Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Bericht der Alliance Israélite Universelle [Nachricht]
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. Jyiv&mc Seite 9. Wohlthätigkeit beköstigt imt> mit Heizung versehen worden; in Grodno zählt man einen Bettler auf zehn Juden, in Berditschew leben 10.000 Familien von Almosen. Was die „Willküracte", welche in Rumänien, besonders auf dem Gebiete der Schule, gegen die Jndcn verübt worden sind, betrifft,so ist der Bericht der Allianz nicht in der Lage, eine Besserung in jenen Verhältnissen anzukündigen. Ans der immunen Hase. In Liptö-Szt.-MMs in Ungarn wurde am Vorabend des israelitischen Versöhnungstages während des Betens durch ein Fenster der Synagoge ein Stein geschleudert, der den am Fenster stehenden Rabbiner traf. Ein großer Theil der Tempelbesncher eilte hinaus, um den Attentäter zu eruiren, er entkam aber in der Dunkelheit. — In Szabadka in Ungarn drangen unbekannte Individuen in die Synagoge ein, wo sie sämmtliche Spar- und Sammelbüchsen erbrachen und ausraubten. Die geraubte Summe betragt nahezu 5O0 fl. Die Synagoge wurde dieses Jahr schon zum drittenmale geplündert. „Jen Inden ZN He^alken". Vor einigen Wochen starb in Budapest der erwachsene Sohn des gewesenen antisemitischen Abgeordneten Victor Jstöczy. Der seither ebenfalls verstorbene Bezirksarzt 'Josef Kelen hotte den jungen Mann behandelt, und in seiner ersten Aufregung über den Tod seines Sohnes veröffentlichte Jstoczy in seinem Blatte „Kozigazgatäsi Közlkny" einen Bericht, in welchem er sagte, daß Dr. Kelen allein an dem Tode seines Sohnes die Schuld trage. Er zieh den Dr. Kelen nicht nur der Nachlässigkeit, sondern stellte die Sache so dar> als ob der Arzt den jungen Mann „d e n Juden zu Gefallen" hätte sterben lassen. Er habe ihn, der augenkrank war, deshalb nicht curirt, weil er wollte, daß sich die Krankheit auch den anderen Mitgliedern der Familie Jstoczy mittheile. Dr. Kelen nahm sich diese Beschuldigung so zu Herzen, daß er trübsinnig wurde und kurz darauf starb. Wie es damals hieß, soll Dr. Kelen, der als Arzt sowohl wie als Mensch sich allgemeiner Beliebtheit erfreute, aus Kränkung an den Folgen einer Selbstvergiftung gestorben sein. Sein Sohn, Dr. Bela Kelen, hat nun im Interesse der Reputation des verstorbenen Vaters gegen Jstoczy den Preßproceß wegen Verleumdung angestrengt. Acht Inden. In Preußen hat sich bekanntlich in jüngster Zeit eine Strömung gegen die Ileberschwenimung des Lehrfaches mit jüdischen Elementen bemerkbar gemacht. Wie es mit dieser Ueberschwemmung ausschaut, lehrt uns ein jüngst erschienener Bericht mit der Angabe, daß auf den staatlichen Schullehrer- und Lehrerinnenseminaren in Preußen sich im letzten Sommersemester unter 11.804 Seminaristen, 8069 Evangelische, 3720 Katholiken und 8 Juden befanden. Acht armselige Juden unter 11.804 Seminaristen genügen, um, wie sich die „Norrdd. Allg. Ztg." ausdrückt, „unter den Angehörigen der christlichen Confessionen, soweit sie überhaupt noch einigen Werth auf ihr christliches Bekenntniß legengroßen Unwillen, ja Entrüstung hervorzurufen." Hine Wonne ans jüdischem Stamme. Vor einiger Zeit verschwand aus Budapest ein jüdisches Mädchen, Marie Schönhauser. Man vermnthete, daß sie sich in einem Kloster befinde, wo ihr Aufenthalt geheim gehalten werde. Die Polizei stellte in dieser Richtung Recherchen an, und es ergab sich, daß Marie Schönhauser sich in dem Gumpendorfer Kloster in Wien anfhalte. Am 24. September erhielt nun die Budapester Stadlhauptmannschaft das von der Wiener Polizeibehörde mit dem Mädchen aufgenommene Protokoll. Das Mädchen gab an, daß es mit Einwilligung der Mutter getauft wurde und ins Kloster gegangen sei. Demgegenüber erklärt die Mutter des Mädchens, Frau Antonia Schönhauser-Neumann, daß ihre Tochter die Unwahrheit gesagt habe, und daß sowohl die Taufe, als auch der Eintritt ins Kloster geheim und gegen den Willen der Mutter stattgefunden habe. Schließlich gab jedoch die Mutter zu Protokoll, daß sie die Fortsetzung des Verfahrens nicht wünsche. Die Angelegenheit erscheint daher für die Budapester Oberstadthauptmannschaft erledigt. Wusstsche Jude» in der englischen Armee. Eine größere Anzahl von russischen Einwanderern ließ sich in London zur Expedition nach dem Sudan anwerben. Sie bekommen 4 Pf. St. monatlich, sowie Uniform und Verpflegnng. Die Rückkehrcnden erwerben das englische Bürgerrecht. AHlwardt befindet sich wieder auf Agitationsreisen durch Deutschland. Ende September hielt er in- Hannover und Bremen Versammlungen ab. Die Eintrittsgebühr betrug 30 Pf. Das Testament von Marrrett Jsaacs, gewSyntich Aarnato genannt, der sich am 14. Juni im Alter von 44 Fahren in einem Anfall von Geistesgestörtheit in die See stürzte, ist jetzt veröffentlicht worden. Barnato hat außer seinem Wohnsitz rund 960.000 Pfund, etwas über 19 Millionen Mark hinterlaffen, war also bei weitem nicht, wie man anzunehmen geneigt war, einer der reichsten Leute der Erde. Barnatos Testamentsvollstrecker ist sein Neffe, Woolf Joel, da Henry JsaacS, Barnatos Bruder, verzichtet hat. Seinen Nichten Elizabeth Nathan und Sarah Rantzen vermachte der Testator je 1000 Pfund, eine Jahresrente in gleichem Betrage, von seiner Firma Barnato Bros, zu zahlen, doch entfallen diese Legate, falls der Bruder Barnatos dieselben Bestimmungen trifft. Ferner erhält Barnatos Nichte, Liüie Jsaacs, 25.000 Pfd. Sterl., seine Tochter Leah Primrose Jsaacs 25.000 Pfd. Sterl,, außerdem aber noch ebenso wie seine beiden Söhne je 250.000 Pfd. Sterl, aus dem Antheil Barnatos an seiner Firma, die vorläufig die Beträge im Geschäfte behält. Die Witwe, Mrs. Fanny Jsaacs, erhält 5000 Pfd. Sterl. und eine Jahresrente von 100.000 Pfd. Sterl., außerdem eine Beisteuer zum Unterhalt der Kinder. Der Rest des Vermögens, und vor Allem das Geschäft, verbleibt den bisherigen Partnern, Henry Jsaacs, dem Bruder und Woolf Joel, dem Neffen. IuNorwegen befinden sich jetzt, wie die Zeitung„Aftenposten" berichtet, ca. 500 Juden, davon leben 250^-300 in Christiania. Sie sind aus Dänemark und Deutschland eingewandert, auch aus Rußland und Polen. Die jüdische Einwanderung, welche ja längere Zeit in Norwegen ganz verboten war, hat in den letzten Jahren zugenommen. Hdestck. Die von Herrn Ephrussi erbaute jüdische Schule, für welche sich bereits 616 Schüler gemeldet haben, ist eröffnet worden. Kiew. Der Generalgonvernenr von Kiew verbot die Eröffnung der von Herrn Brodsky auf eigenem Grund und Boden erbauten Synagoge, weil die Fayade des Gebäudes zu prunkvoll wäre. Der Berufung an den Senat ist nun stottgegeben, die Handlungsweise des Generalgouverneurs für gesetzwidrig erklärt worden, und der Eröffnung der Synagoge steht nun nichts mehr im Wege. |>te Wäuwe ans Wakastirra, die zur Ausstellung jüdischer Dörfer nach Hamburg gebracht worden sind, werden dort nunmehr nach Schluß derselben im botanischen Garten verbleiben und mit Inschriften versehen ein dauerndes Zeugniß der Tüchtigkeit jüdischer Bauern bilden. Die ausgestellten Weinproducte aus Palästina wurden von der Preis-Jury mit der großen bronzenen Medaille ausgezeichnet. In Jerusalem darben Tausende von jüdischen Bettlern. Sie sind Bettler und darben, weil man sie zu Bettlern systematisch herangezüchtet hat. Gelegenheit macht Diebe, und eine verkehrte Wohlthätigkeit macht Tagediebe. Aus aller Welt fließen in Jerusalem Armenspenden zusammen, und der unwiderstehliche verlockende Reiz zum Nichtsthun, der ein Kind der Chalukah ist, hat Tausende von Menschen aus dem Ackerbau und dem Gewerbe herausgerissen und zu Bettlern gemacht. Es sind Bettler, die nicht verhungern können. Und nun kommt ein Augenblick,