Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Zur Lage in Deutschland
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4. jRt#VW Nr. SO. und Weiler, es sind auch noch dieselben Juden, wie ich sic verlassen habe. Oder doch nicht so ganz? — Die Judenheit in Deutschland zerfällt in den gedanklichen Kategorien in Orthodoxe und Freidenker, zwischen denen es allenfalls noch eine Mittelpartei geben soll. In Wahrheit ist diese Darstellung durchaus nicht zutreffend. Vielmehr gibt es nur eine große indifferente Masse, die vor Allem, auch gerade in sogenannter religiöser Hinsicht, durchaus glcichgiltig ist. An dieser großen Masse gibt es kleine Anhängsel, die man „Orthodoxe" und „Reformer" nennt, oder die sich gar selber so nennen, indem sie diese wunderlichen Namen, die von einer anderen Gemeinschaft und aus anderen Verhältnissen übernommen wurden, auf sich selber anwenden. Diese Parteien, so klein und winzig sie sind, sind aber durchaus nicht gleichartig oder gar einig in sich selbst. Vielmehr finden sich in ihnen alle Schattirungen von der einen bis zur anderen vertreten, und vom Berliner gcsetzestreuen Judenthume bis zur Frankfurter und Mainzer „Orthodoxie" ist genau so weit, wie von dieser zur Reform, oder wiederum von dem Frcidenkerthume eines Stcinthal bis zu dessen fratzenhafter Darstellung in gewissen Berliner Synagogen. Durchgehcnds freilich berühren diese Gegensätze die jüdische Masse nicht, wobei es ganz gleich ist, ob diese in Süddcutschland aus Denkbequemlichkeit ohne Kritik an alten Bräuchen festhält, oder ob sie in Norddeutschland und im Osten aus materieller Bequemlichkeit diese, nicht mehr beobachtet. Es ist eben die Bequemlichkeit das charakteristische Kennzeichen des deutschen Inden, soweit es sich um jüdische Angelegenheiten handelt. Wie wäre es sonst denkbar, daß dieselben Berliner Rabbiner seit so vielen Jahren in den streng konservativen Synagogen wie in den Gebcthäusern des äußersten sogenannten Liberalismus predigen, ohne vom Unwillen der religiös fühlenden Gemeinde fortgefegt zu werden? So ist denn auch die Bequemlichkeit der einzig ausschlaggebende Grund, welcher die Mehrheit der Juden im Deutschen Reiche bisher von dem Zionismus fernhielt, eine Bequemlichkeit, die um so unangenehmere Wirkungen hatte, als der jüdische Spießbürger vor Allem sich nicht die Mühe nehmen will, den Zionismus und seine Bestrebungen überhaupt kennen zu lenren. Ob diese feige Furcht, vielleicht denken zu müssen, von den Rabbinern zum Volke kam, oder ob die Rabbiner nur im Allgemeinen nicht besser sind als ihre Gemeinden, das zu entscheiden würde Gegenstand einer weitgehenden Arbeit sein müssen; genug: Rabbiner und Gemeindemitgliedcr find einander würdig, d. h. in der Mehrzahl der Fälle sind sie durchaus Bequcmlichkcitsjuden. Diese Furcht, denken zu müssen über Sachen, hie nicht einmal Geld einbringen, charakterisirt die meisten Gegner des Zionismus in Deutschland. So ist es denn nur natürlich, daß man die Köpfe znsanimensteckt, um sich gegenseitig mit Wichligthueni und Gcheimnißkrämerci zuzuraunen, welche Gefahren der Zionismus in seinem Schoße berge. Fragt man, worin diese Gefahren bestünden, welches das Unheil sei, das von dem Baseler Congrcsse aus drohe, so ist wiederum die einzige oft sogar recht überzeugungstreu vorgebrachte Erwiderung, daß der Zionismus noch viel gefährlicher sei als der Antisemitismus. „Warum?" „Wieso?" Ja, darauf gibt man keine Antwort, weil man keine hat, und auch von der Kanzel, von wo dir Schlagwörtcr: „Zionismus ... Antisemitismus ... Gefahr" ertönten, keine Erklärung gegeben war, als eben, daß der Zionismus der Gefahren höchste sei. Und unsere armen Spießbürgerseelcn lassen sich wie kleine Kinder schrecken, die sich im Dunkeln vor der Gefahr am »reisten fürchten, von der sie nichts bemerken. Einige muthigerc Seelen freilich, die vielleicht gar im Stande sind, eine Predigt bis zw Ende mit anzuhören, ohne einznschlafen, und daher auch wissen mögen, wie viel unvWantwortlichcs Zeug dort im Nanien der Religion und Aufklärung dargeboten wird, fangen allmählich an, zu fragen, was denn eigentlich der Zionismus sei, während jüngere Elemente, besonders der akademischen Kreise, schon in den Universitätsstädten vielfach mit der nationaljüdischcn Gedankenwelt Bekanntschaft gemacht haben und nun infolge des so angefeindetcn Zionistencongresses die Gelegenheit haben, in ihren Kreisen über jüdische Dinge zu sprechen. So hat denn der Zionistcncongreß von Basel und mittelbar auch die famose Rabbiner-Erklärung die Veranlassung gegeben, daß in weiten jüdischen Kreisen besonders westlich der Elbe, wo immer jüdisches Gefühl und allgemeine Bildung stärker vertreten waren, der Zionismus zum Gesprächsstoffe wurde, und ihm so die Gelegenheit geboten ist, seinen Wahrheiten bei der indifferenten jüdischen Masse, d. h. der fälschlich sogenannten großen Mittelpartei Eingang zu verschaffen. Diese weitaus große Mehrheit deutscher Juden, die man nicht arm nennen kann, denen aber auch kein allzu großer Anthcil an dem Glückssäckel des weiland Fortunatus zugefallen ist, fängt an, sich von den Zionisten in Bewegung setzen zu lassen. Sie haben während der antisemitischen Angriffe wahrnchmen können, daß jene Kreise, die wegen ihres Geldes „thun, als wären sie Pinto von Amsterdam",") uie etwas für das Judcnthum übrig hatten, während sie stets ihr Möglichstes thatcn, um die Judenheit als Gesammthcit bloßzustcllen. Der jüdische Mittelstand will sich von der Leitung dieser Elemente emancipircn und läßt sich durch deren ausschließliches Classenintcresse nicht mehr vom Zionismus zurückhaltcn oder gar abschrecken. Um so größer ist natürlich die Augst bei jenen Herren, deren Geschäft cs ist, allwöchentlich in die Welt hinauszuschreien, daß die Juden deutschuational und kosmopolitisch sind. Es scheint zwar, daß dcutschnational und kosmopolitisch im Allgemeinen als Gegensätze gelten; nicht aber in dem Organ dieser Herren, den „Mittheilungcn aus dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus". Dies kleine Blatt nämlich mit dem langen Namen, das den Antisemiten gegenüber als Vogelscheuche dienen soll, das aber, wie es bei solchen Vogelscheuchen der Fall zu sein pflegt, nur so lange impouirte und wirkte, als es noch recht neu war, gefällt sich darin, unter seinen jüdischen Abonnenten — Leser hat es nur wenige, christliche überhaupt nicht — Propaganda für die socialdemokratische Partei zu machen, wenn auch die Herren in der Magdeburger Straße bisher nicht den Muth fanden, offen zu sagen, wofür sie im Geheimen agitiren. Je größer nun die Fortschritte des Zionismus sind, umsomehr fühlen sich die „Mittheilungen" mit dem langen Namen in ihrem Geschäft bedroht, und so kommt es denn, daß sie kein Mittel scheuen, welches dazu dienen könnte, die verhaßte Bewegung zu verdächtigen und als Gefahr für das deutsche Judenthnm hinzustcllen. Freilich haben sie noch nie ein Wörtlein über das gebracht, was der Zionismus wirklich will, denn sie wissen es nicht und wollen es nicht wissen, aber das hindert sie nicht, den größten Theil ihres Blattes nicht der Bekämpfung des Antisemitismus, den sie übrigens niemals ernstlich bekämpft haben, sondern des Zionismus zu widmen. Die Rubrik „Zur Abwehr" dient jetzt nur noch diesem Zwecke. Gegen dieses Gebühren ist es die Pflicht unserer Berliner Gesinnungsfreunde, offen avfzutreten. Sollten die „Mittheilungen" keinen ehrlichen Widerruf bringen, so darf man nicht davor zurückscheuen, eine Abwehr dieser „Abwehr" zu inauguriren. Gerade infolge des Baseler Congresses, der seit vielen Jahrhunderten passiver Geschichte die erste öffentliche Kundgebung einer neubcginnendcn activen Geschichte des Judenthunis war, hat sich in Deutschland die für nationaljüdische Propaganda nöthige Stimmung in dem Maße erhöht, daß cs eine nie wieder gut zu machende Unterlassungssünde wäre, .wollte man jetzt die Hände in den Schoß legen. Vor Allem sollten sich auf Grund des Baseler Programms und eines zu beschließenden besonderen Actionsprogramms für Deutschland die Berliner Zionisten einheitlich organistren und sofort mit einer. Volksversammlung vor die Ocffentlichkeit treten, um gegen jene schmachvollen Angriffe energisch zu protestircn. *) Redensart bei den westdeutschen Juden.