgibt. Dr. Lippe. Amerika. Wew-'DorK. (Orig.-Corr.) „Ille xeoxle'Z Synagoge“ Volks-Synagoge nennt sich die allerneueste, unsterbliche Erfindung der reichen New-Iorker Juden, jawohl, die armen Reichen, die in der Sorge um das Wohl des armen jüdischen Volkes nicht zu Ruhe kommen können und in ihrem „edlen" Streben so vielfach verkannt werden, haben den Ghettoleuten an der New-Iorker Osiseite ein Bethaus eröffnet, wo diese den weisen Lehren eines religiösen Heuchlers lauschen dürfen. Mit Errichtung dieses Gotteshauses, das an den hohen Feiertagen unter Anwendung riesiger Zeitungs-Reclame eröffnet worden ist, verfolgten unsere „Vornehmen" einen doppelten Zweck. In erster Linie wollten sie einem ihrer gefügigen Werkzeuge zu einer wohldotirten Stelle verhelfen und mußte das „Volk", das düs „Grst des Zionismus" gierig ausgenommen hat, ein Gegengift erhalten. Und Dr. Radin, der Aaron der Volks-Synagoge hat denn auch schon in seiner Antrittspredigt über den Zionismus losziehen müssen. Freilich werden seine Rodomontaden auf der Ostseite v.on unerhoffter Wirkung fein, denn wie ich höre, hat das „Volk" die ihm großmüthig geöffnete Synagoge bereits — geboycottet. Letzten Sonntag hatte die Brooklyner Chowewe Zion unter Vorsitz des Herrn Rappaport eine gut besuchte Massenversammlung, bei welcher die Herren Dr. Sturtz, Dr. Singer und Starrels als Redner fungirten. Biele der Anwesenden schlossen sich dem Verein sofort an. Die „Loversof Lion", eine Vereinigung junger Leute, veranstalten am 12. dieses ein zionistisches Concert, bei welchem ausschließlich nationale Lieder zum Vortrage gelangen werden. Als Festredner wird Herr Dr. Michael Singer fungircn. Herr Moses Aszud, Sohn des seinerzeit hochberühmlen Jehuda Aszud, Oberrabbiner von Szardahcly, bemüht sich einen großen Zionsverein zu schaffen und cooperirt er diesbezüglich mit einem aus Palästina hier eingetrossenen eifrigen Zionisten, Herrn Stampfen. Dr. Singer plant überdies eine Agitationsreise durch die Vereinigten Staaten und wird er die Tour sofort nach Ablauf des Laubhüttenfestes antreten. perernsnachrichten. Wien. Der Einzelverein „Wien" des „Zion" gibt hiermit kund, daß von Dienstag, den 26. October all die Dienstagabende im

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