Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Mein Großvater
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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1 Seite 16. Ich fand die Kinder zu Hause, denn auch sic hatten ihren schulfreien Tng. „Ich bin gekommen, um mit euch zu spielen", sagte icch zu meinen kleinen Onkeln, die mich sogleich umringten und' umarntten. Ihre Freude über mein Erscheinen war sehr groß, denn da sie fast immer barfüßig waren, konnten sie nirgends hin, und frcmde lebendige Kinder pflegten zu ihnen aus Furcht vor den Tobten nicht zu kommen. „Gut, wir wollen spielen!" stimmten die Kinder freudig ein. „Ich werde der Todtengräber sein", rief der Aelteste von ihnen. „Und ich der Tobte!" schrie der Jüngste, vor Freude hüpfend. „Und wir die Todtcnwärter", sagten die Uebrigen. Hierauf streckte sich der Jüngste auf dem Fußboden aus und schloß die Augen. Er sah wirklich wie ciu Todter aus: sein mageres Gesichtchen war blaß, die Augen eingefallen, der kleine, dürre, mit einem schwarzen Tuch bedeckte Körper gab kein Lebenszeichen von sich. Eines der Kinder nahm ein kleines Gefäß, that einige Scherben hinein und rief, das Gefäß hin- und herschwingend, mit heiserer Stimme: Z’doko tazil mimo-wes! Z’doko tazil mimowes!1) Die kleinen Todtcnwärter machten sich um den Todten zu schaffen, feilschten und zankten um den Bcerdigungsprcis; Einer von ihnen verlangte die Sicherstellung ( der ausbedungenen Summe. Hierauf begannen sie zu weinen und zu wehklagen, wie die Angehörigen eines Todten, wenn man den lieben Verstorbenen von ihnen nimmt. Das Spiel war zu Ende. Ich war müde geworden undsetzte mich auf die zerbrochene Bank. Meine Großmutter bemerkte meine Traurigkeit, trat zu mir heran und streichelte * mit ihrer abgemagerten, runzeligen Hand meine Wange. „Hast du Hunger, mein Kind?" fragte sie. In ihrer Stimme drückten sich Mitleid und bitterer Kummer aus. Ich schwieg, denn ich schämte mich, die Wahrheit zu gestehen. In meiner kindlichen Einfalt glaubte ich, der Hunger j sei ein großes Vergehen. Meine Großmutter verstand, daß keine Antwort auch eine Antwort sei. Meine Bescheidenheit , schien ihr zu gefallen, denn sie umarmte und küßte mich. Dabei fühlte ich, daß ihre Lippen eiskalt waren; mich durchrieselte ein unbestimmtes, halb wohliges, halb wehes Gefühl. Ich konnte ihrem Schmerz nicht länger zuscheu; ich machte mich aus ihrer Umarmung los und trat an's Bücherbrett. „So ist cs gut", sagte die Großmutter mit einem Seufzer, „lies etwas mein Kind, bald muß der Alte kommen und etwas Geld bringen. Ich werde dann Brod und Häringslacke holen, und wir werden zu Abend essen. „Armes Kind, hat den ganzen Tag nichts gegessen", murmelte die Alte still vor sich hin. „Auch wir haben den ganzen Tag nichts gegessen", ließen sich mehrere dünne Stimmchen von dem mit einer Eiskruste bedeckten Fußboden her vernehme». „Ihr Rangen seid daran gewöhnt", erwiderte meine Großmutter, „auch lernt ihr nicht Gcmorc^), wie Awrohom, der den ganzen Tag im Cheder sitzt und fleißig lernt; dabei ist er ein zartes, schwächliches Kind und an das Hungern rncht gewöhnt, wie ihr. O, daß auch er bei mir hungern muß! Was mache ich?* Unterdcß suchte ich am Bücherbrett umher. ’) Wohlthätigkeit befreit vom Tode. 2) Talmud. (Forschung folgt.) Düchrrwelk. Unter dem Titel „Zion Ultfc Ungarn" (im Verlage des- Verfassers in Balazsfalva, Ungarn. Preis 50 kr.) ist von unserem bewähren Gcsinnungsgenoffen D r. I. Ronai eine Broschüre erschienen. Dr. Ronai ist den Zionisten bekannt durch sein auf dem Baseler Congreß gehaltenes Referat über die ungarischen Inden. Es ist damals bemerkt worden, wie maßvoll, wenn auch entschieden, er die Zustände in Ungarn besprach. Aus seinen Worten sprach keineswegs der fana¬ Nr. 20. tische Jude, wohl aber der gereifte und entschlossene Mann, der den Muth hat, auf die eigenen Wunden hinzuwcijcu. Nichtsdestoweniger wurde in Ungarn ein wahres Kesseltreiben gegen ihn arrangirt. Jüdische, halbjüdische und verjudete Zeitungen beschuldigten ihn offen des Verraths. Allein Dr. Ronai ist Zionist. Und er hieb nach rechts und nach links. Und die Hiebe mußten gesessen sein, denn es wurde ein förmliches Wuthgeheul laut. Manches, was er früher nicht sagen wollte, sagte er nun, und die vorliegende Broschüre lLP sich gerade deswegen so interessant. Dr. Ronai unterscheidet zwischen Zionsgegnern orthodoxer und fortschrittlicher Richtung. Den ersteren widmet er einen kürzeren Abschnitt; denn er ist von ihrer Aufrichtigkeit überzeugt und sucht nur ihre Bedenken hinsichtlich der Religion zu zerstreuen. Ich glaube, diese seine Absicht ist ihm gelungen. Es ist ja doch nicht so schwer, Juden die Wahrheit des Zionismus zu erklären. Anders verhält es sich mit den Fortschrittlichen. Will man aus ihren zionSfeindlichen Bestrebungen nur ein Argument herausfinden, das sie nicht schändet, so bleibt nur das Utilitütsmoment übrig. Statt aber für dieses frei und offen einzutreten, umgeben sie sich mit einem Wust von Assimilation, Patriotismus und Menschenthum, aus dem nur die grinsende Fratze des Heuchlers hervorglotzt. „Wir wissen, wie treu die Juden Spaniens an diesen Ländern hingen. Wenn aber so ein Spaniole nach Ungarn kommt, wird streng gefordert, daß er sich in einen Ungar verwandle . . . und wenn ein Ungar einen Rabbinatsposten in Preußen erhält, so wird er zum deutschesten Deutschen und predigt deutsche Assimilation." Dr. Ronai hat ein richtiges Wort für diesen Unfug gesunden. „Wanderpatriotismus" nennt er diese Vaterlandsliebe. Die Zionisten sind allerdings andere Patrioten : „Wir sind umso aufrichtigere Patrioten, als wir uns hüten, auch nicht unwillkürlich Heuchler zu sein, wir drängen uns nicht auf. wo man uns zurückweist." Dr. Ronai erzählt ein erheiterndes Exempel. Als es sich 1878/79 darum handelte, das deutsche Theater aufzuheben, wurde die entscheidende Abstimmung auf den Versöhnungstag anberaumt. Die Juden konnten nicht erscheinen und das deutsche Theater siel. Man machte dafür die Juden verantwortlich. Da erhob sich ein ungebetener Vertreter. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" in Leipzig trat für die ungarischen Gefühle der ungarischen Juden ein. Arpad erwies sich beim Herrn Redacteur doch stärker als Hermann, der Cherusker. Der Verfasser benützt diese Gelegenheit, um den Protestrabbinern heimzuleuchten; diese fühlen die Roth des Volkes nicht. „Während die Bedrängten und Gebeugten keinen Fleck auf Erden haben, wo ihnen die Sonne eines heiteren Daseins schiene, können sich die Protestherrschaften rühmen, zwei Welten zu haben, wo die Sonne ihres Wohlbehagens nie untergcht. Die eine Welt ist die Gemeinde, wo man sich als Schutzpatron bläht, die andere die regierenden Kreise, vor denen man sich als juden beherrschende Einpeitscher des Patriotismus aufspiel t". In seinem Schlußworte bespricht Dr. Ränai ganz speciell die ungarischen Verhältnisse. Er skizzirt die Geschichte der ungarischen Juden und definirt ihre Stellung zum Uugarthum als überwiegend von G e f ü h l s m o m e n t e n bestimmt, denn mancher Zug des Temperaments und des Voklslebens ist beiden Nationen gemeinsam. Aus dieser ehrlichen Zuneigung entstand aber bald ein unglaublicher Chauvinismus. Wer nicht rasch mitstürmen konnte, war kein ehrlicher Patriot. Der Name, die Firma, sogar die Tempelsprache war einer Wohlfahrtsinquisition unterworfen. Diesem übertriebenen Nationalismus verdanken aber die Juden die Mehrzahl ihrer Feinde. Zunächst waren es die nichtmagyarischen Nationen, die Rumänen, Serben und Croaten, welche die Juden auf das heftigste bekämpften. Und wofür? Liefern den die Juden zum Beamtenstand ein so großes Contingent? Man erinnere sich nur der langen Amtsführung des Justizministers Paul er und des Unterrichtsministers T r e f o r t. Bei manchem Bezirksgericht hört man in Gegenwart von Juden das Judenthum beschimpfen! Oder weil es jüdische Journalisten gibt? Was kümmern aber die jüdische Bevölkerung die par jüdischen Journalisten. Oder genießen die Juden solche Rechte in der ungarischen Gesellschaft? Werden sie nicht im Gegentheil hier heimlich geachtet und gedrückt, mißtrauisch beobachtet und schließlich doch als Fremde angesehen? Und Ungarn ist nicht antisemitisch? Wie erklärt mar aber den Blutproceß von Tizsa Eßlar, das baraitf gefolgte mehrjährige Wütheu in kernungarischen Comitaten, die Machinationen dee Ugronfraction in Gesellschaft und Presse, die empörende Connivenz der Geschworenen gegen judenfeindliche Preßvergehen, die ironischen Seitenhiebe der liberalen Presse gegen die jüdische J.'gend, der mau das Odium des ungarischen Chauvinismus aufgebürdet, die unaufhörliche Verhöhnung der jüdischen Magyarisirung? „Aber — fragt Dr. Rüiiai — wenn schon der Zionismus Ungarn nichts angeht, wozu gegen die harmlos Vorbeizichenden eine Hetzjagd veranstalten?" Wie muß man ein solchen Vorgang nennen? Dr. Rünai resnmirt dann: die Juden in Ungarn müssen gute Patrioten, aber in politischen Dingen möglichst reservirt bleiben und den nicht ungarischen Nationen keinen activen Anlaß zum Aergerniß bieten; sie müssen ferner jüdisches Stammcsbewußtsein wahren und die Zionisten im Geiste begleiten, Geld beisteuern und die Bewegung in jeder Weise fördern. Die Broschüre ist mit Temperament geschrieben, sie wird manches zur Aufklärung beitragen. Wir empfehlen sie allen Lesern. 8eü. Geflügelte Worte. Der Engländer sagt: „Zeit ist Geld", der Jude aber: „Wie erleb' ich.die Zeit!" („Jewish Expreß".) Herausgeber: Paul Aajlchauer. Verantwortlicher Redacteur: Dr. Viegmrrnö Merner. Druck von Jacob Dux Wien, VI11., Laudougasse Nr. 57. Äs WC