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Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
Mauschel
Date
1897-10-15
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 20. sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judenthum nach Innen und Außen geschwächt. Aber cs kam die Zeit,., unsere'Zeit, wo auch die Flucht aus der Religion den Juden nicht mehr von >der Solidarität mit Mauschel befreien kann. Die Race! Als ob Jude und Mauschel von derselben Race wären. Der Gegenbeweis war freilich schwer zu erbringen, und vor dem Antisemitismus schienen Jude und Mauschel für immer, unauflöslich, rettungslos verbunden. In solchen Zeiten Pflegt wohl mancher Mauschel vom Juden!hum abzufallcn, ein Jude sicher nicht. Da trat der Zionismus auf — Jude und Mauschel mußten zu dieser Frage Stellung nehmen. Und jetzt, jetzt zum erstcnmalc hat Mauschel dem Juden einen moralischen Dienst von unverhoffter Größe erwiesen. Mauschel lagt sich von der Gemeinschaft los, Mauschel ist — Antizionist! Mau möge uns nicht mißverstehen. Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie man uns gerne darstellcn möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt sehr hohe, sehr respcctuble Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Person nicht theilnehmcn kann oder will; aber darum braucht er sie noch nicht zu verdächtigen und zu bekämpfen. Die Haltung eines Juden, der nicht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt sich eigentlich von selbst: er stellt sich abseits. Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimilirt, daß ihn die Geschicke der Juden nichts mehr angehcn. Er hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz das äußere Band nicht zerrissen. Er kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, daß auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judenthum schon abgckommcn ist, um so achtungsvoller wird er die Regungen dieses ihm fremden Volksbcwußtscins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, daß seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluß an ein anderes, dem ec sich verwandter fühlt, ohne beschämende Concessioncu. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antizionist. Er bleibt neutral, kühl, fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er als Fremder die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen Und unterstützen, wie es unsere christlichen Freunde thnn, die den verschiedensten Völkern angehören. Mauschel hingegen ist Anlizionist, nnd zwar in lärmender, belästigender Weise. Mauschel höhnt, schimpft, verleumdet und dcnnncirt. Denn Mauschel spürt, daß cs ihm jetzt endlich an den Kragen geht. Er hat das sofort, noch bevor der Zionismus alle Batterien dcmaskirtc, auf eine beinahe geniale Weise cirathcn. Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlaglvort gegen die Zionisten ausgegcben : sic seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die uns ohne Rücksicht ans unsere erworbene Stellung nnd unser Borwärtskommcn vor aller Welt als Semiten bekennen, die Pflege unseres alten Volksthums Hochhalten, zu unseren arme:: Brüdern stehen. Aber er hatte blitzschnell heraus, was wir sind. Mauschelfeinde sind wirk Mauschel hatte sich mit dem Antisemitismus schon so gut wie abgcfundcn. In den Culturländcrn geht cs ja den Juden nur an die Ehre. Mauschel zuckt die Achseln: was heißt Ehre? Wozu braucht man die Ehre? Wenn die Geschäfte gehen und man gesund ist, läßt sich das Uebrige ertragen. Für den schlimmsten Fall richtet Mansche! seinen Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgend einem Laude, wo er allenfalls bei einer anderen Nation nnterschlüpfen könnte. Dort angclangt, spielt er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, crthcilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, die nicht sind, wie er. Dabei begeht er die wunderliche Jncvnscqueuz, sich von den Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zn sprechen. So kommt cs, daß wir manchmal von ernsten Freunden unserer Sache die Bemerkung hören müssen: „Die Juden selbst wollen ja vom Zionismus nichts wissen". Die Juden? Nicht doch. Nur Mauschel nicht! Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es. Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei. Das ist eine der ersten, eine der wohlthätigstcn Folgen unserer Bewegung. Wir werden erleichtert aufathmen, wenn wir diese Leute, die wir mit heimlicher Scham als Volksgenossen behandeln mußten, ganz und gor los sind. Sie gehören nicht zu uns — aber wir auch nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmälig, welch' eine gesunde Volksbewegung unser Zionismus ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den schmachvollen Elementen zu säubern?. Weg mit. der faulen Duldung. Wir brauchen über Mauschels Streiche nicht mehr zu crröthen, wir brauchen sie nicht zu verschweigen, nicht empfindsam zu vertheidigen. Ah, wir sind Narren? Nun, so verrückt sind wir nicht, noch länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen. Mehr noch: der Feind soll wie ein Feind behandelt werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die du als Protestrabbiner mißbrauchst! Wir wollen erst wieder in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus, Mauschel, aus allen Vertretungen des jüdischen Volkes, das du nicht zu kennen behauptest. Und ist es wahr, daß nur die Gedrückten, nicht die Mächtigen am Zionismus hängen, dann soll die versammelte Kraft der Unglücklichen aufgeboten werden. Wir wollen sehen, wie sich die Dinge gestalten, wenn wir den Boykott auf allen Gebieten gegen Mauschel ausgeben. Wenn wir alle die förmlich von uns absondern, die sich gegen unsere Volksgenossenschaft verwahren, wird man in diesen Ausgeschiedenen eine seltsam gemischte Gesellschaft zu scheu bekommen. Da ist der Financier, der so viel Butter auf dem Kopfe hat, daß er sich . vor einem ebenso verdächtigen Mauschel, vor dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen füttert. Da ist der Advocat mit einer Kundschaft, die sich an den Grenzen der Paragraphe aufhält. Da ist der rothgeschminkte Politiker, der jetzt den Socialismus betreibt, ausnützt und entwerthet. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter . . . Mauschel, nimm dich in Acht! Da ist eine Bewegung, von der selbst die Judenfeinde gestehen, daß sie nicht verächtlich ist. Es soll ein Abfluß unglücklicher, wirthschaftlich und politisch schiver bedrohter Menschen nach einer dauernden Heimstätte, unter rechtlichen Sicherheiten cingelcitet werden. Dagegen sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Perfidicn verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vortheil für dich sichst? Was hast denn du jemals für deine „Brüder" gethan? Entehrt hast du sie, geschadet hast du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen, fällst du ihnen in den Arm. Mauschel, nimm dich in Acht! Der Zionismus könnte es halten, wie Teil in der Sage. Wenn sich Tell anschickt, den Apfel vom Haupte seines Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauschels Brust bestimmt! Die Woche. Wien, 14. Oktober 1897. Der antisemitische Abgeordnete I r o hat ein falsches Ehrenwort gegeben. Es war ein Manneswort von tadelloser Race. Es sah so überzeugend, so inappellabel aus, wie nur irgend ein wirkliches Ehrenwort; cs war auch noch besonders feierlich, denn es wurde im Angesichte des österreichischen Parlaments gegeben — nur, leider, cs war falsch. Deshalb hatte cs nicht ganz die entscheidende Wirkung, die dein H"'° kommen »ach eines deutschen Mannes Wort haben soll. Wenigstens fiel die Entscheidung anders aus, als zil vcrumtheu war. Herr Jro hat sein Mandat bereits nicdergelegt. Seine Paiteigenossen, heißt es, gaben ihn auf. Damit ist die Sache erledigt, und wer aus dem löcherigen Ehrgefühl dieses Einzelnen eine Anschuldigung gegen .die

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