Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Article
Die europäische Conferenz
Date
1897-10-22
Page
2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315731-3381598--02194-3381713
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

©eite 2. MHVM Nr. 21. denen sie selbst eine wahre Heimat weder sein können noch sein wollenj die Bürgschaft ihres Schutzes zu gewähren.'" '■ Charakteristisch genug ist es dochdaß gerade von England her die europäische Cvnferenz zur Losung der Jndenfrage gefordert, wird. Und zwar im stricken Anschlüsse an di^ Tendenz des Zionismus! Frömmeres Christenthum als in England ist doch wohl auf" dem ^gcsammten Continent nicht zu finden^ aber dieses.Englische Chriftenthury ist zugleich von einem leidenschaftlichensHumanitcitsgefühle durchtränkt, welches auf dem Continent nicht überall zu Hause ist. Für den Armen und Bedrängten in aller Weltenweite hat man in England ein Herz. Es mag immerhin gesagt, werden, daß mit diesem Philanthrvpismus ein politischer Zwecksinn sich verbindet, den selbst Napoleon Bonaparte so wenig zu überflügeln vermochte, daß er aus Rache dem britischen Gegner dar geflügelte Wort vom „perfiden Albion" . anheftete. Aber cs ist nicht abzuschen, welches andere Motiv als das des Mitgefühls senen Zwecksinn leiten sollte, indem er eine europäische Lösung der Judenfragc anregt. Sicher ist doch, daß die jüdische Ansiedlung in Palästina, wenn sie im zionistischen Sinne sich verwirklicht, an die levantinische Küste des Mittelmeercs ein Element der Stabilität, der Wohlfahrt und der Arbeitsamkeit verpflanzen würde, das berufen und geeignet wäre, den ewigen Convulsionen der orientalischen Fiage schon durch seine Existenz als Gegengewicht zu dienen. Und'nicht minder gewiß ist es, daß in diesem jüdischen Gemeinwesen kein Platz wäre für eine gährende Rajah, durch deren gellende Schmerzcnsschreie immer wieder die Ruhe Europas aufgestört würde. Es ist ja einstweilen noch sehr fraglich, ob die europäische Diplomatie sich zu einer Cvnferenz zusammensetzen wird, wie sie die öffentliche Meinung in England fordert. Sie hat cs erfahrungsgemäß mit Fragen. idealer Art nicht eilig und ist froh, wenn es ihr gelingt,, bis zur nächsten Ecke vorhandene Schwierigkeiten abzuräumcn. Schon der Umstand, daß der kürzeste Weg von der östlichen Mittelmeerküste zum pcrfischen Golf, und nach Indien , durch die neutrale Zone, des künftigen jüdischen Staatswesens führen würde, begreift ein wichtiges diplomatisches Problem in sich, dessen ungeheure. Bedeutung niemandem entgehen kann. Eine europäische Conferenz zur Lösung, der Judenfrage vermöchte um dieses Pro-» blcm nicht apathüch hermnzukommen, aber auch nicht zu übersehen, daß alle internationale Rivalität um. die orientalische Präpondcranz in friedlichster Weise beseitigt wärewenn der Concuprenzwegnach Indien unter die Neutralität eines von allen Mächten verbürgten, keiner eigenen Gelüste der Expansion oder des politischen Ehrgeizes verdächtigen Staatswes,ns gestellt würdcr So lange die Judcnfragc eine jüdische Frage, bleibt, kann oberflächliche Anschauung sich daran klammern, daß es sich lediglich «m die Flucht vor dem Antisemitismus handle; tritt aber di« Judenfrage in den Kreis der europäischen Fragen, ein, so empfängt sie unverzüglich einen großen internationalen Hintergrund, und der Antisemitismus schrumpft zu einem mechanischen Anlasse zusammen, der nur.beschämend, aber nicht entscheidend ist. Die Thytsache her jüdischen Nationsempsindung war lange vor dem Antisemitismus da, .sie ist blos temporär verhüllt gewesen durch; den Köhlerglauben, daß mit ihrer Berläugnung auchi schon die Anialgainirung mit einer anderen Nationalität vollzogen sei. Diesen Köhlerglauben entschlossen zerstört, zu haben, ist ein Verdienst, das der Zio-» nismus für sich in Mspruch nehmen darfselbst auf die Gefahr hin, daß der. Antisemitismus ihm die.Priorität bestreitet. „Auf die Prämisse kommt es an", sagt Narciß Rameau in dem deutschen Schauspiele. Der Antisemitismus hat Schmach über alle Völker gebracht, die ihn in ihrer Mitte aufkommcn ließen; dek' Zionismus zeigt ihnen, wie sie diese Schmach von sich abstrcifcn können, sich zur Entlastung und den Juden zum Heile. So wäre einer europäischen Conferenz. der einzig gangbare. Weg gewiesen.- wenn ihr,, der englischen Anregung gemäß, die Juddnfrägc zur Lösung unterbreitet würde. Und ihre Mtglieder brauchten nicht rathloS. und verlegen in ihren. Fauteuils umherzürücken; mit.derHruuanität und dem Recht °- gesühh säße, auch, die. politische-Klugheit unter.ihnen. Ist es zu groß gedacht von der europäischen Diplomatie, wenn man ihr solche Unbefangenheit zumuthet? Die Zukunft wird es lehren, und keine allzu ferne Zukunft, falls die vorhandenen Anzeichen nicht trügen. Das folgenreiche Wort ist nun einmal gesprochen, daß die Judenfrage vor eine europäische Conferenz gehört. Und es wird nicht mehr verklingen. Unaufhaltsam wie ein Naturlaut ist es aus dem Gewissen der Zeit heraufgequollen. Der Zionismus begrüßt es als eine große Botschaft und als willkommene Ermuthigung auf dem Weg zu seinen Zielen. Die Woche. Wien, 20. Oktober 1897. Das Parlament, welches jetzt versammelt ist, hat eine sonderbar reiche Liste von Gefallenen und solchen, die fallen gelassen wurden. Den Anfang machte Mittermayer, der Pechvogel. Der Unglückselige hatte sich mit Kleinigkeiten abgegeben. Er mußte hängen, schon um des Sprichwortes willen, da man ja nur die großen Diebe laufen läßt. Nach ihm wurde Herr Bergani mit sanfter Gewalt zum „schlichten Abschied" genöthigt. Daun kam Herr Jro, der sich selbst mit unbegreiflicher Geschwindigkeit aus dem hohen Hause hinausbeförderte, und jetzt wurde auch der urwüchsige S z a j e r, kaum daß man ihn zum Abgeordneten begnadigte, von seinen Parteigenossen in die Acht erklärt. Wenn man es recht bedenkt, sind diese Leute eigentlich die schuldlosen Opfer einer veralteten Anschauung. Sie können ja nichts dafür, daß man, trotz der von ihnen propagirten Ideen, noch immer an der nun einmal eingewurzelten Gewohnheit festhält, von politischen Kämpfern eine gewisse persönliche Anständigkeit zu verlangen. Ist nur erst mit diesen unmodernen Begriffen aufgeräumt, dann werden wir noch die Freude erleben, die jetzt ausgeschlossenen Herren wieder im Parlamente zu sehen. * * * Angenehm wird es den Juden jetzt in den Steuercommissionen ergehen. Die Wahlen der IV. Classe sind durchaus antisemitisch ausgefallen, und es läßt sich denken, daß es für die Juden nicht gerade angenehm ist, von ihren Hassern „geschätzt" zu werden. Und wieder sind es die Kleinen, die zu leiden haben. In den höheren Rangclasscn werden die Juden wohl da und dort auch ihre Candidaten durchbringen, aber in jenen Schichten, in welchen die antisemitischen Gemcinderäthe gewählt werden, bleiben die armen Juden vollständig in der Minorität. Was thut das? Ihre „Vertreter" werden ihnen schon helfen. Sie werden — protestiren. ' * ’ * * * In Polen haben die Juden an manchen Orten den Spieß, umgcdrcht. Man hat ihnen dort den Antisemitismus ein wenig zu deutlich gezeigt, und nun haben sie in geschlossenen Reihen blos Stammcsgenossen in die Steuercommrssioncn gewählt. Die polnischen Führer sind sehr erschreckt darüber. Sie sagen jetzt: „es sei zwar gut, die Juden w i r t h s ch a f tl i ch zu isoliren, doch müsse man sie nicht beschimpfen!" Das erinnert au den polnischen Edelmann, der seinem Sohn den Rath mitgab: „Sei höflich — dann darfst du alles thun." * * * „Wirthschaftlich isoliren" — darin liegt der Kern jeglicher Judcnhetze, und die Juden werden nicht früher zur richtigen Erkenntniß ihrer Lage kommen, bis die Jsolirnng, die heute auf gesellschaftlichem Gebiete beinahe schon vollzogen ist, auch auf wirthschaftlichcm Gebiete gelingt. Gelegentlich bekommen die Juden auch von guten Freunden hinterrücks einen leichten Schlag. So z. B. jetzt in Innsbruck, wo man unter Deutschfortschrittlichen beschloß, daß fämmtliche Mitglieder des Landcswahlausschusses — Deutsche sein müssen. Dieser Beschluß wurde offenbar wegen der Handvoll Juden, die in Tirol leben, gefaßt. Juden, bei denen nicht mehr viel zur wirthschaftlichen wie zur gesellschaftlichen Jsolirnng fehlt. -fl * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.