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Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
Wien [Nachricht] / L.
Date
1897-10-15
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite IS. Nr. 20. N a ch s ch r i f t. Wiewohl vorstehende „Berichtigung" über den Rahmen des tz 19 hinausgeht, indem sie auch Dinge vorbringt und zn widerlegen versucht, die ich gar nicht behauptet habe, so wurde sie dennoch vollständig abgedruckt. Was ich als eigenen Ausspruch des Herrn Kozakiewicz vorgebracht habe und auch jetzt aufrcchthalte, das waren seine Gründe für die Notwendigkeit einer jüdischen Organisation, gewissermaßen eine authentische Interpretation. Ich habe ihn ja nach diesen Gründen gefragt und er kann doch schwer mit Lobeshymnen auf die „Hand-in-Hand"- Ein.igkeit geantwortet haben. Das wären ja Gründe für die Bekämpfung feines Antrages. Denn, wenn ein gegenseitiges Vcrständniß zwischen den Juden und anderen Genossen wirklich vorhanden wär.e, wozu dann die jüdischen Vereine und das Jargon- Blatt, das demnächst als Wochenschrift erscheinen soll — wenn Geld da sein wird? Herr Kozakiewicz hat mit seinem Anträge bewiesen, daß der jüdische Asstmilationsschwindel gerade den national denkenden Polen anwidern muß, und daß es für ihn unfaßbar sein muß, wie Juden mit den Arbeitern von Chodorow und Schodnica in einer Organisation zusammen sitzen können. Das Beispiel vom Königreich Polen ist belanglos, denn es ist uncontrollirbar. Aber der Proponent einer besonderen jüdischen Organisation ist wohl die ungeeigneteste Persönlichkeit, um Loblieder auf die „Harmonie" zu singen. Die Parteisolidarität nach außen hin geht ja doch nicht so weit, daß man seine eigenen Worte berichtigt. L. Wie«. (Orig. - Corr.) Wenn der Cultnsvorstand eine öffentliche Sitzung abhält, so muß was daran sein. So dachte ich und ging hin. Ich erwartete zwar keine „Hetz", wie sie in anderen öffentlichen Körperschaften zuweilen vorzukommen pflegt, denn die Cullusvorffteher sind gereifte, ernste Männer, die nie die Ruhe, des Bürgers erste Pflicht, stören, aber ich hätte gewettet, daß man „zum Fenster hinaus sprechen" wolle. Die öffentlichen Sitzungen sind ja in der Seitenstettengasse fast zur Ausnahme geworden. Unter Verletzung des von der Regierung genehmigten Statuts (§ 15) hat es der Cultnsvorstand in der Geschäftsordnung (§ 3) „dem Ermessen" des Präsidenten anheimgestellt, ob eine Sitzung öffentlich oder vertraulich abzuhalten sei. Der § 15 des Statuts sagt es ausdrücklich: „Die Sitzungen des Vorstandes sind je nach der Beschaffenheit der Gegenstände öffentlich oder vertraulich, die Bestimmung hierüber enthält die Geschäftsordnung". In derselben heißt es wieder unter § 3 al. 3: „Personalien und Disciplinar-Angelegenheiten sind in der Regel in vertraulicher Sitzung zu verhandeln". Da. doch die vertrauliche Sitzung immer eine Ausnahme bildet, so würde man sinngemäß und nach parlamentarischen Gewohnheiten annehmen, daß in sonstigen Fällen die Sitzung öffentlich sein müsse. Statt dieser Interpretation hat sich der Cultusvorstand einfach über den klaren Wortlaut des Statuts hinweggesetzt und an Stelle der „Beschaffenheit der Gegenstände" in der Geschäftsordnung das „Ermessen des Präsidenten" normirt. Gut, lassen wir den Präsidenten „ermessen". Die Seitenstettengasse scheint auch ihre eigenen parlamentarischen Gewohnheiten zu haben. In allen öffentlichen Körperschaften ist es üblich, daß die öffentliche Sitzung zuerst abgehalten wird, und erst auf diese eventuell eine vertrauliche folgt. Der Cultnsvorstand ist auch der Gemeindemitglieder wegen da und nicht umgekehrt. Dem Cultnsvorstand sollte ja daran gelegen sein, daß die Gemeindemitglieder recht zahlreich seinen Verhandlungen beiwohnen, wenn es ihm darum zu thun wäre, das Interesse der Wähler für die Gemeinde-Angelegenheiten stets rege zu halten und mit seinen Wählern recht oft in Contact zu treten, nicht bloß während der „Wahlen", bei denen kaum 20 Procent der Wähler zur Abstimmung gehen. Wenn jedoch stets wie heute die vertrauliche Sitzung zuerst abgehalten wird, und die Zuhörer gezwungen sind, so lange zu warten, bis die Herren mit ihrer Geheimthuerei zu Ende sind, so ist es begreiflich, daß sie fortgehen und nicht einmal dann vorhanden sind, wenn sie der Cultnsvorstand benöthigt, um sich vor der „Oeffentlichkeit" mit seinen Kraftleistungen zu präsentiren. Wegen der vorhergehenden vertraulichen Sitzung begann die öffentliche statt um 11Verst um 12V. Uhr mittags. Von den 24 Vorstehern waren nur 15 anwesend. Und es handelte sich heute um eine „große" Action. Der erste Punkt der Tagesordnung war bald erschöpft. Es handelte sich um die Vergebung von 50 Plätzen im Alter-Versorgungshaus und der Referent war in der angenehmen Lage festzustellen, daß fast dreiviertel der Petenten berücksichtigt wurden. Dabei wies er jedoch ans ein bei der Auswahl maßgebendes Moment hin, das nicht ohne Widerspruch angenommen werden kann. Er meinte, daß man Petenten nicht berücksichtigt hat, wenn sie reiche Verwandte haben; es war eine nothwendige Voraussetzung, daß der Petent „ohne Stütze" dastehe. Sollte inan nicht die concreten Fälle zuerst prüfen, bevor man die verwandtschaftlichen Beziehungen zu reichen Leuten zu einem privilegium odiosum macht? Wenn schon die dritte Sectron auf reiche Verwandte so viel gibt, so hätte sie doch den Petenten wenigstens einen Platz geben sollen. Aber wo bleibt das „Ermessen" des Präsidenten, wenn man solche Personalien öffentlich erörtert? Insbesondere die Bekanntgabe der 50 Personen gehört nicht in die öffentliche Sitzung. Der Umstand, daß es sich bloß um arme Leute handelt, sollte doch hiefür nicht maßgebend sein. Nun kommt die piece de resistance. Es handelt sich um einen Antrag des Vertreter-Collegiums. Dr. Stern als Referent erhält das Wort. Der Schlachtruf fällt: Antrag Neumayer. Dagegen will man jetzt — protestiren, „entschieden" Protestiren. Nachdem sich die jüdischen Abgeordneten im Reichsrathe über die Frage gründlich ausgeschwiegen haben und es die jüdischen Gemeinderäthe während der Discussion über den Antrag Neumayer höchstens auf ein Paar Zurufe brachten, soll der Cultnsvorstand sprechen, „endlich" sprechen. Nur derjenige, der in dieser aus allgemeinen Redewendungen, wie „entschieden protestiren", „wir verzichten auf Widerlegung" und aus einer Aufzählung der Communalsünden gegenüber den Juden bestehenden Resolution, selbst wenn sie in Tagesblättern gedruckt wird, etwas mehr als ein Stück Papier sieht, kann so naiv sein, in übertriebener Weise zu sagen, daß die „Glaubensgenossen daraus neuen Muth schöpfen" werden. Wenn ein Vorstandsmitlied jetzt meinte, daß es für den Cultnsvorstand einen Punkt gibt, über den hinaus er nichs mehr vertragen kann, so verweisen wir den betreffenden Herrn darauf, daß der Cultnsvorstand viel stärkere Sachen, wie beispielsweise den Antrag auf Schußgeld und Confiscation der Judengüter, ruhig über sich ergehen ließ. Man glaubte damals, daß der Antisemitismus „morgen" aufhören werde. Aber dieses „morgen" hat sich seltsamerweise in die Länge gezogen. Nun empfinden die Vorsteher die unabweisliche Nothwendigkeit, etwas zu thun. Was sie leisten, ist aber nichts anderes, als ein Blatt Papier, um ihre Ohnmacht zu verhüllen, nachdem sie offenkundig wurde. Die Herren vom Cultusvorstande sollten sich lieber recht fleißig mit den Cultusfragen, mit der Reform des Religionsunterrichtes und des Armenwesens, mit einer Vermehrung der Bethäuser und dergleichen beschäftigen, mit dem Todtschlagen des Antisemitismus haben sie gründlich Pech gehabt. L. Wien. (Orig.-Corresp.) Wenn wir den vom Herrn Finanz- Minister vorige Woche dem Parlamente vorgelegten Budget- Voranschlag durchblättern, so finden wir, daß bei den Posten für Cultus und Unterricht, der Juden nicht vergessen wurde. Auch die 1,200.000 steuerzahlenden Juden werden bedacht — mit 5000 Gulden. Das ist der Staatsbeitrag zur Erhaltung der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, deren Jahresbudget

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