Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14. Nr. IS Zeitschrifteir-Rundscha«. Die „pnrysrkose" in Lemberg hat bereits zwei Nummern vollständig der Congreßbespreehung gewidmet. Sie bringt nicht nur die Rede H e r z V 5 und Nordau' s in polnischer Uebersetzung, sondern behandelt auch den Congreß im Leitartikel und Feuilleton. Die Enunciationen dieses Parteiblattes sind schon deßhalb von Wichtigkeit, weil sie von den meisten polnischen Tagesblättern in der Regel auszugsweise reproducirt, mitunter sogar an leitender Stelle abgedruckt werden. An ihrer letzten Nummer bringt die „?r2y32l()8ö" an leitender Stelle eine psychologische Betrachtung, betitelt „Das Fest der Zukunft". — Der Baseler Correspondcnt des osficiösen und wichtigsten antisemitischen Organes Rußlands „Nowoje Wremja“ hebt in seiner von richtigem Verständnisse aller gegnerischen Unterströmungcn zeigenden Besprechung des Baseler Congresscs hervor, daß, wiewohl die reellen Kräfte des Judenthums, Finanzmänner und Rabbiner, und die ideellen Elemente desselben, die „universellen" Juden, der zionistischen Beweguug feindlich gegenüber stehen, dieselbe doch von Tag zu Tage an Ausdehnung gewinnt, weil „die zionistische Bewegung die erste aufrichtige und direcie Massenbewegung im Judeuthume sei". „Odesskya Novosti“, tue an die Ausführbarkeit des Herzk'schep Projectes nicht recht zu glauben erklären, weisen auf die ethische Seite der zionistischen Bewegung hin: „Der Zionismus ist eine lichtvolle Erscheinung, insoferne er das Wiedererwachen und Wachsen des Bewußtseins der eigenen Würde, das Verlangen nach der Achtung der Umgebung bedeutet. Man kann sich über den Umstand nur freuen, daß die Juden aufhörcn, sich als Parias zu betrachten, die für das geringste Almosen dem Himmel $euil Sem Lind. Von Bork-Steiner. Es war vor Jahren in einem Hause der 120. Straße, ganz nahe an Haarlem, dem westlichsten Ende der Manhattan- Insel, auf der Ncw-Uork erbaut ist, daß ich Zeuge der folgenden Begebenheit wurde. Damals wohnten dort keine reichen Leute, aber auch niedriges Volk fand in diesem Stadtviertel keine Heimstätte. In den gleichmäßig grauen, flachen, kastenartigen Bauten hausten zunuist kleine Leute, Angestellte der großen Kaufhäuser und anderer Geschäfte der unteren Stadt, die täglich auf der Hochbahn dm Weg hin- und zurückrollten. Ein junger Freund namens Harry Cohane hatte mich hinausgebracht, damit ich seine Mutter und Schwester kennen lerne, die ihm vor Kurzem von Europa nachgezogen waren. Ich fand schlichte, süddeutsche Frauen, die mich bald in ein heimatlich gemüthliches Empfinden eingesponnen hatten. Der ganzen Familie war durch eine von der Wurzel an gebogene Nase der Typus jüdischer Nace ausgeprägt; auch das Gesicht eines Bruders der alten Frau, der im Laufe des Abends zu Besuche kam, zeigte diesen charakteristischen Zug. Mein Freund hatte dieses Verwandten niemals Erwähnung gethan; Neffe und Onkel standen sich etwas fremd, fast verlegen gegenüber. Doch zur Schwester sprach der alte Mann ernst, eindringlich, wie cs schien, auch klagend. Auf ihrem vollen Gesichte spiegelten sich Verlegenheit, Zorn und Schmerz, die nach und nach einem Ausdrucke von Nathlosigkeit platzmachten. Der Bruder schwieg endlich, er wischte sich dicke Schweißtropfen vom fetten Gesichte, das hilflos blickte. Die ganze, kleine, runde Gestalt machte den Eindruck der Energielosigkeit, der durch eine kraftlos hcrabhängende, dicke Unterlippe noch verstärkt wurde. Die linke Hand spielte mit einer abgerissenen, altmodischen, dicken Uhrkette oder zupfte unruhig an der reinen, aber verwaschenen weißen Piqueweste, während seine Rechte nervös die grauen, dünnen Bartcottelcttes strich. Obwohl das Gespräch ein geheimes bleiben sollte, waren doch zahlreiche Sätze an unser Ohr geflogen, von der unterdrückten Leidenschaft über die heimliche Sprechweise hinausgetricbm. „„Kannst Du denn auf gar fei* Weist Der' Vermögen zurückkriegen?"" „Nein, solange Tamany-Hall regiert, das sind nämlich die Demokraten, größtentheils Irische, die mögen uns Deutsche nit. Außerdem war ich immer bei der republikanischen Partei!" „„Aber Recht muß doch auch in Amerika Recht bleiben!"" „Jawohl, aber beim Zoll ist schwer zu sagen, wer Recht danken und durch ein freundliches Wort eines Nichtjuden auf den Gipfel der Glückseligkeit versetzt werden. Die Juden verlangen nunmehr, daß man sie als Menschen achte, die ebenso Vorzüge als Schwächen aufweisen, wie die sie umgebenden Völker, und die auch ein gleiches Recht auf Existenz besitzen; jeden Versuch, ihre Menschenrechte za schmälern, weisen sie mit Entrüstung zurück." „Woschod“, indem er diese Stelle des Odessaer Blattes ciliert, fügt hinzu: „Zweifellos, in diesem Wachrufe des Bewußtseins der eigenen Würde und seiner Gleichberechtigung mit anderen Völkern ist däs Hauptverdienst des Zionismus, und daher bringt ihm der beste Theil der jüdischen Intelligenz seine Sympathien entgegen, ohne dabei die Träumereien über die Errichtung des Judcnstaates zu theilen. Nicht umsonst erklärt Herz! sellbst, Zionismus sei vor Allem die Rückkehr der Juden zmn Judenthum und erst dann die Rückkehr derselben ins alte Vaterland". Die in Petersburg erscheinende polnische Wochenschrift „Kraj‘*, in der im vorigen Jahre Stanislaus von KoLmian den „Judenstaat" besprochen hat, wendet sich jetzt in zwei Artikeln über den Basler Congreß gegen den Zionismus. Was er vorbringt, ist furchtbar „liebevoll" für die Juden: „Sie mögen nur lieber im Lande bleiben und sich assnniliren, der Zionismus beruhe nicht auf realen Tbatsachen" u. s. lv. Man wird sich fragen, warum hat denn der „Kraj* ein Interesse daran, die Juden, von deren Massenelend und Massenproletarisirung seine Correspondenten in jeder Nummer zu erzählen wissen, im Lande zu behalten, sie assimiliren zu wollen, nachdem die primitivste Voraussetzung dafür, die gesetzliche Gleichberechtigung, den Juden nicht eingeräumt ist. Für den Leitartikler besteht aber die ökonomische Seite der Judensrage nicht. Er beurcheilt sie lediglich aus dem Petersburger Gesichtswinkel, wo es bekanntlich nur Juden erster Gilde gibt. l e t o tt* hat. Sie behaupte», nie me Spitzen seien alle zu billig verzollt gewesen. Nu is seit drei Jahr' alles confiscirt, die Waar'. das Geld und die Bücher, und ich, ich könnt' verhungern, wenn die Mädels nit wären. — — —" — — — „Die Frau hat nie was gesagt?"" „Nein, bei ihren Lebzeiten war Nuh'. Ich Hab' von ihr nit verlangt, sic soll jüdisch wer'n, sie hat mich nie katholisch machen wollen, die Kinder sein katholisch wor'n, und weil's ' Mädeln sind, Hab' ich ihr das Recht lassen. — — — Erft haben sie das eigene Zimmer mit Heiligcn-Bildern vollgchängt, dann sind sic in mein' Stuben gekommen. sieber'm Bett die heilige Maria, mit Schwertern und Dolch in der Brust, am Tisch ein Crncifix — — — heimlich — bei Nacht — wie ich anfstch', erschreck' ich, daß ich mein', der Schlag' trifft mich! „„-Du bist ja doch der Vater- „Ja, der nix is und nix hat, cm Vater, den seine Kinder ernähren! Sie sind ohnehin hier in Amerika anders als bei uns, weißt, so independent — sie Horm nit auf die Eltern — — — „ „-Aus Erbarmen, wcilDu cin alterMannbist—" „Se mcincn's ja net schlecht — der Geistliche hat se ganz in sei' Gewalt, was er sagt, sagen se — — —. Gestern, wie ich cinschlafcn will, höre ich, wie sie sich vor mein' Bcdroom nicderknien und beten zu Gott und alle seine Verwandtschaft, sic sollen mei' Sinn über Nacht ändern. Die Acltcrc weint dabei und schluchzt und bitt't ihre Mutter um Verzeihung, daß cs ihr noch immer nit gelungen ist, ihr die ewige Nuh' zu geben, weil ich so halsstarrig bin — — —. Die ganze Nacht Hab' ich dann fei’ Aug' zugcmacht — „„Haben sie Dir das Haus verboten?"" „Das g'rad' nit wörtlich, aber so im Streit fahrt's der Großen heraus, cs sei eigentlich eine Sünd', mich zu erhalten, weil ich ihre Mutter vhn' Erbarmen im Fegefeuer brennen lass'- „„Du schläfst derweil mit Harry! Morgen geh' ich zu die Mädeln und red' mit ihnen — — — Das alte Gcschwistcrpaar saß eine Weile stumm, fast regungslos. Wir jungen Leute schwiegen, erfüllt von dem, was wir gegen Willen und Absicht gehört hatten. * $ Ein heftiges Läuten fuhr durch das stille Haus, die Eingangsthür wurde geöffnet, und im selben Augenblicke stürzten zwei Mädchen zur Thür des Parlors herein. Eigentlich sah man nur eine Mädchcngestalt, groß, üppig, das schwarze Haar in fluthenden Wellen, mit einem etwas breiten Gesichte, dem eine stumpf geformte Nase eine