Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Heimkehr vom Congreß
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- S0. nistischen Gedankens. Er gab zu, daß solche Manifestationen von hoher Bedeutung seien, er stehe jedoch auf dem practischen Standpuncte der Colonisation. Als dieses Gespräch beendet war, zog ich mich in eine Ecke zurück und saß da in Gedanken vertieft. Da trat ein Student aus einem benachbarten Waggon ein und fragte nach dem Manne, der da vom Congresse in Basel zu berichten wüßte, welcher jetzt das allgemeine Tagesgespräch bildet. Ich lud ihn ein neben mir Platz zu nehmen und theilte ihm das Wichtigste aus den Congreßverhandlungen mit. Endlich — rief der Jüngling hoch erfreut aus — endlich ist eine Zeit gekommen, wo es nicht mehr als Schande gilt, M als Jude zu bekennen. In der nächsten Station trat ein Mann von robustem Aussehen auf mich zu, den ich als einstigen Colonisten in Sübrußland und reichgewordenen Kaufmann kannte. Wir knüpften ein Gespräch an über jüdische Colonieen, worauf er meinte, daß Juden niemals einer schweren physischen Arbeit sich unterziehen würden — weder in Argentinien noch in Palästina; sie zögen immer den Handel vor, weil er leichter sei. Auf meinen Einwand, daß ich doch mit eigenen Augen jüdische Ackerbauer in Palästina gesehen habe, die durch Fleiß und Tüchtigkeit sich große Anerkennung erworben, erwiderte mir dieser merkwürdige Gegner: „Ich glaube Ihnen einfach nicht. Der Jude taugt zu keiner Arbeit,- euere Colonieen sind lächerliches Kinderspirlzeug und der Baseler Congreß hat nur unnütze Kosten gemacht." Ich dachte an den Spruch des weisen Königs, der in gewissen Fällen Schweigen gebietet; ich schwieg und mein Gegner glaubte mich überwunden zu haben. Kaum daß ich, zu Hause angelangt, die Schwelle überschritten hatte — stand ein Jude vor mir und bot mir einen Schekel an mit der Versicherung, er sei bereit, für sich und seine ganze Familie den Schekel zu zahlen, damit er übers Jahr nach dem heiligen Lande geschickt werde. Mil Bedauern mußte ich ihn abweisen und ihm erklären, wie viel Wahres und Unwahres in dem äge, was er über den Zionismus gehört habe. Schwer seufzend verließ er enttäuscht mein Zimmer. Einige Stunden, später kam zu mir ein alter, schlichter Mann, den ich von lange her kenne und theilte mir mit, er sei von dem Bethause, dem er vorstehe, zu mir gesandt worden, um etwas über den Congreß zu erfahren, denn man erwarte Großes von demselben. Es heiße, daß bereits viele Millionen gesammelt worden seien, daß der Sultan sich zum Abtreten Palästinas an die Juden bereit erklärt habe, nur fürchte er den päpstlichen Einspruch und dergleichen vieles. Ich erklärte ihm nun, was er von diesen Gerüchten zu halten habe und er lauschte gespannt meinen Worten: „Das Eine können Sie denjenigen mittheilen, die Sie entsendet haben, daß sich zweihundert Männer, darunter die besten und gebildetsten aus allen Ländern, wo Juden wohnen, zusammengefunden haben, um Zion, das sie bereits vergessen hatten, ewige Treue zu schwören. Es sind dies Männer von Willen und Energie und sie schreiten eben an die Arbeit, jene vermögenden Kräfte unter Juden und Nichtjuden für diese Sache zu gewinnen, die uns geistig und materiell unterstützen können. Wir, meine Brüder, müssen aber täglich das „Ani ma'arnin", unser Glaubensbekenntnis von der baldigen Ankunft unseres Erlösers mit besonderer Andacht zum Ausdrucke bringen und zwar nicht durch bloße Worte, sondern durch den heiligen Schekel, der den Zweck hat, unser nationales Gebäude wieder aufzurichten. Haben Sie mich verstanden?" „Ich verstehe", erwiderte er resignirt, „Gott Lob dafür, daß diejenigen, die von uns längst nichts mehr wissen wollten, nun zu uns wiederkommen; aber ich habe mehr erwartet ..." Am folgenden Tage besuchten mich zwei junge Leute, die eine vollständig moderne, d. h. nichtjüdische Erziehung genossen, seit mehreren Monaten sich aber dem Juhenthum dadurch zu nähern suchen, daß sie eifrig uusere Geschichte und Literatur s'udireri. Sie intercssirten sich sehr für den Congreß und versicherten mir, daß eine Anzahl von Leuten aus ihrem Kreise einen Bericht über den Congreß mit Sehnsucht erwarten, denn dieser Congreß sei nach ihrer Ansicht ein phänomenales Ereignis in der jüdischen Geschichte. Ich bezeichnte ihnen Zeit und Ort, wo ich Bericht zu erstatten gedachte, und sie freuten sich,, als ich sie einlud, dahin zu kommen. Am Abend empfing ich einen meiner intimen Bekannten, der mir erzählte, daß die beiden Aerzte unserer Stadt, die bisher auf alles was jüdisch ist, verächtlich herabzublicken pflegten, mich ersucht hätten, sie in die Versammlung einzuladen, wo ich über den Congreß referiren werde, denn der Congreß interessire sie über Alles. Ich versprach, es zu thun und that den Segensspruch: „Boruch meschone ha'itim", Gelobt sei, der die Zeiten ändert. Dies das Bild, das ich den geehrten Lesern als Nachklänge vom Baseler Congreß zu bieten vermag; es ist ein Gemisch von verschiedenen Stimmen und Tönen aus den verschiedensten Kreisen unseres Volkes, bald fröhliche, bald traurige Gefühle erweckend. Tribüne. Geehrte Redaction! Wie Ihnen bereits bekannt, wollen wir ein Gesammtbild sämmtlicher Mitglieder des Baseler Zionistencongresses hcrausgeben. Die Photographien —- Visiten-Format mit deutlicher Nameusrmterschrist und Wohnort versehen — sind möglichst bald, spätestens aber bis Ende dieses Monats an Herrn D. Wolffsohn, Karotinger-Ring 34. Köln a. Rh, gefl. einzusenden. Der Erlös wird dem Agitalionsfond überwiesen. Freiwillige Beiträge zu den Herstellungskosten nimmt ebensalls Herr D. Wolfffohn entgegen. Mit Zionsgruß! Hochachtungsvoll Die GefchäftSleitung der National- Jüdischen Bereinigung in Köln. * * * Geehrte Redaction! Es bedarf wohl kaum der Erörterung, wie sehr die jüdischen Kleingewerbetreibenden durch die gegenwärtige traurige Strömung in Mitleidenschaft gezogen werden; und wenn hiezu noch der Umstand in Betracht kommt, daß der jüdische Handwerker selbst seitens feiner Glaubensgenossen nicht die nolhwendige Berücksichtigung findet, so kann die natürliche Folge nicht ausbleiben, daß durch die sich stets schwieriger gestaltenden Erwerbsverhältnisse die Existenz vieler strebsamer Familienväter gefährdet ist. Der „Verein zur Unterstützung jüdischer Kleingewerbetreibender" ist nun seit mehr als 10 Jahren bestrebt, Kleingewerbetreibenden jüdischer Confcsfion durch Darlehensgewährung und andere moralische und materielle Unterstützungen unter die Arme zu greifen und ihnen außerdem in Erkrankungsfällen Krankengelder und Curbeiträge, sowie kostenfreie ärztliche Hilfe und Medikamente zuzuweisen. Um den Fortbestand dieses humanitären Vereines, der gerade in der letzten Zeit in ganz außerordentlicher Weise in Anspruch genommen wird, zu sichern, um dessen segensreiche Wirksamkeit zum Wohle der unter dm Drucke der Zeit schwer leidenden jüdischen Kleingewerbetreibenden zu erhöhen, bedarf es der regen Theilnahme unserer GlaubenSbrüder, an die wir, gezwungen durch die Verhältnisse, zum ersten Male mit dem innigen Appell herantreten, unserem eminent Humanitären Vereine als G r ü n d e r, Spender oder Mitglieder geneigtest beitrcten zu wollen. Mit vollster Hochachtung Der Schriftführer: Der Präsident: Z. Tepperberg. S. Dub. Wien, II., Obere Donaustraße Nr. 81. weltchronlk. Der neueste Merilht der Alliance Isra&lite Universelle“ für das Fahr 1896 enthält eine Fülle von Material zur Beurtheilung der Lage der Juden in Rußland, Rumänien, der Türkei, Marokko und Persien. Sehr ungünstig lauten noch immer die Berichte aus Rußland, denn in der Lage der dortigen Juden hat sichern Verlaufe des Jahres 1896 keine wesentliche Veränderung zugetragen. Die Zahl der obdachlosen Juden nimmt jährlich zu. In Wilna betteln 8000 Juden, und im Winter 1895 sind dort 2000 jüdische Familien auf Kosten der öffentlichen