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Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
Zbaraz [Nachricht]
Date
1897-10-15
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 20. Seite LI. warmen Anhängern der Zionssache geworden. Der Zionismus bildet das Tagesgespräch unserer Bevölkerung. Jünch. In der Schweiz sind innerhalb dreier Wochen vier zionistische Vereine entstanden. Vor nns liegt das Statut des Jndäa-Colonisations-Bereines „Zion" in Zürich. Sein § 1 lautet: Der Verein bildet im Sinne des Naseler zionistischen Organisationsentwurfes eine zionistische Ortsgruppe in Zürich, steht ans dem Boden des Baseler Zionistenprogrannnes nnd bctheiligt sich durch Delegirte an den Zionisten-Congrcssen. Und der § 2 gibt wortgetreu das Programm wieder, das in Basel als allgemein bindend aufgestellt wurde. Dem Vereine können nach § 3 nur unbescholtene Juden ohne Unterschied des Geschlechtes, der politischen und religiösen Ueberzcugnng angehörcn. Die constituircnde Versammlung fand den 3. Tischri 5658 statt. Dem provisorischen Comite gehören die Herren Dr. David Färb st ein, Filippo Weil und Isidor Kohn an. Uans. Wie die hiesige „Hatikwoh" berichtet, sollen sich alle Pariser zionistischen Vereine behufs Schaffung eines Central- Comites vereinigen. Aufgabe desselben soll die Einleitung einer eifrigen Propaganda unter den arbeitenden jüdischen Claffeu, sowie die Aufnahme eines großen beständigen Bersauunlungslocales sein. Lorresxondeirren. Oesterreich-Ungarn. Wien. (O.-C.) Die Juden sind beleidigt worden. Man hat ihnen im Wiener Gemeindcrathe wieder einmal den albern-frechen Schimpf von der moralischen Inferiorität der jüdischen Race ins Gesicht geschleudert. Juden dürfen nicht über Nichtjudcn zu Gerichte sitzen, weil der angeklagse Verbrecher immer noch moralisch höher steht, als der unbescholtene, richtende Jude, nnd cs als eine Schmach empfindet, dem Juden Rede und Antwort zu stehen. Der rohe Vorwurf von der moralischen Kluft zwischen Juden und Nichtjndcu ist ein abgedroschenes Capitel des antisemitischen Lexikons, cs wird in allen antisemitischen Tagcsblättcrn offen und zwischen den Zeilen täglich toicdcrgekäut, man recitirt cs auf allen Gassen, in allen Gesellschaften und Vereinen, aus denen der Jude ausgeschlossen ist, cs liefert den Text für das Johlen der Menge in den Volksversammlungen, es prangt als weit leuchtendes Motto an den Thoren der Reichshauptstadt, überall und überall die gleiche Leier. Wenn man sich einmal darüber klar geworden, daß dieser Jnferioritätsglaube zu den unabänderlichen Bestandthcilcn in dem famosen Seelenleben unserer uichtjüdischcn Umgebung gehört, daß der im Gcmeinderathe vorgcbrachte Antrag gegen die jüdischen Richter nur der momentane Ausdruck eines tiefen, dauernd vorhandenen Urthcils oder Vorurthcils ist, wenn man schon längst darauf verzichtet hat, den unverbesserlichen antisemitischen Mohren durch Moralpredigten und Appelle an die Humanität rc. weiß waschen zu wollen, nnd sich resignirt ein anderes Mittel gesucht hat, um den . ewigen Beleidigungen und Beschimpfungen zu entgehen, so wird man gewiß nicht in wilder Entrüstung ausbrausen und von „unglaublichen", „unbegreiflichen" Ehrabschncidcrcien hcrnmredcn, sondern man wird ohne jede nutzlose, überflüssige Aufregung das neue Argument des unabänderlichen Judenhasses zur Kenntniß nehmen und mit neuem Eifer auf das Ziel lossteuern, das einen diesen Jnvectiven entrückt. Wenn man aber noch am Grabe der letzten Gcmeinderathswahlcn die Hoffnung auf eine „Besserung" Schncider's und Vergani's aufpflanzt, wenn man sich die Ohren zuhält, um den Lueger-Marsch nicht zu hören, den die Spatzen auf allen Dächern Pfeifen, dann bedeutet der Antrag Neumahcr gegen die jüdischen Richter eine bittere, harte Enttäuschung, man findet ihn „unerklärlich", „unbegreiflich" und regt sich furchtbar auf. Man regt sich auf, aber man wird doch nicht klüger. Es wird ja doch besser werden, Vergani wird noch einmal Präses im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" werden — nur Geduld! Und in diesem tröstlichen Bewußtsein nimmt man wieder den Kampf gegen den Antisemitimus auf. Die jüdischen Gcmeinderäthe grübeln und grübeln, wie man die jüdischen Richter und das Judenthum vo.r den antisenntischen Angriffen retten könnte, wie man die antisemitische Gcmcindcrathsmajorität für ihre maßlosen Beleidigungen empfindlich strafen und dem Antisemitismus einen cinpfindlichen Stoß versetzen solle. Sie setzen sich mit dem fortschrittlichen Partciverbande ins Einvernehmen, und endlich rückt das zerstörende Geschütz gegen die zitternden Antisemiten heran: In der Sitzung vom 6. Octobcr des Gcmcindcrathcs wurde dem Bürgermeister ein von den jüdischen Mitgliedern des Gemcindcrathes abgegebene Erklärung überreicht, wwrin die jüdischen Gcmeinderäthe laute Verwahrung gegen die Beleidigungen ihrer Religionsgenossen durch den bekannten Antrag des Vicebürgcrmeiftcrs Ncnmaycr ciulegcn. „Die Unterzeichneten," heißt cs dort, „verwahren sich ans das entschiedenste gegen die den Israeliten zugefügte Bel idigung und die Verunglimpfung ihrer Religion." — Man kann sich vvrstellcn, wie zerschmettert die Antisemiten bei der Verlesung dieser „Verwahrung" in ihres Nichts durchbohr cudcm Gefühle dortgcscsscn sein mögen. Ein großartiges Wort, dieses Wort „Verwahrung". Es liegt eine ausgezeichnete Komik in diesem Worte, besonders dann, wenn es mit dem nöthigen grimmigen Ernste dem Gegner an den Kopf geschlendert wird. Und erst das Attribut „auf das entschiedenste"! Kann es etwas' Jmponircnderes geben? — „Ich verrvahre mich auf das entschiedenste dagegen, daß cs regnet, daß es hagelt. — Mau raubt mich über Nacht aus, und früh, wenn die Diebe über alle Berge sind, verwahre ich mich auf das entschiedenste dagegen, daß inan inich ausgeraubt hat. — Man hat mich vor einer Weile durchgeprügclt und ich verwahre mich jetzt dagegen" — kurz, das „Verwahren" ist, wie die paar Beispiele gezeigt habe», eines der gefährlichsten Vertheidigungsmittel. Es sollte uns auch nicht wnndern, wenn die autisemitischcn Gemciudcräthe nach diesem furchtbaren Schlage sammt nnd sonders ihre Mandate nicdcrlcgcn. Der Wucht dieser „Verwahrung" werden sie wohl kaum standhalten können. — Aber nein, die Sache ist zu traurig, als daß man darüber lachen könnte. „Das sind Deine Hüter, Israel!" Man beschimpft und b.sudelt das Judenthmn, und die Vertreter des Judcnthums setzen sich zur Wehre, indem sie sich „verwahren". R. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift, die wir genau nach dem Original wiedergebcn: Wien, 12. Octobcr 1897. Geehrte Redaction! „Die Welt" Man hat meine Aufmerksamkeit gelenkt auf eine Notitz, welche im Nr. 19 vom 8. X. d. I. Ihrer Schrift Und mit L. gezeichnet beigcdruckt ist. Indem ich mich auf den § 19 des Pr.-G. berufe, ersuche Sic folgende Richtigstellung aufznnehmcn:• Es ist nicht richtig, daß ich mich geäußert habe: „cs bestehe keine Harmonie, kein Zusammengehen nnd kein gegenseitiges Bcrständniß zwischen den Juden nnd anderen Genossen". Und conform der factischen Zustände habe ich mich ausgesprochen, daß, obwohl jüdische Vereine u. jüdisches Bolksblatt (auf soc.-dem. Programme) bestehen doch, u. eben deswegen, die polnischen, rrrtenischen Genossen Hand in Hand mit jüdischen soc. Democraten bis dahin immer gegangen sind. Dieselbe Harmonie besteht auch unter den Genossen im Königr. Polen und dies Verhältniß hat sich bei uns, wie dort als vollkommen befriedigend erwiesen. Wenn auch mein Antrag auf dem galizische» Parteitage angenommen worden wäre: eine selbständige Organisation für jüdische Genossen — auch dann würden unsere brüderlichen, gegenseitigen Beziehungen nicht im mindesten erschüttert. Achtungsvoll Jan Kozakiewi.cz .Reichstagsabgeordneter.

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