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Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
[Kommentar]
Date
1897-10-15
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 30. Seite -16. „Eine andere Frage aber ist es, ob sich der Jude damit begnügen darf, wenn seine eigene Haut geschützt ist, »»am er allein voller Freiheit sich erfreut, »neun er allein alle Auszeichnungen erringen kann, welche ein liberales Land zu vergeben hat, wahrend Millionen seiner Glaubensgenossen in fürchterlichem Elend dahinsiechen und dabei oft ihrer geringen Habe, ihres Lebens nicht sicher sind. Ist Herr Nabbi Dr. Kohir blas Jude für sich, für seine Gemeinde und eventuell noch bis au die Grenze Ungarns, dann darf er den Zionismus verleugnen, dann aber ist er nicht allein ein großer. Egoist, dann dcsaoonirt er auch die Bibel, in welcher es heißt: alle Juden sind Brüder, alle Juden sind Ein Volk. Se. Ehrwürden kennt die Geschichte der Juden sicherlich besser als wir, Hoch »vir sind überzeugt, daß feine Vorfahren ihre Glaubcnsbrüder niemals verleugneten und bereit wirrer», ihnen hilfreiche Hand zu bieten, »Demi sie, gleichviel in welchem Lande, verfolgt »vurden. Nun erstehen eisM Männer, »velchen der jüdische Glaube eigentlich ziemlich ferne liegen dürfte, welche sehr schöne Stellungen innc haben und uni das Judenthmn sich nicht kümmern müßten. Sie können es aber nicht mitansehen, »vie Millionen ihrer Glaubensgenossen in Rußland und Galizien verfolgt und bedrängt »verden, wo sie doch ohnedies zum größten Theil in fürchterlicher Armuth dahiulebcn, und sie unternehmen eine geivaltige Action, um diesen Bedrängten und verfolgten im Lande ihrer Väter eine Heimstätte zu schaffen, »ro sie, von ihrer Hände Arbeit sich nährend, frei und unabhängig leben sollen. Wer darf gegen die Männ.r dieser Action die Stimme erheben, »ver darf behaupten, er sii ein guter Jude und »üich ft sich in seinen feinen Winterrock und in seine Emancipation ein und sagt: „Ich kümmere mich keinen Pfifferling darum, wenn Millionen Juden in Elend dahinsiechen, beraubt und erschlagen werden, ja, ich will nicht einmal ruhig zusehen, »vie Andere diesen Bedrängten zu Hilfe eilen, und erhebe meine Stimme gegen diese Helfer, welche schwere Arbeit ans sich geladen haben und schließlich blos schnöden Undank ernten werden?" Wohl, die Ansklärung ist fortgeschritten, die Juden »verden nicht mehr »vie im Mittelalter in Sevilla, Cordova, Toledo, Valencia, Wien, Mainz, Nürnberg rc. zu Tausende»! gemordet »verden, auch der portu¬ Fenil Mein Grotzvaier. Bon R. Brainii». 1. Mcin Großvater Chaim war Todtengräbcr. Sein Lcbcnlang hatte er mit der drückendsten Noth zu kämpfen. Die Todteugräberei brachte äußerst wenig ein, da die Zahl der Todten in unserem Städtchen jährlich eine sehr geringe war. Die Einwohner unseres Städtchens führten tut Allgemeinen ein recht kümmerliches Dasein. Ihr Leben war kein wirkliches Leben zu nennen, aber sie hatten es mit dem Sterben auch nicht eilig, trotzdem ihre Lcbculweisc eine gesundheitswidrige war und sie fest an eia besseres Dasein in einer künftigen Welt glaubten. Auferstehung imd Unsterblichkeit galten ihnen als unantastbare Wahrheiten; niemals wäre es ihnen eingefallen, daß es Juden geben köliutc, welche diese Wahrheiten auch nur leise za bezweifeln wagten. Trotz alledem dachte, wie gesagt, Keiner von ihnen daran, dieses Jammcrthal zu verlassen, um cs mit den Herrlicht,itcn einer besseren Welt zu vertauschen; seit Mcnschcngedcnkcn war im Städtchen kein Selbstmord vorgckounnru. Der Leser wird cs also erklärlich finden, daß mcin Großvater nicht allzusehr beschäftigt war. Denn zu begraben pflegte er eben nur diejenigen Todten, deren Alhcm wirklich stille stand, was die Bewegungslosigkeit einer an der Nase gehaltenen Gänsefeder stets zur Genüge bewies. Die Armen und Kranken, die nach den Worten des Talmuds den Todten gleichen, blieben auf Erden und schleppten ihr Elend weiter. Im Hause meines Großvaters dachte man nicht an die Gefahren einer Ucbervölkerung. Die Großmutter Debora, eine kleine, schwächliche Frau, mußte noch Kinder sängen, als sie bereits den Fünfzigern nahe war. Sie hoffte stets, daß mit einem neuen Kinde auch das Glück bei ihr cinkehrc» müsse, und obgleich diese Hoffnung sich jedesmal als eine trügerische erwies, freute sie sich über den neuen Weltbürger und betrachtete ihn als kostbares Geschenk des Hinmiels. Und als Gott aufhörte, sic mit Kindern zu segnen, fuhr sic fort die Hoffnung zu hegen, daß mit den Kinder» auch das Glück wachsen müsse, und war zufrieden und glücklich. Mein Großvater wußte, welch' thcnrcu Schatz er in seiner Debora besaß, und sorgte redlich für sic und die Kinderschaar, die sich fast alljährlich um einen Kopf vermehrte. Und da die Schvrnstcinfcgcrci, die er als Nebcngewerbc bcgiesische Fall wird sich nicht wiederholen, »vo 300.000 Juden vertrieben »vurden, von welchen Ultterwegs 270.000 verhungerten unö auf bei* Straße starben; man wird nicht mehr, »vie cS König Emanüel gethal», den Juden sämmtliche Kinder gelvaltfam entreißen und, sie s»uf der Schlangeninsel ausfttzerr, damit die hilflosen Geschöpfe dort zu Tausender» ^wie die Fließen sterben, aber »»och immer leben Millionen Inden"in so namenlosem Elend, daß jedem Menschenfreunde, sei er welchen Glaubens -immer, das Herz brechen muß. Und wenn nun Männer erstehen, »velche laut iu die Welt hinausrnfen: „Solche Schmach .darf nicht länger geduldet »verden, diese Wunde am modernen Menschenthume. muß. endlich geheilt werden, nnd »venn sie nun mit aller Kraft ^darairgehen, im» diese Heilung zu vollsirhren, so muß jeder Jude die Hände'segnend über ihr Werk breiten und Alles zum Gelingen desselben auf-bietcn, anstatt durch spöttische Reden Jndole»»z nnd Gegnerschaft heraufzubeschwören. Ist es ja nicht einmal nolhwendig, Jude zu sein, um» die Judennolh rnitzufühler», welche heute in den meisten Ländern Europas herrscht; auch der mildherzige Christ kann au dieser traurigen Erscheinung vicht achtlos vorübergehen. Juden aber sollte es geben, »velche diese Er!- scheimmg kalt läßt, ja, »velche ihrer Heilung.- eutgegenarbeiten? Das ist mehr als räthselhast, das. ist ganz unverständlich." In dem Octoberhefte der bekannten Monatsschrift „Jüdische C h r o n i k", die vo»» Dr. Adolf K u r r c i u in Teplitz heransgegeben wird, findet sich ei»» ebenso ausführlicher als objectmer Bericht über den Baseler Congntz und feine Ergebnisse. Die Neben des Dr. Lippe, Dr. H e r z l. Dr. Verbau und Dr. Bode u.h e i»»»e r werden auszugsweise »viedergegebcn, ihre wichtigsten Stellen den» Wortlaute nach angeführt. Än» Ende des Aufsatzes wird das vom Cougresse beschlossene Programm der Zionisten wortgetreu angeführt und ein Auszug der R< de des Baseler Rabbiners Dr. Cohn gebracht, durch dessen Mund „auch die Orthodoxie dein Zionismus »»nd de»»» Cougresse die Weihe . der Frommen ausgesprochen habe". I»» dernselben Hefte publiziert der Landesrabbiner Slovemens, Dr. A. Karninka/ de»» ersten Theil einer Studie über „Diejüdische»» Ackerbaucolonie»» in-Palästina"-. Ieto tv trieb, zusammen mit der Todtcngräbcrci zum Unterhalt der zahlreichen Familie nicht ausreichte, so griff er zu den verschiedensten Arbeiten. Freilich brachte er cs bei allem Fleiße nicht fertig, die Kinder mit Kleidern und Schuhen zu versorgen. Im Städtchen war mein Großvater unter dem Namen „Chaim, der Schatzgräber" allgemein bekannt. Diesen ironischen Beinamen erhielt er anläßlich, eines Vorfalles, .den ich spätcr rrzählcn will. Zur Zeit, als besagter Vorfall sich zutrug, war ich ein Knabe von acht oder neun Jahren und für mein Aller ungewöhnlich gut entwickelt. Au einem schulfreien Wintertage spielte ich mit mehreren Kameraden zu Hause. Man denke sich hierbei aber nicht ein fröhliches, übcrmiithigcs, den Körper stählendes Kinderspiel, unser Spiel war keine Ucbung des Körpers, sondern des Geistes, des Scharfsinnes. Wir. legten uns Räthscl vor, allerhand scharfsinnige Haarspaltereien, und ereiferten uns und lärmten so sehr,. daß die Mutter, des Lärmens überdrüssig, »icinc. kleinen Kameraden auF dem Hause jagte. , „Wohin soll ich denn gehe», Mutter?" fragte ich nnmuthig. „Geh' zum Großvater und spiele dort mit den Kinder»; aber ein wirkliches Spiel, wie cs Kindern geziemt. Geh', gönne deinem Köpfchen etwas Ruhe." Das „HauS" meines Großvaters am .Eingang.. zpln Fncdhos war eine kleine, niedrige Hütte, deren .Wände nach innen und nach außen Ausbauchungen aufwiescn. Don den Gräbern ringsuui unterschied cs sich nur wenig: ., der Ucbcrgang vom Leben zum Tode war hier weniger schroff. Auch das Hans meines Vaters war kein Palast, aber im Gegensatz zur Hütte des Großvaters erschien cs mir immer als stattliches Gebäude. I» diesem halbverfallenen Lchmhanfcii war cs auch um die Miltagzcit dunkel. Die beiden kleinen Fcnslcrchcii waren während des Winters von Eis überzogen nnd durch Tücher verhüllt. Zwischen niedrigen schiefen, vom Schimmel überzogenen Wänden tnnrmcltcu sich blasse, schwächliche Kinder, die verwelkten Pflanzen glichen, zu denen nie eia Sonnenstrahl dringt. Im Hanse lastete eine beängstigende, drückende Alhmosphäic, so daß ich, obwohl von Natur von heiterer Gcmüthsart, dorr immer trcmng wurde. Ich fühlte die Nähe des Todes nnd das Walten dos Todescngcls..

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