Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 21 (22.10.1897)
- Article
- Philadelphia
- Date
- 1897-10-22
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12. Nr. 21. WHitadehrHm. Der „I e w i f h Exponent" berichtet: In den letzten Monaten hat die hiesige Agitation für den Zionismus bewiesen, daß er etwas mehi5 ist, als eine Stimme in der Wüste. Es hat sich eine Anzahl von Männern gefunden, die gerade nls freie Bürger eines freien Staates sich für verpflichtet erachtet hüben,' für ihre verfolgten Brüder etwas zu thnn und sie in ihrem Streben nach einem Asyl in Palästina zu unterstützen. Sie setzten ihr Werk ruhig aber energisch fort und haben die Congreßverhandlungen in Basel mit großem Interesse verfolgt. Nachdem der Congreß das erlösende Wort gesprochen hatte, versammelten sich die Gründer des Vereines „Ohave Zion", dessen Mitgliederzahl sich bereits auf mehr als 100 beläuft, am 25. September zum Zwecke der Constituirung. Der Zweck des Vereines ist: 1. Die Förderung der Colonisation und der Industrie in Palästina. 2. Die Pflege der nationalen Idee durch Errichtung einerjüdischen Bibliothek in Philadelphia, die alle nationalen Werke unserer Literatur, auf die wir stolz sein sollten, zu enthalten hätte. Zum Zwecke der Einberufung eines großen Meetings am 16. October wurde ein besonderes Comite eingesetzt. Während der Versammlung langte noch ein Schreiben von Dr. Salomon Solis-Cohen ein, worin derselbe seine zionistische Gesinnung zum Ausdrucke brachte und um Aufnahme in den Verein ersuchte. Dasselbe Blatt berichtet an anderer Stelle: „Das Comite hat sich bereits an die Arbeit gemacht und kann schon Erfolge aufweisen. Ein Aufruf der ,Ohave Zion* wurde am Neujahrstage von den Rabbinern und Präsidenten in 17 Synagogen und Vereinen vorgelesen. Die ,Ohave Zion* — schließt das Blatt — haben eine für unsere Gemeinde und ganz Israel wichtige Aufgabe zu erfüllen; wir sehen daher dem nächsten Meeting als einem großen Ereignisse in der Geschichte unserer Gemeinde entgegen." Lorrespondeirreir. Oesterreich-Ungarn. Wien« (Orig.-Corr.) Gegen den Bescheid des k. k. Ministeriums des Innern, womit die Statuten des israelitischen Gemeindebundes zurückgewiesen und die Gründung desselben vmboten wurde, haben vor mehreren Wochen die Proponenten eine Beschwerde an das Reichsgericht überreicht. Hierüber wird am 23. dieses Monats, 10 Uhr Vormittags, die öffentliche Verhandlung stattfinden. Deutschland. Norm a. Hth. (Orig.-Corr.) Eigentlich sollten unsere germanischen Reformrabbiner dem Zionismus dankbar sein, der ihnen die Gelegenheit bot, ihre Existenz zn beweisen und ihre „geistigen" Waffen, die beinahe schon eingerostet sind, zu benützen. Man hat sonst selten das Vergnügen, von einem Maybaum, einem Vogelstein oder gar einem Leimdörfer zu hören. Ja, es gibt viele „Deutsche jüdischer Confession", die bisher kaum jemals erfuhren, daß wir solche große Führer in Israel haben. Aber auch in ihrem eigentlichen geistlichen Berufe hat ihnen der Zionismus gute Dienste geleistet, denn er bietet immerwährend Stoff zur Predigt. Wir im schönen Bonn sind so glücklich, einen Rabbiner zu besitzen — Dr. Cohn heißt der Urgermane — der sich die Bekämpfung der zionistischen Bewegung im Namen des Patriotismus zur Lebensaüfgabe gemacht hat. Am zweiten Tage des Rosch Haschana, also am höchsten Nationalfeste des jüdischen Volkes, hielt dieser originelle Rabbi von der Kanzel herab eine flammende Rede gegen den Zionismus, und er donnerte im heiligen Eifer gegen unsere gefährlichen Bestrebungen. Er verglich die Zionisten mit den falschen Propheten und beklagte es, daß „unreife Jünglinge des slavischcn Volkes" — wie großartig! — diese verderbliche Idee nach Westdeutschland brachten. Jeruscholajim bedeute Frieden, die Juden Bonns haben den Frieden, er§o ist Jeruscholajim in Bonn. Das ist eine ebenso kühne als einfache Lösung der Judenfrage. Man glaubt gar nicht, wie leicht dieses Problem zu lösen ist, wenn man es nur richtig anfaßt. Vielleicht hat der Herr Rabbiner schon einmal von dem gewaltigen Heer jüdischer Proletarier in Galizien, Rußland und Rumänien etwas gehört, wo will er diesen Aermsten ihr Jeruscholajim gründen? Nun, das sind „Slaven", die ihn, den Nachkommen der Teutonen nichts angehen. Aber er braucht gar nicht so weit zu gehen, es fehlt auch in seiner nächsten Nähe an den Symptomen der Judennoth nicht. Sie äußert sich freilich nicht in der krassen Form der Brodfrage, sie ist ein Kampf um die Ehre, ein Ringen um die innere Existenz. Wenn die jüdischen Studirenden in Bonn grundsätzlich aus allen Verbindungen und Burschenschaften ausgeschlossen werden, wenn ein geselliger Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden zur größten Seltenheit gehört, dann kann diese Friedensburg am Rhein doch nicht gar zu fest sein. Und wie sieht es im inneren jüdischen Leben in Bonn aus? Eine Jntereffenlosigkeit, eine Gleichgiltigkeit und Unwissenheit in allen jüdischen Dingen, wie sie schlimmer kaum gedacht werden können. Außer Rosch Haschana und Jom Kippur wird wohl der Herr Rabbiner kaum wahrnehmen, daß es in Bonn eine jüdische Gemeinde gibt. Und wer hat aus dem Judenthum diese Caricatur gemacht? In erster Reihe diese tragikomische Assimilationssucht, die das alte jüdische Wesen verbannte, und eine Reform nach christlich-germanischem Muster schuf. Unser Herr Rabbiner aber scheint von allem dem nichts zu wissen, und er kennt nur einen Feind in Israel, den man bekämpfen muß, das Nationaljudenthum. Wie groß und hehr aber muß dieser Zionismus sein, wenn man gegen ihn nur hohle Phrasen und unanständige Worte ins Feld führen kann! Noch eine solche Predigt unseres Rabbiners, und — wir haben einen zionistischen Verein in Bonn. Frankreichs Waris. (Orig.-Corr.) Jüngst hat das Journal „La France" dem Zionismus zwei Artikel gewidmet. Ihr Inhalt ist in Kürze etwa folgender: „Zionismus," schreibt der Autor der erwähnten Artikel, M. Belz de Billas, „ist sicherlich für viele Leute ein ganz neues Wort. Der Zionismus ist vorläufig noch ein gewaltiges Project, das aber in vielleicht nicht allzulanger Zeit zu einer Thatsache werden kann. Präciser gesagt: „Es ist der Plan, einen jüdischen, unabhängigen, neutralen Staat zu errichten, der von allen Staaten anerkannt werden soll." Nachdem er des Baseler Congresses in ehrender Weise Erwähnung gethan hat, fährt M. Belz de Villas fort: „Der Zionismus ist jedoch durchaus keine Träumerei oder eine Chimäre, sondern ein Plan, welcher die Antwort gibt auf eine in Wahrheit bestehende Lage, der ganz bestimmte Voraussetzungen hat, der aus ganz bestimmten Thatsachen und Bedürfnissen sich ergibt und seinen Ursprung und seine Notwendigkeit aus der so schwierig gewordenen Lage der Juden in vielen Ländern herleitet. Diese Lage ist es, welche die zionistische Bewegung des Baseler Congresses geschaffen hat, nachdem die Auswanderung der Verfolgten nach freundlicheren Ländern beschlossen worden war." Der Verfasser der Artikel zieht nun eine Parallele zwischen der jetzigen Auswanderung der Juden aus gewissen Ländern und den Zuständen in Frankreich nach dem Widerruf des Edictes von Nantes durch Ludwig XIV. und findet nur, daß es, im Gegensatz zu den Ereignissen in Frankreich, heute nicht die Reichen sind, die auswandern, sondern gerade die Armen, wo immer auch der Antisemitismus seine Waffen schärft und seine Fahnen wehen läßt. Hierauf läßt der Autor eine kurze historische Uebersicht der zionistischen Bewegung folgen, wobei er übrigens Dinge vorbringt, die noch keineswegs als factisch gelten können. Er sagt: „Heutzutage ist dos alles mehr als je zur Sache der Allgemeinheit