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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
Prag [Nachricht]
Date
1897-10-08
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. Nr. 19. das vordringende Tschechenthum, würden von Deutschnationalen aufs Heftigste befehdet, weil Inden den Vereinen angehören.— Wie die „Kathol. Lisch" melden, pflegen bereits die Ankündigungen über die Verpachtungen von Gemeindehäusern in tschechischen Orten mit der Clausel zu erscheinen: „Juden ausgeschlossen",. Budapest. Vor ungefähr einem Monate waren hier sonderbare Gerüchte über die Elementarschule in der Kazinczy? gaffe verbreitet. Mehrere jüdische Schulkinder beklagten sich bei ihren Ettern, daß ihre Lehrer ihre Confession verspotten, ihnen ein weißes Tuch um die Schultern hängen, ihnen Schmachtlocken an die Schläfen kleben, und sie von der ganzen Claffe verspotten lassen. Die hierüber entrüsteten Eltern wandten sich an den an derselbenSchule wirkenden jüdischen Lehrer Julius Gabel, der ihnen den Rath crtheilte, sie mögen mit ihren Klagen in die Oeffentlichkeit treten. Es geschah. Am nächsten Tage erschienen in mehreren hiesigen Blättern Erklärungen, in welchen die Aufmerksamkeit der competenten Behörden auf diese Scandale gelenkt wurde, und zugleich die Durchführung einer strengen Untersuchung gegen die betreffenden Lehrer verlangt wurde. Die Folge dieser Veröffentlichung war die, daß der jüdische Lehrer, der den betreffenden Eltern den Rath gegeben, nach Altofen versetzt wurde. Die Lehrer Aladar Schönviczky und Ladislaus Koczo aber, gegen die sich jene Beschwerden richteten, belangten überdies noch Gabel wegen Verleumdung. Die Verhandlung wird am 13. November l. I. stattfinden. Essegg. (Orig. Corr.) Herr Dr. A. Kaminka, Prediger am neuen israelitischen Tempel in Prag, ist der Berufung als Oberrabbiner nach Essegg, der LandeshauptstadtSlavoniens gefolgt und bereits auf den neuen Posten übersiedelt. Die Installation hat am 22. September in feierlicher Wiese in Anwesenheit der Spitzen der militärischen und Civilbehörden stattgefnndcu. Deutschland. Berlin. (Orig. Corr.) Die „Norddeutsche Allgemeine Z e i t un g" findet es wieder einmal für gut, in di'e antisemitische Kriegsposaune zu stoßen. Das Blatt regt sich darüber ans, daß in Berlin einige Juden in öffentlichen Schulen als Lehrer angestellt sind. „Die Anstellung jüdischer Lehrer in Berlin zur Ertheilung des Geschichtsunterrichtes an christliche Kinder habe unter den Angehörigen aller christlichen Confeffioney, soweit sie überhaupt noch Werth auf ihr christliches Bekenntnis legen, großen Unwillen, ja Entrüstung hervorgerufen". — Das Werben der Antisemiten um Bundesgenossen für die bevorstehenden Wahlen ist nicht erfolglos geblieben. Die Freundschaft der Antisemiten und des Bundes der Landwirthe ist kein leerer Wahn mehr. Auf ihrem Parteitage haben die Antisemiten Brandenburgs constatirt, daß in vielen Wahlkreisen der Provinz Brandenburg der Bund der Landwirthe die antisemitischen Candjdaten ofsiciell unterstützen werde. Schweiz. Jnterlaken. Der Leichnam des hier verstorbenen Leon Daniel aus Jassy ist zur Bestattung nach Jassy überführt worden. Daniel war Präsident des jüdischen Krankenhauses und hat sich um die Gründung der jüdischen Schulen in erster Reihe verdient gemacht. Frankreichs Paris. (Orig.-Corr.) Der Antisemitismus ist bereits eine Regierungscalamität geworden. Allerdings nicht in unserem schönen Paris, wo es den Juden „ganz vorzüglich" geht, und ärgstensfalls der Janhagel vor dem Palais Rothschild ein bischen demonstrirt, aber unten in Afrika, wo es sich aber „glücklicherweise" nur um algerische Juden handelt. Die Krise in Algier ist allgemeines Gesprächsthema. Der gewaltige Statthalter, mit den Attributen eines Vicekönigs ausgestattet, Cam b on, hat gehen müssen. Was Cambon, der durch volle sieben Jahre in Algier residirte, für die dortigen Juden bedeutete, ist bekannt. Seit dem Jahre 1870 besitzen die Juden die volle Gleichberechtigung. Gambetda ließ sie naturalisiren, Weiler ihre Stimmen gegen die monarchische Opposition brauchte. Und die Juden bewährten sich auch als aufrichtige Republikaner. Aber was half es ihnen. Gerade ihr Eintreten für die Regierung brachte ihnen, so merkwürdig es auch klingen mag, die Feindschaft der Regierungsbeamten, die sich meistens aus den aristokratischen Familien recrutirten. Dieser Judenhaß gewann aber nur einen rein gesellschaftlichen Ausdruck. Erst Cambon war es beschieden, den Antisemitismus auch auf andere Gebiete hinüberzuleiten. Doch der algerische Pöbel fand bald zum Schrecken Cambons keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Franzosen und siel auch über die christlichen Geschäftsleute her. Militär mußte aufgeboten werden, und nur mit Mühe und Noth gelang es, des Aufstandes, der bereits bedenkliche Dimensionen angenommen, Herr zu werden. Dieser Ausgang machte die Machthaber stutzig. Nun sorgten sie nur mehr für die Verbreitung des Antisemitismus in französischen Kreisen. Die jüdischen Geschäftsleute wurden boycottirt, Juden wurden nicht mehr angestellt und von allen Unternehmungen ausgeschlossen. Bedenkt man, daß unter den 45.000 algerischen Juden mehr als 30.000 dem ärmsten Proletariat angehören, so wird man die Tragweite eines derartigen wirthschaftlichen Antisemitismus ermessen. Erft kürzlich brachte ja „Die Welt" die Nachricht, daß die Juden in einer Petition den Grand- Rabbiner und das Pariser Consistorium angegangen hätten, bei den jüdischen Großkaufleuten und Industriellen zu erwirken, ihrerseits wieder nur Juden anzustellen. Inzwischen hatte man sich wieder in den Folgen der Agitation getäuscht. Im Monate Mai wurde die Welt von der Nachricht überrascht, daß in Oran und Mostaganem eine Judenhetze ausgebrochen sei, die den excessivsten Charakter bereits angenommen. Der Minister des Innern Barthou gab strengste Ordre, die Juden wurden unter Militärschutz gestellt, und der Aufstand wurde niedergeschlagen. Die Juden verließen ihre Wohnsitze und siedelten sich in weniger gefährlichen Provinzen an. Nun begann man sich in Paris mit Algier zu beschäftigen. Henri R ochefort schrieb: „Es beginnt bei den Juden, bei. den Christen wird es enden." Cambon war gegangen, und es war die ehrlichste Absicht der Negierung, endlich Ruhe zu schaffen. Man dachte zuerst an Eon st ans, den Besieger Boulangers. Allein diese Kandidatur mußte angesichts des Umstandes, daß die Untersuchung in der Panamaaffaire noch nicht abgeschlossen, fallen gelassen werden. Es schien nun ein Stillstand einzutreten. Vorige Woche jedoch wurde zur allgemeinen Ueberraschung der Botschafter am Wiener Hofe, Loze, zum Statthalter ernannt. Trotz des unstreitigen Avancements, das diese Ernennung bedeutete, hatte doch der algerische Posten für Loze etwas Unangenehmes. Lozo sollte gegen den Antisemitismus auftreten. Denn die Situation halte sich nur noch verschärft. Unter Führung des Herausgebers des „L'Antijuif" Max Regis, fand nämlich am 25. October in Algier eine antisemitische Straßenkundgebung statt, an der mehrere Tausend Personen Theil nahmen. Schutzleute und Truppen schritten gegen die Ruhestörer ein, zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Auch Max Regis wurde in Haft genommen. So verzichtete Loze auf den Statthalterposten, und officiell hieß es, daß er in Anbetracht der radicalen Unterströmung nicht gesonnen sei, den Angriffen der Radicalen und Socialisten sich auszusetzen. An seine Stelle wurde nun in den letzten Tagen der Pariser Polizeipräfect, Läpine, ernannt. Wird es dem neuen Statthalter gelingen, den Intentionen der Regierung zu entsprechen? Wird ober auch das traurige Los der algerischen Juden den französischen Juden endlich die Augen öffnen? Zwischen den Leiden dieser und den Belästigungen Drumont's besteht doch ein Unterschied. Was ist's also mit dem Judenhaß in Frankreich? Bulgarien. Sophia. (Orig.-Corr.) Nascher, als wir es vermutheten, wurde der Großrabbinatssitz als vacant erklärt. Rabbi Jzchak B a k i s ch strauchelte und fiel über eine Angelegenheit, die nirgends zum Anstoß

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