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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Die Juden am Rhein
Date
1897-10-22
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6. Nr. 21. wüthend, Jude fein zu. müssen, und wüthend über diejenigen, die diesen Namen zu einem schmachvollen gemacht haben. Ern trauriger Seelenzustand, ein Moment historlscher Tragik. Im Grunde genommen ist cs eine Reaction des jüdischen Elements, das sich gegen die angenommene unwürdige Maske auflehnt und ihn mitten unter den Lachenden zu einem Unglücklichen macht. Es kommt ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß s e vm Lebensanschauung doch eine andere ist, daß seiner Natur eine andere Art von Freude besser entspricht. Dieser Carneoal hat offenbar sein Gutes, denn er lenkt von Haß und Hetze, von Zwist und Kampf ab. Er füllt die Leere des Daseins mit einem Schein von Gehalt, und das genügt den meisten. Wenn der Antisemitismus am Rhein nieurals die crasseu Formen wie in Norddeutschland angenommen hat, so ist nicht znm wenigsten der Carneval daran schuld. Der Carneoal vereinigt alle zum Frohsinn und verbannt die Parteileidenschaft und die kleinliche Streitsucht aus seinem heiteren Kreise. Aber dieser Damm, den die weise Thorheit errichtet, hemmt auch den Lauf des culturellen Fortschrittes, er mildert die Gegensätze, schwächt die Kritikfähigkeit, hindert den Kampf und vermindert die Spannkraft des geistigen Ringens. Ohne Zersetzung, ohne Kritik und ohne Kampf der Meinungen ist keine cnltnrelle Entwicklung, keine gesunde Reform' möglich. Frieden als Preis des Kampfes ist eine schöne Errungenschaft, aber Frieden ohne Kampf bedeutet auf geistigem Gebiet: Stillstand, Tod. Es ist kein Zufall, daß das reiche und schöne Rheinland trotz seiner gewaltigen industriellen und culturellen Entwicklung so wenig Männer des geistigen Kampfes, des bahnbrechenden Denkens besitzt. Man wird gar zu leicht verweichlicht und denkfaul in diesem Schlarasscnlande, wo der Kampf ums Dasein leichter, wo das Wohlleben häufiger ist. Frieden ohne geistige Regsamkeit, Harmonie, die nicht durch den Denkproceß errungen ist — sie sind im Culturlebcn nie zum Segen geworden. Die katholische Kirche, die ausgezeichnete Kemrerin der Seelenschwächen, weiß wohl, welche Dienste ihr der Carneval leistet, der ihren bösesten Feind, die Kritik, lahmlegt. Sie kämpft gegen alles an, läßt aber den Fasching trotz seiner oft verhängnisvollen Folgen auf sittlichem und wirthschaftlichem Gebiete ruhig gewähren, ja sanctiouirt ihn gewissermaßen durch dm katzmjämmerlichen Aschermittwoch. In keiner Großstadt Deutschlands herrscht so wenig politische Reise und so wenig geistige Regsamkeit, wie in Köln, der Residenz des Fastnachtstamnels. Dasselbe Bild mit einem freilich etwas anderen Hintergrund kann man im rheinischen Judenthnm beobachten. Der rheinische Jude ist, genau betrachtet, besser als sein norddeutscher Stammesgenossc, er ist gemüthlich, friedlich, schlicht, menschlich. Er hat nichts von dem so abscheulichen Kastengeiste an sich und neigt nur selten zum Streber- und Protzenthum. Aber er hat im Durchschnitt auch weniger innere Intelligenz und weniger starken Willen. Ein Kampf um Ideen hat hier schon darum einen schlechten Boden, weil er überhaupt ein Kampf ist. Der rheinische Jude ist gutmüthig, aber sehr bequem. Er will sich um keinen Preis aufregen und läßt am liebsten die Dinge, wie sie sind, wenn er auch weiß, daß sie reformbedürftig sind. Er ist zu sehr um die Erhaltung seines guten Appetits und seines gesunden Schlafes besorgt. Wie sagt doch Zarathustra: „Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und allen aus dem Wege gehen, die schlecht schlafen und nachts wachen!" Solche Menschen sind in der Culturgeschichte Objecte, die unter der Leitung idealer Führer Gutes wirken können, die aber völlig versumpfen, wenn sie das Unglück haben, einem Leiter mit niedrigen Trieben in die Hände zu fallen. Moses beklagte sich über die Hartnäckigkeit der Juden, ich hätte der rheinischen Judenheit eine Dosis von dieser national-jüdischen Eigenschaft gewünscht. Gewiß, man findet in den rheinischen Gemeinden keine inneren Spaltungen und der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Reformerthum tritt hier selten schroff hervor. Aber es ist kein Frieden aus Erkermtniß, keine Vereinigung im Dienste einerhohen Idee, sondern aus Bequemlichkeit. Es' herrscht hier in jüdischen Fragen ein fürchterlicher Jndifferentismus. Freidenker aus Behaglichkeit, Orthodoxe aus Gewohnheit oder aus Familienrücksichten — das sind keine erfreulichen Typen. Sicherlich von großem Einflüsse auf die jüdisch-culturelle Lage sind die socialen Verhältnisse. Wir haben nämlich am Rhein unter den Juden wenig Millionäre und wenig Proletarier. Unsere Brüder bilden hier einen Mittelstand, der keine großen Reichthümer aufspeichert, aber auch nicht so schwer um seine Existenz zu kämpfen braucht. Sie sind daher von den beiden Begleiterscheinungen der socialen Pole, Protzenthum und Verbitterung, vcrhälmißmäßig am wenigsten angekränkelt. Das wären ausgezeichnete Bedingungen für eine gesunde Lebensauffassung. Aber unsere Juden sehen leider die Judenfrage erst, wenn sie ihnen in der schrecklichen Gestalt der Brotfrage entgegentritt, und sie verneinen alles Elend, solange sie selbst davon verschont geblieben sind. Die deutschen Juden der Gegenwart bedürfen des Antisemitismus, wie ihre mittelalterlichen Ahnen des Ghettos bedurften — zur Erhaltung ihres Wesens. Denn ohne diese Geißel vergessen sie, daß sie Juden sind, daß sie leidende Brüder haben. Unsere modernen JAden nehmen mit Vorliebe die Schwächen aller Völker und Stämme an, und sie copiren mit Stolz all die Entartungen und Verirrungen, an denen unsere Zeit so reich ist. Der rheinische Jude ist derartig partikulariftisch gesinnt, daß er den norddeutschen „Staatsgenossen jüdischen Glaubens" mit dem höhnischen Ephiteton „von hinter Berlin" bezeichnet. Einer, der seine Brüder als fremd bezeichnet! Er begreift nicht, wie tragikomisch das ist. Dem rheinischen Juden zu beweisen, daß der russische Jude sein Bruder ist, dürfte ungefähr so leicht sein, wie die Quadratur des Kreises. Es gibt leider am Rheine Juden, die den in Rußland geborenen Stannuesgenoffen mit einem vergifteteren Haffe, als die Antisemiten dem Inden begegnen. Das ist die Schmach des modernen Salonghettos, das ist die edle Frucht von der Menschenliebe triefenden Assimilationslehre. Aber wenn die Zeichen nicht trügen, werden auch bald unsere rheinischen Brüder einsehen, daß diese Erscheinungen nicht darum zu existiren aufhören, weil man naiv die Augen schließt. Im Grunde genommen haben die Juden am Rhein ebensowenig aufrichtige Freunde unter ihren arischen Mitbürgern, wie die andern Söhne ihres Volkes. Das Buhlen um die Gunst der Herren Nichtjuden und ihre nationale Entwürdigung nützt ihnen nicht einmal für den Augenblick. Die unerbittlichen Gesetze der Natur und der Geschichte werden hier das bewirken, wozu die Vernunft ohnmächtig ist. Christen üb&v die Iudenfrage. Baron M. Mankeuffrl. In dium an einen Wiener Freund gerichteten Schreiben äußert sich der bekannte Zionsfreuud Baron M. Manteuffel über den Congreß und den Zionismus folgendermaßen: Theurer Freund! Das waren in Basel. drei unbeschreibliche Tage. Wir alle, die wir dort waren, befanden uns in einem Fieberzustande, der keine anderen Gedanken als die für den Verlauf des Congresses aufkvmmen ließ. Meine dies-

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