Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 21 (22.10.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-10-22
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21. Seite 3. Es gibt noch eine andere Nation, die man bei uns gerne wirthschaftlich isolircn möchte — die Czechen. Sie sollen von der Commune nicht beschäftigt werden, man soll nichts bei ihnen kaufen u. s. w. Die Czechen aber wissen, was sie zu thnil haben. Die Czechen wissen, daß man sich vor ihrem Flech, vor ihrer Nüchternheit, vor ihrem Eifer fürchtet. Die Czechen schließen sich fest aneinander, die Czechen schämen sich tivtz aller Volkssängcrwitze ihrer Nationalität nicht, und von der Blässe des Assimilirungsgedankens sind sie nicht angekr.:i>k.lt. Die Czechen sind gescheite Leute — man kann von ihnen was lernen. * * * Dem Fraucn-Erwerbvercin ist nun auch die städtische Subvention entzogen worden. So wird alles ins politische Licht gerückt. Es muh jeder aus seiner Stube hervor, keiner kann still bleiben. Und wenn sich einer damit beschäftigen sollte, Bakterien zu erforschen, man wurde doch fragen, ob cs jüdische oder christliche Bakterien sind. Der Fraucn-Erwerbverein! Man hätte geglaubt, es gäbe nichts Farbloseres, als diese gemeinnützige Institution. Nun vernimmt man plötzlich, daß auch hier die „wirthschaftliche Jsolirung" vorgenommen wird. Nur weiter so. -ft -ft Die Judenschaft Berlins gerieth dieser Tage in Aufregung. Das „Daheim" brachte die Nachricht, es befinde sich eine jüdische Verbrecherkneipe mit streng ritueller Küche in Berlin. Daraufhin Anfragen des Centralvereines an die Redaction nach der Adresse jener Kneipe. Die Redaction verweigert natürlich die Auskunft und schickt die aufgeregten Juden zur Polizei. Dort erhielten sie folgenden Bescheid, derben Kern der Sache mit seltener Sicherheit trifft: „Ich benachrichtige den Verein ergebenst, daß ich keine Veranlassung finde, Nachforschungen darüber anzustellcn, ob unter den zahlreichen .Schanklocalen, in denen vorzugsweise bestrafte Personen verkehren, sich auch ein solches befindet, dessen Inhaberjüdischen Glaubens ist." — Die Juden aber werden sich wohl nicht damit zufrieden geben und auf eigene Faust weiterforschen. Bei solchen Anlässen glauben sie ja immer, die Ehre Israels stünde auf dem Spiel. Und wenn sie das einmal glauben, dann pflegen sie auch stramm vorzugehen. Nur leider — sie finden bis heute nicht immer die richtigen Momente. Auch dazu gehört Uebung, und so muß man wohl noch Geduld haben. * * * Sonntag, beit 10. October, fand in Trautenau eine Volksversammlung statt, in welcher der Abgeordnete K. H. Wolf die gegenwärtige politische Lage in Oesterreich besprach. Redner wies darauf hin, „dqß auch bei den Deutschfortschrittlichcn der Antisemitismus zum Ausdruck gekommen sei, und daß man zur Ueberzeugung komme, daß der Jude durch seine Raccneigcnthümlichkeiten eine Gefahr für das deutsche Volksthum bedeute". Die „Liberalen" sind Antisemiten geworden. Das ist der Schlußeffcct der Waffenbrüderschaft zwischen Dcutschnationaken und Deutschfortschrittlichen. Der organische Staat. Von Salom» Liebhardt (Berlin). Die Behauptung, daß die menschliche Dummheit unsterblich wäre, ist in dieser Allgemeinheit gewiß nicht wahr. Manche Formen der Dummheit sterben thatsächlich ans, und Vieles, was gegenwärtig noch lebendig scheint, wurde vom neunzehnten Jahrhundert nur oub bsnsüoio inyentarii übernommen. So z. B. hat der Teufel, seit er von Herrn Leo Taxil schmählich geprellt wurde, allen Credit verloren, und wenn man heute von Hexen spricht, so meint man damit schöne, junge Mädchen oder verführerische, junge Frauen, nicht aber häßliche, alte Weiber mit triefendem Mund und schielenden Augen. Zwar wissen die Antisemiten noch immer von jüdischer Brunncnvergiftung zu. erzählen. Aber das meinen sic' schon nicht mehr wirklich, sondern vielmehr moralisch, kraft der modernen Aufklärung. Und wenn die Cholera, was Gott verhüte, der guten Stadt Berlin jctnals einen Besuch abstatten sollte, so wird der Inhaber eines Gemüsekellers der Vorstadt nicht Inden todtschlagen, sondern seinen Keller desinficiren lassen. Aus diesem Allem ersieht man, daß menschliche Dummheiten doch nicht ewig leben, und daß hier das gute Wahrwort Giltigkeit hat: Alles zu seiner Zeit. Al'v, die menschliche Dummheit stirbt einmal, und hätten wir es allein mit ihr zu thun, so brauchten wir uns keine grauen. Haare wachsen zu lassen. Leider haben wir aber noch einen andern Feind zu bekämpfen, einen jener Unsterblichen, welcher zu allen Zeiten ein intimer Freund oder vielmehr — species feminini generis — eine intime Freundin des gesunden Normalmenschen gewesen ist. Alles stirbt ja einmal, und was einst angebctet wurde, wird nachmals verbrannt, während man dem früher Verbrannten die kostbarsten Denkmäler setzt und ihn als Märtyrer feiert. Diese eine aber, kann ich versichern, stirbt niemals und wird auch nie verbrannt, sondern, wenn nicht gerade angcbetct, doch geherzt und geliebt, wie irdische Weiber selten. Sic ist freilich verschämt und will nicht gern ihren Namen nennen, fast wie gewisse Assimilatiousjuden. Trotzdcm kann ich der dringenden Bitte des Lesers, ihm diese Unvergleichliche endlich vorzustellen, nicht länger widerstehen und will nur gleich verrathen, daß es die Göttin Trivialität ist, welche mir einen so entsetzlichen Schreck in alle Glieder jagt. Denn Trivialität ist ganz etwas anderes als Dummheit. Trivial kann auch der Klügste sein, wenn er faul und bequem ist und sich mit einer neuen Erscheinung nicht gern zu schaffen macht. Er plätschert und schwimmt dann glückselig auf der Oberfläche herum und wagt cö nicht, bis zum Grund zu tauchen. Oder, ohne Bild gesprochen, eine neue Erscheinung, eine neue Theorie, eine neue Wissenschaft wird sich immer und ewig guten Leuten und polizeiwidrig schlechten Musikanten gegenübcrsiiiden, die das Neue nicht mögen, weil cs neu ist, und in aller Eile cin.n Haufen Argumente dagegen zusammenraffen. Um aber recht eilig ein Argument zu finden, dazu ist es nöthig, daß dieses Argument auf der obersten Oberfläche liege, daß es eine Wahrheit spreche, an der nicht Mensch, nicht Ochs, noch Esel zweifelt — daß es trivial sei. Freilich braucht man nur kräftig hineinzublascn, und diese Trivialitäten werden zerplatzen, da cs natürlich kinderleicht fällt, olchc Argumente zu widerlegen. Das aber Hilst nicht viel. Die menschliche Bequemlichkeit, die ihre Ruhe haben will, und die menschliche Oberflächlichkeit, die nicht denken und begreifen mag, bekümmern sich nicht darum, ob man sie widerlegt hat, sondern setzen mit süßinniger Selbstzufriedenheit ihr zähes Stück Leben weiter fort, indem sie von Zeit zu Zeit mit behäbiger Daseinsfrcudc die alten Argumente wieder hcruutel leiern. Ich will nur gestehen, daß mich dieses Gebahrcn nachgerade nervös macht. Wenn ich diese faulen, behaglichen Lieder höre, dann stopfe ich mir gleich beide Ohren zu, wie weiland der göttliche Dulder Odysseus, als er an den Sirenen, die freilich viel süßer sangen, vorüberfuhr. Trotzdem ist es nöthig, die alten Beweise und Gegenbeweise von Zeit zu Zeit wieder hcrvorzuhol>-n, weil diese Unvergleichlichen, ich meine die Trivialen, sonst allen Ernstes glauben könnten, daß wir vor der Macht ihres Gesanges verstummt wären. Für heute will ich mich mit dem viclgerühmten „organischen" Beweis ein wenig befassen. Bekanntlich leben wir im Zeitalter der Naturwissenschaft, woraus folgt, daß der Halbgebildete versuchen wird, dem schlichten Menschenkind durch naturwissenschaftliche Phrasen Sand in die Augen zu streuen. In früheren Jahrhunderten sagte man ganz einfach : Rom ist nicht an einem Tage erbaut.