Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 90. Seite 13. mehr als das Sechsfache beträgt. Und selbst diese 5000 fl. werden erst seit 5 Jahren bewilligt. Mehr könnte der Herr Finanzminister nicht einmal geben, auch wenn er wollte, denn es hat es bisher Niemand im Parlamente verlangt. Wenn wir nunmehr die Staatsbeiträge für Cultusbedürfnisse der anderen Minoritäten, wie der Protestanten und Griechisch-Orthodoxen vergleichsweise zusammenstellen, so thun wir es gewiß nicht aus Neid oder Mißgunst, denn der Staat gewährte ihnen nur, wozu er verpflichtet ist, sondern um ein kleinwenig die Rechtsstellung der Juden zu illustriren. Procent der Gesammtbevölk. Protestanten . . . Griechisch-Ortodoxe . 2-2°/° Juden. 5% StaatSbeiträge f. d. evang. theolog. Facultät i. Wien . . 27.400fl. f. d. evang. Oberkirchenrath .45.835 fl. Als Unterstützungspanschale d. ev. Kirche 150.000 fl. 104.830 Gulden 5.000 Gulden! Nrünn. (Orig.-Corr.) Wir Zionisten sind von unseren Gegnern nicht gerade durch ehrliches und offenes Auftreten verwöhnt. Wir hatten es uns schon abgewohnt durch diese oder jene uns zugefügte Niederträchtigkeit überrascht zu sein. Wenn nun dennoch die Rede des hierortigen Rabbiners Dr. Ptaczek kam letzten Versöhnungstage eine ungewöhnliche Erbitterung in zionistischen Kreisen und sogar ein mißbilligendes Kopfschütteln unter den „Assimilanten" hervorgerufen hat, so ist der Grund einerseits in der unerhört rüden Form zu suchen, in der uns die „Belehrung" von der Kanzel herab zutheil wurde, andererseits darin, daß einem Rabbiner gerade der Versöhnungstag die passende Gelegenheit zu sein schien, eine Hetzrede vom Stapel zu lassen. Denn eine Hetzrede und nicht anders muß diese Predigt gegen die Zionisten genannt werden, in der es von Jnvectiveu, wie „naseweise Jungen", „alte Thoren", „Züchter des gewissen Selbstgefühles" überströmte. Ganz abgesehen von solchen Taktlosigkeiten in einer Predigt, müssen wir cs dem Rabbiner ganz besonders verargen, daß er sich in dem Momente, wo sich der Zionismus anschickt, die dominirende Stellung unter den Lösunzen der Judenfrage zu ervrbcrn, nicht die geringste Mühe gab, mit den zionistischen Kreisen in Fühlung zu treten. Er wäre sonst nicht auf den ungeheuerlichen Einfall gekommen, die Zionisten als Religionsverächter hinzustellen und ihnen mit dieser sinnlosen Schroffheit in seiner Rede zu begegnen. Doch wie nennt man das Benehmen eines Mannes, der von sacrosaucter Stelle aus Männer hinterrücks angreift? Wie leicht wäre ein solcher Vorgang geeignet, die Zionisten ans den Gedanken zu bringen, den Spieß umzudrehen, und allen den Männern, die wohl ein Auge für die Leiden ihres Volkes haben und doch nichts sehen wollen, den Vorwurf zuzuschleuderu, daß sie, um als lobenswerthe Unterdrücker jeder politischen Neuerung zu gelten, die gewissen Streber sind, als die sie uns so gerne bezeichnen. Auch von Antipatriotismus und „Mission" war viel die Rede. Aber die Perle des antizionistischen Redeschwalls ist folgender Satz: „O Zion, deine Banner wollen sie machen zu einer Flagge, unter der sie ihre frevlerischen Umtriebe decken wollen". Herr Rabbiner, die Zionflagge zu frevlerischen Umtrieben benutzen? Das ist ein häßliches Wort. Aber wo ist Ihre Fahne, Herr- Rabbiner? Vielleicht in Ihrer Tasche? Hraz. (Orig. Corr.) In Wien wirft man den Juden vor, sie hätten sich aus irgend einer angebornen Schlechtigkeit der Spenden zu Gunsteu der nothleideudeu Bevölkerung enthalten, und hier empört man sich wiederum, wenn der Jude zu irgend einem wohlrhätigen Zwecke sein Scherflein beitragen will. Der Handwerkervein der deutschen Volkspartei drückt dem „Grazer Tagblatt" gegenüber sein Bedauern aus, „daß die bewußte Spende einer eingewanderten jüdischen Firma (28 Knabenanzüge) anders aufgefaßt werden konnte, als ein unter dem Deckmantel der Humanität ausgeübter jüdischer Geschäftsknisf. „Wir glauben", heißt es in der Kundgebung weiter, „daß die deutschgesinnte Bevölkerung sich ihr Urtheil über einen solchen Mißbrauch der Humanität selbst bilden wird." Lewkerg. (Orig.-Corr.) Die Polen haben ein interessantes Sprichwort: „Ein Stock hat zwei Ecken". Manchmal wird der Besitzer des Stockes, der lange Zeit sein Opfer prügelte, plötzlich von diesem tüchtig dnrchgehaut. Er macht dann große Augen und schließlich murmelt er: ja der Stock hat manchmal zwei Ecken. Die Wahrheit dieses Satzes empfinden nunmehr die Polen. Seit Jahr und Tag werden die Juden in Galizien von einer riesigen Steuerlast schwer erdrückt. Der letzte Krämer im verfallensten Dorfe, die Oebstterin am Thore einer Winkelstraße, der ärmste Hausierer mußte exorbitante Steuern zahlen. Bauern und Großgrundbesitzer bekommen jedes Jahr Steuernachlässe, die Kaufleute und Handwerker werden jedes Jahr bis auf's Hemd gepfändet. So geschah es, daß die Juden, die bei weitem ärmsten Städtebewohuer, die bedeutendsten Steuerträger wurden. Dieser Umstand fiel bei den Wahlen in die Erwerbsteuer-Commissionen gewichtig in die Wagschate. Ueberall im ganzen Lande wurden Juden oder von Inden unterstützte Compromißlisten gewählt. Die polnische Presse lärmt natürlich darüber, das nunmehr die Juden die Steuern bestimmen werden. Ja, ein Stock hat zwei Ecken. Die jüdischnationalen Studenten der hiesigen Hochschule haben eine Action, behufs Anerkennung ihrer Nationalität auf der Universität in Angriff genommen. Bis jetzt besteht, nämlich der officelle Gebrauch, die Juden den Polen zuzuzählen. Dr. M. ßHvr-stKow. (Orig.-Corresp.) Sollte es Leute geben, die eine Jndennoth leugnen und dem Zionismus jede Berechtigung absprechcu wollen, ich würde sie hieher in unser kleines, Städtchen einladen. Da könnten sie vielleicht doch zur Vorstellung einer Jndennoth kommen. Wie die meisten galizischen Städte, besitzt auch Choroftkow ein ungemein großes Proletariat. Man hat bisher hier zwei Gruppen unterscheiden können, die Kleinhändler und die Handwerker. Jetzt gibt es nur noch eine, die Masse der Bettler. Die Sonntagsruhe und-die von den Behörden subventionirten christlichen Läden haben nus den Todesstoß gegeben. Wir müssen betteln. Aber bei wem? Arbeitet, wird man uns zurnfen. Aber wo? Was an Arbeitsgelegenheit nur vorhanden ist, wird benützt. Zur Zeit der Ernte arbeiteten auch schulpflichtige Kinder um einen Taglohn von 10—12 Kreuzern auf den Feldern der hiesigen Herrschaft. Aber wer kümmert, sich hier um. die gesetzliche Schulpflicht, um das geistige und leibliche Wohl der Judenkiuder! Und für einen Lohn von 12 Kreuzern müssen sie noch geduldig die Chicanen brutaler Feldhüter ertragen und dürfen sich nicht mucksen, wenn sie zum Zeitvertreib von den christlichen Arbeitern „ein bischen gehänselt" werden. Wer da noch dasJndenelend nicht begreift und nicht verstehen will, daß nur der Zionismus diesen Armen und Elenden Luft, Licht und Leben geben kann, muß kein Herz in seiner Brust tragen. In den Tagen des Baseler Cougresses sah man die unglücklichen Juden zusammenlaufen, heftig disputieren und berathen. Sie beriechen, wie sie sich Helsen könnten, aber sie wissen nicht wie. Und in ihrer Hilflosigkeit fanden sie nur ein erlösendes Mittel: das Gebet. Sie beteten — nicht für sich, für die Führer, daß der Himmel sie stark und mächtig mache, um Israel hinauszuführen. M. K. Hlzeszvrv. (Orig.-Corresp.) Die von dem hiesigen „Chowewe Zion" neu gegründete behördlich genehmigte hebräische Schule hat bereits ihr Schulprograunn veröffentlicht' und einen Aufruf an unsere jüdische Bevölkerung erlassen. Deutschland. Werkm. Gegen die von verschiedenen Seiten befürwortete Einführung von Sountagsgottesdienften sprach sich am 1. Septem-