Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 21 (22.10.1897)
- Article
- Jamboli
- Date
- 1897-10-22
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 21. Seite 11. Wir haben eine Regierung, und eine Volksvertretung, aber wir haben kein Brot. Die Wochenmärkte, die früher an Wochentagen abgehalten wurden, wurden nunmehr auf den Samstag verlegt. Wir können nichts kaufen und nichts verkaufen. Wovon sollen wir leben? Unsere Hilfe ist nur der Zionismus. Wir sind junge, kräftige Leute und haben schwere Arbeit gelernt. Wir wollen arbeiten und wollen alles thun, was man von uns verlangt, aber nur nicht mehr das Wort „Isclrekut marsch at tuka". Wir wissen auch, daß wir leider warten müssen. Und wir haben uns zusammengefunden zu einem Verein. Wir sammelten Geld, soviel wir uns vom Munde absparen können. Aber wir sind hilflos und bitten alle zionistischen Vereine in Bulgarien uns nach Kräften zu unterstützen, die erschienenen spaniolischen Brochnren uns zu übersenden und uns nach Judenbrauch beizustehen. I. Rosenfeld. Hielgrad. An beiden Neujahrstagen und am Jom Kipur hatten wir Zionisten eine freudige Ueberraschung. Im großen Tempel wurden vor der Thora Beiträge für den zionistischen Nationalfonds gespendet, unter Anderem vom Vice-Präsidenten unseres Cultus-Vorstandes und vom Präses der „Zajedmca" einem jungen, intelligenten Staatsbeamten. Im neuen Tempel hat unser Rabbinats-Stellverter in der Predigt den Baseler Congreß rühmend erwähnt und die Verpflichtung aller Juden betont, die nationale Action mit Liebe und Hingebung zu fördern. Die Gründung eines zionistischen Vereines in Belgrad ist bevorstehend. Fast olle unsere Juden, mit nur wenig Ausnahmen, sind jetzt schon dafür, und auch diese wenigen werden nach und nach zu uns kommen. Principielle Gegnerschaft besteht ja kaum. VorZion müssen alle kleinlichen Interessen und Raucünen schweigender Name Zion sei unser heiliges Panier, um welches alle Juden sich brüderlich vereint scharen müssen, Zion sei der Bund aller Juden ohne Unterschied des Standes, Alters, der politischen oderreligiösen Gesinnung. — mic— Starokonstimlimrv (Rußland.) Von Basel fuhr ich nach Bialystok. Dort begab ich mich sofort in die Kaufmannsstraße und nach wenigen Augenblicken stand ich vor der ehrwürdigen Gestalt unseres Rabbi Samuel M o h i l e w e r. Ich mußte ihm von allen Einzelheiten des Congresses erzählen. Bon einigen Führern sprechend, bemerkte Rabbi Samuel: „Um den Charakter dieser Männer beurtheilen zu können, muß man nur ihre Art zu handeln, betrachten. Alles ist in ihnen von Wahrheit und Offenheit bedingt. Es ist nur bedauerlich, daß es nun doch zu einem Confticte zwischen der Bewegung und den reichen Juden gekommen." Und als das Gespräch auf die Bedeutung des Congresses überging, sagte der Rabbi in jener bestimmten, abgerundeten und ausdrucksvollen Weise, welche so recht sein Wesen charakterisirt: „Der Congreß ist ja der Messianismus." Ein Herr, den ich bei dieser Gelegenheit kennen lernte, erzählte mir von der geradezu unglaublichen Veränderung, die der Baseler Congreß in der Gesinnung der Polen „mosaischer Confession" hervorgerufen. Er sei wie ein Sturmwind gekommen, der alles mit sich fortreißt und fortwirbelt. Lodz, die Residenz dieser Polen, sei nunmehr fast ganz jüdischnational. Nach kurzem Aufenthalte fuhr ich weiter in meine Vaterstadt Slawuta. Und da begann ich erst zu staunen, denn unsere Chassidim, die zu den charakteristischesten und unversöhnlichsten ihrer Secte gehören, sind Zionisten, aber nicht moderne Zionisten, sondern jene alten Zionisten, die in ihrer Begeisterung Mauern einrannten und Völker besiegten. Der Zionismus bildet jetzt ihren ganzen Lebensinhalt, und sie sind Menschen von Gefühl und Leidenschaft. Und wie das Zionsideal ihre Herzeu erschlossen hat, so hat es auch viele alte Borurthcile, die geradezu als unüberwindliche Bollwerke gegolten haben, vernichtet. Sie, die in der Religion und in religiösen Formen das Einzige erblicken, beten täglich für die Führer unserer Bewegung. Rabbiner Jo se pH S eff. Kiew. Am 5./17. October fand hier eine Versammlung der jüdischen Intelligenz statt» wo der hiesige Delegirte, der greise Professor Mandelstamm über den Congreß und die Ergebnisse ^desselben referirte. In einer zweistündigen Rede schilderte der Redner in lebhaften Zügen die Vorgänge des Congresses und den Eindruck, den derselbe auf ihn gemacht hat. Er ließ nicht die Gelegenheit vorüber gehen, jene Practischen zu rügen, dieblos auf das Naheliegende sehen, ohne die Endresultate ihrer Thätigkeit zu beobachten. Sie glichen, meinte der Professor, den Aerzten, die die Symptome und nicht die Ursachen der Krankheit heilen. Auch ist er gegen die hiesige Jugend losgezogen und stellte ihr die österreichische Studentenschaft gegenüber, die er in ihren Vertretern auf dem Congresse kennen gelernt habe. Am Schlüsse seiner Rede bat er die Anwesenden, sich mit der Frage näher zu beschäftigen und dem Zionismus mit allen Kräften beizustehen, da er geeignet sei, die Judenheit aus der Roth zu erlösen und dem Judenthum seinen einstigen Glanz wiederzugewinnen. Indem letzten Hefte der Monatsschrift „Russkoje Bohatstwv", das dieser Tage erschienen ist, befindet sich eine bemerkenswerthe Correspondenz aus der Schweiz über den Baseler Congreß. Diese Monatsschrift, an deren Spitze zwei so bedeutende russische Schriftsteller, wie Michailowsky und Korolenko stehen, hat auch einen Correspondenten nach Basel geschickt. Das will was sagen! Herr Kowrow, anspielend auf die bekannten Worte des Baseler Rabbiners, beginnt seine Correspondenz damit, daß er diese Bewegung unterschätzt habe. Dann geht er zur Geschichte der zionistischen Bewegung über, die er ziemlich ausführlich behandelt. Zum Schlüsse seiner sehr warm gehaltenen Correspondenz meint er, um dieser Bewegung Werth und Leben zu verschaffen, genügten die Beschlüsse des Congresses nicht, dazu müsse man einen Staat und Juden haben. „Aber jedenfalls wird die zionistische Bewegung, von der öffentlichen Meinung ernst behandelt, viel Licht und Leben in diejenigen Kreise der Judenheit hineintragen, deren Demoralisation Max Nordau so drastisch und beredt geschildert hat." Der bekannte Jargon-Schriftsteller Scholaum-Alechem übersetzt Nordau's Rede ins jüdisch-deutsche. Ueber den Baseler Congreß erscheint demnächst in Odessa eine Brochure. Wew-Aork. Herr Dr. Richard Gottheit, Profeffor de,' orientalischen Sprachen an der Columbia-Universität in New- N or k, ist im Begriffe, einen zionistischen Club zu gründen, dem die Aufgabe zufallen soll, die zionistische Idee durch Erörterungen, Borträge und gesellige Zusammenkünfte zu fördern. Es gibt freilich in New-Aork bereits eine stattliche Anzahl von zionistischen Vereinen, aber diese befinden sich hauptsächlich in den Vierteln de^ polnisch-russischen Juden. Der Club soll nun seine Mitglieder aus den Kreisen der amerikanischen Juden bekommen, und dazu ist die beste Aussicht vorhanden. Trotzdem die New-Iorker jüdischen Blätter fast durchwegs dem Zionismus kühl oder gar feindlich gegenüberstehen, hegt Professor Gottheil die Ueberzeugung, daß es nur der richtigen Anregung bedarf, um auch in den reichsten und modernsten jüdischen Kreisen dem Zionismus warme Freunde zu gewinnen. Professor Gottheil har sich an das Central-Comite um Information behufs Einrichtung eines Clubs gewendet, da er es für ersprießlich hält, wenn die Zionisten der ganzen Welt dieselben Methoden befolgen Zugleich bittet er um Zusendung von Abzeichen und Postkarten, wie sie die Mitglieder des Basler Congresses bekamen. Im Winter gedenkt er eine Anzahl Vorträge über den Zionismus zu halten.