Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20. Seite 3. deutsche Nation schmiede» wollte, der würde sich nicht blos lächerlich, sonder» auch höchst verächtlich machen. Nehmen wir aber einmal an, Jro wäre zufälligerweise ein Jude gewesen. Das wäre ein Unglück ohnegleichen, und Gott beschütze uns in Gnaden vor einem solchen Glaubensgenossen. Seine That wäre dann nicht seine eigene allein, nicht sein persönliches Verschulden geblieben, man hätte sie sofort als „jüdische Frechheit" gestempelt. Auswendig kan» man cs sagen, wie darüber geurtheilt worden wäre: „Das kann n u r ein Jud' thun" ... „Kein deutscher Mann hätte das gewagt" ... „Man muß nur bedenken — vor dem ganzen Parlament, das ist e ch t jüdisch!" .., „Judenmoral" . . . u. s. w. Daß die Gesammtheit nicht für einen Einzelnen verantwortlich gemacht werden darf, das gibt wohl jeder zu. Aber diese Regel gilt heute für alle Nationen, nur nicht für die Juden. Die Juden müssen für einander einstehcn, alle für einen und jeder Einzelne für alle, er mag Lust dazu haben oder nicht. Noch nie ist ein Volk so sehr zur Einigkeit gestoßen, gedrängt und gezwungen worden, wie das jüdische. Man glaubt die Hand des waltenden Schicksals zu erkennen, von der die Juden mit Nuthenstrcichen zu einander getrieben und gehetzt werden, bis der große Bund vollendet, bis das Gefühl der Verantwortlichkeit in allen wach gerüttelt ist. * * * Und wirklich, sie beginnen schon für einander einzustehen. Die jüdischen Gemeinderäthe haben die Beleidigung, die Herr Dr. Neumayer mit seinem Angriff auf die jüdischen Richter allen Juden zugesügt hat, nicht auf sich sitzen lassen. Sie haben eine Beschwerde verfaßt und dieses Schriftstück sodann dem Bürgermeister überreicht. Zwar wird der Herr Bürgermeister das Papier vermuthlich in den Papicrkorb gesteckt haben, doch brachten einige Zeitungen aus Gefälligkeit den Inhalt dieses wichtigen Documents, und so darf angenommen werden, baß die Beleidiger trotzdem zur Kenntniß gelangten, wie tüchtig die Juden es ihnen gegeben habe». Es war wirklich ein Heldenstück, und die insultirten Richter brauchen sich nach einem so fabelhaften Aufwand von Energie gar nicht mehr um weitere Genugthuung zu bekümmern. Mau wagt zwar noch nicht im geeigneten Augenblick das richtige, schlagende Wort zu sprechen, aber man traut sich nach ein paar Tagen wenigstens, es zu schreiben. Und wenn cs auch nicht das richtige Wort gewesen, so hat man doch geschrieben, überreicht, veröffentlicht, kurz, man hat eine Entschlossenheit bewiesen, die man gar zu gerne als Heroismus angesehen haben möchte. * * * Wenn aber dem jüdischen Volke dieser Heldenmuts) nicht bewunderungswürdig genug erscheint, wenn ihm die von den jüdischen Gemcinderäthen genommene Kanzlcipapier-Satisfaction doch ein wenig zu schwächlich dünkt, dann können sich's alle Unzufriedenen wahrlich an der Tollkühnheit genug sein lassen, mit der die Cultusgemcinde für die Ehre Israels eingetrcten ist. Allerdings, auch diese Tollkühnheit wurde nur auf dem Papier begangen, allerdings, die Herren haben sich Zeit gelassen zu diesem Ausbruch ihrer entrüsteten Gefühle. Man hätte inzwischen den Schimpf gegen die Echtheit unseres Eides hundertmal wiederholen können, wenn nicht das falsche Ehrenwort Jro's die Aufmerksamkeit abgclenkt hätte. Aber protestirt haben sie nun doch. Sie haben als Antwort auf einen Fauftschlag einen Brief geschrieben, in welchem sie den Wunsch ausdrücken, nicht mehr mit der Faust geschlagen zu werden. Welch ein Temperament! Und welche Wirkung muß von diesem brieflichen Protest ausgehen. Sicherlich wird diese Kundgebung den Herren im Gemeinderäthe ebensosehr imponiren, wie die Beschwerde der jüdischen Stadtväter. Sie werden vor solch trotziger Gegenwehr zurückweichc» und aus Respect vor der Cultusgemcinde alle ferneren Beleidigungen unterlassen. „Ja, was will man denn von uns?" werden die Makkabäer aus der Seitenstettengasse fragen, „sollen auch wir jenen rüden Ton anschlagen, wie unsere Gegner? Wir können doch nicht anders als in würdigen Worten erwidern!" Nun wohl — obgleich sie nicht immer die treffendsten sind, sei doch gegen die „würdigen Worte" weiter nichts eiugewendet. Aber ein bischen lauter mögen sie gesprochen werden, ein bischen kräftiger — und vor allem gesprochen mögen sie werden! * * * Vorläufig aber gibt es noch Juden in Wien, die nicht ohne eine gewisse Sympathie nach dem Rathhause blicken. Es ist beinahe unglaublich, und dennoch ist es so. Der Bürgermeister hat nämlich die Geschäftsverbindung zugebcn müssen, in der die Gemeinde mit jüdischen Firmen steht. Bei diesem Anlasse sagte er: „Es ist ja traurig, aber wir kommen auf manchen Gebieten vorläufig ohne die Juden nicht aus." Gewiß liegt in diesen Worten eine Art vo» Anerkennung für den jüdischen Fleiß und die jüdische Tüchtigkeit. Wie sonderbar malt sich in einigen Köpfen doch die Welt. Sie gerathen vollständig in Verwirrung, so sehr geschmeichelt fühlen sie sich durch diesen Ausspruch. Man bcnöthigt uns also, arguinentiren sie, man wäre trostlos, wenn wir nicht da wären, und sie bilden sich wirklich ein, daß noch alles gut werden kann, blos weil die antisemitische Commune sich wohl oder übel herbcilassen muß, mit ein paar Juden Geschäfte zu machen. Sie sind verblendet genug, Friedensklänge herauszuhören aus diesen Worten und bleiben taub gegen den Kriegsrus, der vernehmlich genug daraus ertönt. So weit sind sie schon in ihrer Anpassungsmanie, daß sie sich gerne mißbrauchen ließen, wenn man sie nur überhaupt brauchen möchte. * * * Indessen fahnden die Antisemiten überall nach jüdischer Arbeit. Und wo sich die Leistung nicht anfechten läßt, wird wenigstens der Arbeiter angefochtcn. Denn er ist ein Jude und hat deshalb kein Recht auf Tüchtigkeit. Nun haben gewisse Blätter Verzeichnisse deutscher Bühnenautoren veröffentlicht, und sie haben dabei eine Eintheilung getroffen, nicht nach guten und schlechten, nicht nach begabten und talentlosen, nach erfolgreichen und durchgefallenen Autoren, sondern nach Christen und Juden. Oder genauer, nach Deutschen und — „Deutschschreibenden". Es gibt unter diesen „dcutschschrcibenden" Dichtern viele, die in ihrem Herzen sich Deutsche fühlen und den Deutschen näherstehen, als der jüdische» Sache. Sie haben auch mehr gedankliche Arbeit verrichtet, als der classisicirende Artikclschreiber, der ihnen mit nationalem Dünkel die Zugehörigkeit zum Deutschthum aberkennt und sie als „Fremdlinge" tractirt. Ach, und das geschieht gerade in jenen Blättern, in denen so verzweifelt wenig gethan wird für die Entwicklung der deutschen Sprache. Doch mag man gerne diese Unterscheidungen acceptireu. Ein Talent wird trotzdem überall, wo es aufblüht, seine Kräfte regen imb wird sich nicht abhalten lassen, das Instrument zu spielen, das es zu meistern vermag. Und wenn mau auf diese Sorte von Barden blickt, wird man lieber ein gut dentschschreibeuder Fremdling sein wollen, als ein mühsam kritzelnder Germane. -i- * 4r In Ungarn, im „verjudeten", freidenkerischen Ungarn, wo die Kinder Israels voll und ganz ihren revolutionären Neigungen nachhängcn können, weist der statistische Bericht — 28 cvnfessionslose Jude» gegen tausende Katholiken, Hunderte Protestanten und Orthodoxe aus. Damit soll nichts gegen die Gottlosigkeit der Einen oder für die Frömmigkeit der Anderen bewiesen werden. Nur zur jüngst modernen Behauptung, daß die Juden mit der größten Leichtigkeit von Gott und Schwur abfallen, möge die bescheidene Ziffer 28 als bescheidene Jllustrirung gelten. Zur Lage in Deutschland. Bon Dr. Heinrich Loewe-Jaffa. Magdeburg, Anfangs October 1807. Da bin ich nun wieder einmal in meinem Geburtslaude und in Verhältnissen, unter denen ich ausgewachsen. Es sind noch die alten Straßen und Wege, die alten Städte