Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
In Jerusalem [Nachricht]
Date
1897-10-15
Page
10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315730--02126-3381539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10. Nr. 20. wo der Bettle^ .sich auf sein besseres Ich besinnt. Die Menschenwürde, die man unter einem Schwalle von Almosen begraben hat, kommt ihm wieder zum Bewußtsein. Seine Zunge sträubt sich gegen das ewige „Vergelts Gott", und er will arbeiten. Da er sich von den wohlthätigen Spenden nicht so viel erspart hat, um sich ein Stück Land in Palästina kaufen zu können, so wendet er sich an die Königin von England, sie möge ihm in Cyperst Ackergrund zur Bebauung anweisen. — Es gibt Leute, die alles, was in den Bereich ihrer Hände kommt, als Argument gegen den -Zionismus verwerthen. Nun ereignet es sich, daß die hartgesottensten, jüdischen Müssiggänger nach Arbeit rufen. Ein bisher 'stark gehandhabtes Mittel zur Lösung der Jndenfrage, nämlich das Almoscngeben von Heute auf Morgen, erweist sich als unhaltbar, die Juden, die mit dieser Art der Lösung der Judenfrage beglückt werden, erkennen, daß sie durch eine solche „Nothstandslinderung" einfach in der krassesten Weise proletarisirt werden und flüchten aus dem Versorgungshaus auf den Ackergrund — und alle diese Dinge finb schlagende Argumente nicht gegen, sondern für den Zionismus. . Indenekend in Marokko. Ans Marokko erhalten die französischen und englischen auswärtigen Aemter, sowie die Alliance israelite sehr traurige Nachrichten über die Lage der Juden. Es existieren zwar in Marokko Erlässe der Sultane, .welche den einzelnen Gouverneuren eine mildere Behandlung der Juden zur Pflicht, machen, aber die Gouverneure lassen diese Anordnungen einfach nuberücksichtigt. An den unglücklichen Juden werden unter den Augen, unter der Aegide der Gouverneure die barbarischesten Grausarnkeiten verübt, lind wieder sind es hauptsächlich die armen, hilflosen Juden aus den untersten Classen, au den.'« der Caid seine neronischen Gelüste befriedigt. So schildert ein Bericht aus Fez die haarsträubenden Details einer Barbarei, die der Caid Eliazid an zwei jüdischen Schuhflickern ohne - jede Ursache verüben ließ. Er ließ jedem der Beiden je 1000 Stockstreiche verabfolgen ltitb acht Soldaten mußten einander ablösen, um diesem scheußlichen Gebote nachzukömmen. Aie Jubelt in ßhttltt. Aus Rußland, respective Sibiri.-N werden die Juden verbannt und vertrieben, dafür finden sie aber im chinesischen Reiche Aufnahme und Unterkunft. Viele Juden aus den Städten Sibiriens, denen der weitere Aufenthalt in diesem Lande untersagt wurde, haben sich nach der benachbarten Mandschurei, die schon zum chinesischen Reiche gehört, gewendet, und wurde ihnen von den Behörden daselbst die Ansiedelung gestattet. Die Mandschurei ist eigentlich nicht von Chinesen, sondern von Mongolen (oder wie man in Europa sagt, Tataren) bewohnt, die zwar noch Heidcu, dabei aber sehr gastfreundlich sind. Diese chinesische Provinz wird aber bald eine große Rolle im Weltverkehre spielen, denn die sibirische Wellbahn, die zum stillen Ocean führt und 1903 vollendet wird, wird die Mandschurei von West nach Ost dnrchschneidcn und in Wladiwostok ihren Endpunkt haben. Der Betrieb dieser Bahn wird zwar in den Händen der Russen ruhen, doch wird China als Souverän der Mandschurei die Oberaufsicht über dieselbe führen. Die chinesischen Behörden in der Mandschurei zeigen sich äußerst zuvorkommend gegen diese jüdischen Einwanderer, da sie von ihnen hoffen, daß sie dem Handel dieser Provinz — der Mongole ist nur für den Ackerbau und die Viehzucht geeignet — einen gehörigen Aufschwung geben werden. (Israelit.) pornpejanische Siköerschatz. Großes Aufsehen erregte, vor einem Jahre die Nachricht von einem antiken Silberschatzfunde in Pompeji. Bei dm Ausgrabungen war man auf das Skelet eines Mannes gestoßen, der mit seiner Brust eine Menge silberner Geräthe deckte. Neben ihm fand man eine Ledertasche mit wohlgezählten 1000 Goldstücken aus der Zeit des Nero bis .Domitian. Baron Edmund von Rothschild hat nun um eine halbe Million Franken den Silberschatz angekauft und dem Louvre zum Geschenke gemacht. Kßicago. Das hiesige Waisenhaus hat von Mr. Abraham Stinnner aus Waverley 26,000 Dollars, und das jüdische Asyl für altersschwache Juden von demselben Menschenfreund 50,000 Dollars erhalten. Die zionistische Bewegung. Spenden für zionistische Zwecke sind an Herrn Dr. O. Kokesch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien/ I., Singerstratze 25, zu senden. Wien. Donnerstag, 7. October hielt der Verein „Zion" seine erste Versammlung nach der Sommerpause ab. Mehrere hundert Personen, darunter zahlreiche Damen, halten sich eingefunden, und der große Saal des Restaurants Robitschek war bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Auf der Tagesordnung stand das Referat des Herrn Dr. Schnirer über den Eongreß in Basel. Den Vorsitz führte Herr Dr. Kokesch. Mit begeisterten Worten, in denen die Baseler Festesstimmung noch deutlich nachklang, schilderte Dr. Schnirer den unvergeßlichen, überwältigenden Eindruck, den der Congreß in jedem Zeugen wo chgerufcn, und erörterte die wohlthätige Bedeutung der Baseler Nationalverjamniluug. Das vorzügliche Referat rief eitlen wahren Beifallssturm unter den Versammelten hervor. Der zweite Redner, Herr Hofititb Gerichtsadvocat Dr. Kahn wandte sich in seinen Ausführungen hauptsächlich an die jüngeren Vertreter des Zionsgedankens. Als dritter Redner sprach Dr. S. R. Landau. Dr. thcol. Fuchs entwarf als letzter Redner em sehr sympathisches Bild von der Congreßstimmung jener Zionisten, die nicht auf den Congreß waren. Nach zweistündiger Dauer schloß die Versammlung. Wien. Selten haben die hohen Festtage solche Empfindungen wachgernfen, wie der Neujahrstag 5658. Was wohl daran schuld sein mag? Vielleicht die verschiedenen Ennnciationen der Rabbiner oder etwa der — wir wagen gar nicht dm sündhaften Gedanken weiter auszusprechen. Was lnan sonst in. Wien sich für die christlichen Festtage zur Jahreswende aussparte, die verschiedenen Feste und Abende, Familieuunterhaltnngen und die ganze volle Freude, wieder ein Jahr dieses Gebens hinter sich zu haben, alles wurde hervorgeholt zur Feier des 1. Tiscliri 5658. Die Leute auf der Straße müssen manchmal den Kopf geschüttelt haben, wenn die Gläser aneinander klirrten und es hinansktang: „Neujahr! Uebers Jahr in Jerusalem." Aber dieses jüdischnationale Bewnßsein, das da für den unparteiischen Beobachter ans allen Aenßernngen der Freude sprach, erfüllte auch die Vethäuser und Synagogen. Selten wurden die Gebete für Jerusalem mit solcher Andacht verrichtet. Im polnischen Tempel, II., Leopoldsgasse, wirkte Obercantor Sch-rr durch seinen bezaubernden Vortrag erhebend auf die Andächtigen. Als er die Stelle aus dem Mussaphgebete sang: „Vereine unsere Zerstreuten aus den Völkern und sammle unsere Versprengten wieder aus den fernsten Gegenden der Erde. Bringe uns nach Zion, Deiner Residenz in Jubel und nach Jeruscholaftiu, Deinem heiligen Tempel, zur ewigen Freude", fühlten manche, die dem Zionismus ferne gestanden, die hohe Kraft des Zionismus und wurden Zionisten. Am Versöhnungstage wurde bereits für den Nationalfond gespendet und für bte Führer der zionistischen Bewegung, Dr. Herzl und Dr. Nordan ein Gebet gesprochen. Zvaraz. Der Verein „Hazeionim Hazchirern" veranstaltete Samstag, 25. September eine Versammlung im neuen Bethause. Die Herren L. Wilner und S. Schein sprachen über das zionistische Programm. Desgleichen die Herren Sender und Beraß. Die ganze hiesige jüdische Bevölkerung besteht mit wenigen Ausnahmen aus begeisterten Zionisten. Alle Chassidini, die dem Congresse skeptisch entgcgengesehen, sind durch den Erfolg von Basel zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.