Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 21 (22.10.1897)
- Article
- Zionismus in England
- Date
- 1897-10-22
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 21. große Erfolg des Baseler Congrrffes hat die „Choveve Zion" darüber belehrt, daß ihre Zurückhaltung nicht berechtigt war, und Bentwich hat die Empfindung gehabt, daß cs an der Zeit sei, in ernster, maßgebender Weise das Verhältnis des englischen, Zionismus, wie ihn die „Choveve Zion" Hochhalten, zum Zionismus deS Festlandes, wie ihn Herzl geschaffen hat, klarzustellen. So entstand der Essay in der Monatsschrift „The Nine-, tcenth Century", dessen Titel: „Philo-Zionisten und Antisemiten" allerdings nicht aufs glücklichste gewählt ist, so wie die Uebersetznng des schönen Wortes „Choveve Zion"' durch „Ph,lo- Zionist" zweideutig, irreführend und unhaltbar ist. Der Artikel selbst hat durch den Ort, an dem er zum Abdrucke kam, in der Anlage nicht gewonnen. Bentwich spricht im „The Nineteenth Century" zum großen Englisch lesenden Publicum der ganzm Welt, zu Juden und Christen, zu Judcnfreunden und Antisemiten, zu Zionisten und Antizionistcn, zu Eingeweihten und zu Leuten, welche von der Judenfragc, den Juden und ihren Hoffnungen die nebelhaftesten Begriffe haben. Bentwich wollte diesem ungeheueren Publicum gerecht werden — das hat seinem Essay nicht genützt. Um die dem Publicum des „Nineteenth Century" unbekannte Größe der „Choveve Zion" an eine bekannte anzuschließey, knüpfte Bentwich an die Aufsätze des Dr. Emil Reich an, der in der gleichen Zeitschrift einmal über die Juden überhaupt, ein andermal über die Zionisten, aber auch über die Protestrabbiner hergefallen ist. Bentwich nimmt sich die sehr überflüssige Mühe, die Jrrthümer dieses Dr. Reich zu berichtigen und seine Vorwürfe zu entkräften, dann erst kommt er auf den Baseler Congreß und endlich zum Kern seines Essays, der oratio pro ckomo, der Rechtfertigung dessen, was die „Choveve Zion" erstreben. Es ist recht schade, daß die warme Sprache, die schönen Gedanken und werthvollen Thatsachcn des Essays wegen der verfehlten Anlage nicht ganz zur Geltung kommen. Denn wir haben allen Grund, uns über den Artikel zu freuen. Herbert Bentwich zeigt uns darin, daß wir eins sind, mit den „Choveve Zion", nicht nur in unseren Zielen, sondern auch in den Mitteln und Wegen. Bentwich hat am Ideale Herzls, das auch das Ideal aller festländischen Zionisten ist, nichts anderes auszusetzen, als den Sestor Negotiorum Judaeorum, den Siebenstundentag, das „Truck-System", die Republik. Eine Auswahl von markanten Stellen auS dem Essay soll das Gesagte belegen. „Der Antisemitismus, dem man sonst wahrlich nichts Gutes nachsagen kann, hat doch etwas Gutes, wenn nicht geschaffen, so doch an die Oberfläche gelockt — das Bewußtsein unserer Volkseinheit, die geschichtliche Gemeinschaft in der Judenheit. Herz und Seele Judas sind aufgewühlt worden! Was in der Stickluft des Ghetto als heroischer Keim, als stille Neigung schlummerte ist zur Sturmflut nationaler Empfindung geworden. Neu war uns diese Empfindung freilich nicht, denn, wie Dr. Emil Reich sehr richtig sagt, „als die Anderen die Fibel des Nationalitätenbegriffcs buchstabirten, hatten die Juden bereits ausführliche Lehrbücher dieses Begriffes." Dr. Reich meint allerdings, dieses Gefühl und die damit verbundenen Bestrebungen seien ein Beweis dafür, daß den Juden der Patriotismus abgehc in jenen Ländern, wo sic nur Gäste sind. Diese Behauptung ist oft ausgesprochen und ebenso oft widerlegt worden; in England wenigstens wurde sie vor einigen Jahren cndgiltig in dieser Zeitschrift erledigt. Aber die erste Antwort auf die Frage: „Kann der Jude ein Patriot sein?" ist die: „der Jude ist Patriot, und zwar nicht nur in jenen friedlichen Siegen, in denen die Juden aller Länder von jeher den hervorragendsten Antheil nahmen, wie die zahlreichen Schriftsteller ersten Ranges, die politischen Führer und Künstler unserer Zeit bezeugen, sondern auch in Kriegen, gleichviel, ob er gut behandelt oder verfolgt wird — wie die heldenmüthigen Thaten der Juden während des deutsch-französischen und russisch-türkischen Krieges bezeugen, dienen ja übrigens in diesem Augenblicke 125.000 jüdische Soldaten im russischen Heere! Auf dem Baseler Congresse kam im Herzen Europas zum erstcnmale seit Beginn der Diaspora ein Familienrath der Juden zusammen, um alle Seiten der sogenannten Judenfrage zu erwägen und die Mittel zur Lösung derselben ausfindig zu machen. Die Delegirten, die auf den Ruf Herzls von Ncw-Iork und Baltimore im Westen, und Jerusalem und Jaffa im Osten, von Petersburg und Riga im Norden, von Fiume und Cvnstantine im Süden kamen, traten einander wie Brüder entgegen, die lange getrennt gewesen waren und gleich ihren Vorgängern in Babylon vor mehr als zweitausend Jahren hoben auch sie die Hände zum feierlichen Schwur: „Wenn ich Dein vergesse, o Jerusalem!" Da trat sie zutage, die ewige Jugend der jüdischen Empfindung, welche die gleiche ist in allen Ländern der Diaspora. Das ist Herzls Werk! Alle Einwände gegen seinen ursprünglichen Plan verschwinden davor in nichts. Rabbiner haben gegen den Congreß protestirt? Alle Rabbiner der Judenheit hätten jahrhundertelang über die Judenfrage Nachdenken können, ohne eine solche Wiedergeburt der alten Ideale, einen solchen sichtbaren Fortschritt im Streben nach ihrer Verwirklichung erzielt zu haben, wie sie der Plan dieses Freidenkers und Journalisten aus dem Ende deS Jahrhunderts herbeigeführt hat. weltehroirrk. Wien in Afrika. In Cvnstantine fanden am 9. October Ergänzungswahlen für den Gemeinderath statt. In Ermangelung anderer Bewerber siegten die Antisemiten. Nachdem das Wahlergebnis verkündet war, fand eine große Straßcndemonstation statt. Die Menge durchzog johlend die Stadt, man rief: „Hoch das französische Vaterland!" und „Nieder mit den Juden". Der interviewte Lueger. Den Bürgermeister der Reichshauptstadt von Oesterreich, Dr. Lueger erfaßt von Zeit zu Zeit die unüberwindliche Begierde, ein schmetterndes „Nieder mit den Juden!" in die Welt hinauszuschreien. Er wird nämlich in der letzten Zeit von geheimen Seelenschmerzen geplagt. Man verleumdet ihn hinterrücks, man verdächtigt und compromittirt ihn vor den Massen, und was das Schlimmste bei der Sache ist, alle diese Verleumdungen und Beleidigungen gehen von dem Urquell alles Uebels aus — von den Juden. Juden verbreiten das Gerücht, daß Luegers Antisemitismus einzunicken beginnt, ja, daß er eigentlich nie recht existirte. Dr. Luger ein Antisemit? Ein solcher Unsinn! Sein Antisemitismus war nur eine trügerische kata morgaua, die die ungeheuren Wahlkarawanen, die hunderttausend mit wirthschaftlichen Bürden belasteten Kameele, anlocken sollte. Das Schemen muß in Nichts zerstieben, nachdem der Demagog einmal die goldene Bürgermeisterkette errungen hat. So zischeln die Juden, Lueger aber ist in tiefster Seele empört und berichtigt: Es ist vollkommen unwahr, daß mein Antisemitismus einzuschlafen beginnt, wahr ist vielmehr, daß ich jetzt den jüdischen Schülern die Schulgeldbefreiung verweigern werde. — Es ist von A bis Z erlogen, daß mein Antisemitismus abzukühlen beginnt. Wahr ist vielmehr, daß ich den jüdischen Waisenkindern die Subvention entziehe rc. rc. Diesen Paragraph 19 hat Lueger kürzlich wieder vor dem Vertreter eines ungarischen Blattes in einem Interview ausgekramt. Dr. Lueger versicherte, daß er nicht die Magyaren Haffe, sondern nur die verjudeten Zustände, die sie dulden. Die Verarmung der ungarischen Gentry, des Kleinadels, dieses Kernes der magyarischen Nation, ist nach Luegers Auffassung ein Werk der Juden. Man könne in Ungarn keinen Tropfen Wein, kein Korn Weizen, kein Pferd ohne die Vermittlung der Juden kaufen. Wenn die Wiener Gastwirthe und Weinhändler nach Ungarn kommen, so müßten sie sich an die Juden wenden, schon deshalb, weil sic deutsch sprechen. Ihnen sei der Käufer dann ausgeliefert. „In Ungarn", sagte Dr. Lueger, herrscht vielleicht die magyarische Sprache, keinesfalls aber die