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Die Welt · 1897-10-22 · 21 (22.10.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
21 (22.10.1897)
Date
1897-10-22
Page
1 (sequence 5)
Language
German
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•-——-« Krdsrtwn und Administration: Wien, II., Rembrandistraße 11. Telephon Nr. 8805. W ( Erscheint jeden Freitag. « Zuschriften sind nicht au einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, II., Atembrandstraße 11, zn richten. Uufrankirte Briefe werden nicht angenommen und ) Manuscripte nicht jHtücfQcfcnbet j Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Unzrlltt §llw«erll 13 kr. fllivntrtfihtfAlfif Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. 12 Kr.; für da S Nusland : Deutschland ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 85 Pf.. England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg, Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei. RnmLnien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 60 Cts. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 21. Wien, 22. Ockober 1897. 1. Jahrgang. Dir europäische Consrcrn;. Von Spectator. Scit dem Congrcß von Basel hat in England die öffentliche Discussion über den Zionismus nicht einen Augenblick geruht, und sie ist jetzt zu der Forderung gediehen, daß eine europäische Cvnfcrenz zusammcntrete, um die Lösung der Judcnfrage anzubahncn. Die Forderung wird gleichzeitig von radicalcr und von conservativer Seite, in dem „Daily Chronicle" und in der „Pall Mall Gazette" erhoben, woraus sich ergibt, daß sie der wirklichen Stimmung der gesaminten öffentlichen Meinung in England ohne Unterschied des Parteilagers entspricht. Wir sind von der Thatsache nicht überrascht; höchstens ein wenig nur davon, daß sie schon in so kurzer Zeit nach dem Baseler Congresse cingetreten ist. Und wenn der Zionismus so ruhmredig wäre, wie diejenigen thöricht sind, die sich täglich die Aermcl aufftrcifen, um zum Todtc ngräberdienst an ihm bereit zu sein, so würde er wohl mit gerechtem Stolze darauf verweisen können, daß vielleicht noch nie einer so junglcbigcn Bewegung wie der zionistischen die Ehre widerfahren ist, von einem Volke, dessen politische Reife keinem,Zweifel unterliegt, auf die europäische Tagesordnung gesetzt zu werden. Doch die Selbstberühmung pflegt nur den Defect an innerer Kraft zu verhüllen, und deshalb bedarf ihrer der Zionismus nicht. Er hat von Anfang an sich als eine Bewegung gesuhlt, die nicht durch geographische oder politische Grenzen einzucngcn ist, als eine internationale Bewegung mit nationalen Zielen, die ihrer Natur nach ganz bestimmt an einem Punkte anlangcn muß, wo internationale Auseinandersetzungen über sie erforderlich werden. Er vernimmt daher die englischen Rufe nach einer europäischen Confcrcnz, welche sich mit der Judcnfrage beschäftigen soll, um so befriedigter, als er zu dem Glauben Ursache hat, daß sie das Echo des Baseler Congrcsscs sind, und daß ohne den Zionismus der Gedanke einer europäischen Lösung der Judenfragc niemals und nirgends lebendig geworden wäre. Das stolze Europa hat wohl schon einmal, als es in Berlin unter dem Präsidium des Fürsten Bismarck am grünen Tische beisammcnsaß, so nebstbei und bagatcllmäßig der rumänischen Juden gedacht; aber jetzt handelt es sich um etwas völlig Anderes, um eine europäische Conferenz, welche ausschließlich der Judcnfrage halber angeregt und gefordert wird. Und zwar der Judensrage halber, wie sic von dem Zionismus formulirt worden ist, als der Frage jüdischer Heimatsbercchtigung aus von der Geschichte prädcstinirtcm Boden. Wenn sonst von dem Zusammentritte einer europäischen Conferenz die Rede ist, so empfindet man stets ein stilles Grauen. Es ist niemals ausgeschlossen, daß am Confer enztischc die Gegensätze sich verschärfen, anstatt sich abzustumpfcn, und gerade dasjenige hcrbcigcführt wird, was vermieden werden sollte. Diese Sorge entfällt, wenn die Judcnfrage in ihrer zionistischen Fornrulirung vor den europäischen Areopag gebracht wird, denn nicht über Macht und Herrschaft, über Interessengegensatz und Nebenbuhlerschaft ist zu rathschlagen, sondern über ein Postulat der Humanität und Civilisation, dessen Verleugnung für Europa bisher tief beschämend war. Hür das ganze Europa, ohne Unterschied und Einschränkung, ,svfcrn cs sich solidarisäi fühlt in seinem Eultur- und Menschlichkcitsbcdürfnisse. Diese Solidarität kann, da sie eine -Solidarität ebenso der Ehre wie der Schmach ist, dadurch -Nicht aufgehoben oder eingeschränkt sein, weil den Juden in Pen verschiedenen Staaten verschiedene Behandlung widerfährt, oder weil der Antisemitismus nicht überall der gleichen staatlichen und sociale» Connivenz begegnet. Gerade dies ist ja cm überzeugendes Merkmal der Jnternationalität der Judcnfrage, daß der Antisemitismus ein ekler Schandfleck für alle ist, die ihn, sei cs wo immer, als Mitlebende am Werke sehen, wie das Judenelend nicht minder ein Gcwissensstachel sein-sollte für alle, die, wo immer, cs mit ihren Augen sehen oder davon vernehmen. Es ist doch wunderlich. Da wird von einer bevorstehenden Fahrt des deutschen Kaisers nach Jerusalem geredet, und sofort erhebt sich auf dem Landshutcr Katholikentag der Ruf, der Kaiser möge bei dem Sultan seinen Einfluß geltend machen, damit das Cönacnlum den Katholiken zurückgegeben werde. Das Cönacnlum, das sich über den Gräbern des Königs David und mehrerer Propheten erhebt, wird, als christliches Eigrnthum beansprucht, weil cs als die Stätte, wo Christus nach der Tradition das heilige Abendmahl einsctzte, einst von einen» katholischen Orden den Türken abgckauft wurde, die cs später indes wieder an sich brachten.. Wenn nun aber die Juden mit historisch sicherlich begründetem Rechte Palästina rcclamicren, undzwar nicht blos, um cs wieder zu besitzen, sondern um Europa von dcru Judcnclcnd zu entlasten, ist dies ein minder fundirter Anspruch als der auf das Cöriacnlum? Doch der Eigcnthunisanspruch auf das Cönacnlum ist nur ein Excmpel; au die große Tendenz des Zionismus reicht cs mit dem Schicksal von Kauf und Verkauf, »vclchcs dem Cönacnlum lvidcrfahrcn, nicht heran. Die Errichtung einer gesicherten Jndcnheimstätte ist eine europäische Frage, und deßhalb versteht inan, daß sie von Europa .im Einverständnisse mit dem Sultan gelöst werden »nuß. Der Sultan kann der Judenhcimstätte die örtlichen Bedingungen cinränmcn, aber gleichzeitig ist cs die Sache der europäischen Staaten, den entlassenen Jude»»,

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