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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1897-10-08
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 19. Seite 9. Es ist nicht der erste Fall, daß der Abgeordnete von Czernowitz, Dr. Straucher, mit einer Interpellation als Erster am Platze war. Allein der Mann ist furchtbar naiv. Die Ablehnung der Mitfertigung seitens der jüdischen Abgeordneten aus Galizien anläßlich der Exzesse in Chodoröw und die Präterirung jüdischer Rechrspractikanten in der Bukowina haben ihn nicht eingeschüchtert, er wandte sich auch jetzt an die — Hausjuden des Polenclubs. Wer" diese Leute kennt, die nur der Corruprion und Bestechlichkeit ihre Mandate verdanken, die nie im Parlament mit einer selbständigen Ansicht hervorgetreten sind, die niemals auch das Mindeste im Interesse ihrer jüdischen Majorität geleistet haben, wird auch über ihren diesmaligen Entschluß nicht staunen: sie haben den Muth gehabt, ihre Unterschrift zu verweigern. Und sie haben auch „Gründe" dafür gefunden. Sie meinten, es handle sich um eine galizische Angelegenheit, und das gehe Dr. ^Straucher als Bukowinaer eigentlich gar uichts an. . . . Mit Dr. Rapoport hat sich Dr. Straucher überhaupt nicht verständigen können; das Factotum der Länderbank spricht nur — polnisch. Dr. Trachtenberg kann nichts dafür, und die anderen Herrn haben Angst um ihre schwer er—wordenen Mandate. Aber die Worte tiefster Verachtung, die ihnen Dr. Straucher zuschleudertc, haben die Herren bewogen, sich die Sache noch zu überlegen. Sie erklärten, den Fall im Polenclub vorzubringen, und sobald es dieser erlaubt (!), eine Interpellation zu überreichen. Das schien dem Dr. Straucher denn doch zu langwierig, und er begab sich zu den — Socialdemocraten; vom Regen unter die Traufe. Jüdische Stimmen und jüdische Wahlfonds können die „Genossen" brauchen, aber so eine Interpellation unterschreiben wegen einiger todtgeschlagener Juden, beraubter Proletarier, die gerade Juden sind. . . . „Das ist ja eine kleine Sache", „das kommt ja jeden Tag vor", „deswegen kann man doch nicht so weitgehende Consequenzen ziehen" und am Ende ist es doch zu dumm, sich ewig Judenschutztruppe nennen zu lassen. — Diese weisen Rathschläge holte sich Dr. Straucher bei D a s z y n s k i und andereu „Parteigrößen" statt — der Unterschriften. Wir können es uns denken, wie es dem Manne zu Muthe war, als er unter 128 Parlamentsmitgliedern — darunter 12 Juden — nur 3 Unterschriften (T i t t i n g e r, K a r e i s und Kronawetter) zusammenbrachte. Aber die jüdische öffentliche Meinung mag daraus lernen, wie die „Vertreter" des jüdischen Volkes beschaffen sind. L. Wien. (Orig. Corr.) Wie man uns aus Galizien mittheill, ist die Debatte über die Judenfrage in der socialdemokratischen Partei nahe daran, diese stein zwei Lager zu spalten. Es ist bereits allgemein bekannt, daß in Krakau unter der Führerschaft des jungen Dr. Marek, des Obmanns der Bezirkskrankencassa, eine große Opposition gegen Daszynski in letzter Zeit entstanden ist, was denselben zwingt, sich auf seinen jüdischen Anhang zu stützen. Auch auf dem Lemberger Parteitag wurde viel bemerkt, daß der Antrag Kozakiewicz auf Schaffung einer jüdischen Organisation gerade Daszynski ammt den meisten jüdischen „Genossen" gegen sich hatte. Wir batten dieser Tage Gelegenheit den Abgeordneten Kozakiewicz >it sprechen und dieser erklärte uns unumwunden: „Ich war für eine besondere jüdische Organisation, weil ich das für vortheilhafter für die Partei halte. Thatsächlich gibt es keine H a rm o n i e, kein Zusammengehen und kein gegenseitiges V e r st ä n d n i s zwischen den Juden und den anderen Genossen. Sie haben ihre eigenen Vereine und ihre eigene Zeitung. Es wurde über diese Frage sehr viel in der Commission debattirt, was von großem Interesse ist, aber das entzieht sich der Oeffentlichkeit. Bon einer Zugehörigkeit zur polnischen Nation hat auf dem Parteitag kein Jude gesprochen, vielmehr ging aus allen Reden hervor, daß die Juden eine besondere Nationalität bilden". Das ist wohl deutlich. L. Wien. (Orig. Corr.) Von dem Dache des Wiener kaufmännischen Vereines wehre die schwarz-roth-goldene Fahne, Diese Farben sind nun Gemeingut aller Deutschen in Oesterreich geworden, auch der „Deutschen jüdischer Confessioir". Und wir werden uns gewöhnen müssen, die deutschnationale Tricolore als nothwendiges Jnventarstück in allen möglichen Vereinen, wo Juden sitzen, betrachten zu.müssen. Der deutsche Schulverein tagte diese Woche in Wien. Aus freiwilligen Beiträgen erhalten, stellt er sich als nationales Bollwerk in bedrohten deutschen Sprachgebieten dar. Selbstverständlich waren die Juden vom ersten Augenblicke seiner Existenz an seine treuesten uud opferwilligsten Mitglieder. Doch der Antisemitismus spielte ihnen auch hier stark mit. Man verlangte seit Jahren die Ausscheidung der Juden au§ dem nationalen Verbände und benützte alle möglichen Gelegenheiten dazu. Die Juden wurden gröblichst beschimpft, ein Theil der Mitglieder trat aus, und das Jahrbuch des Vereines brachte mitunter Erzählungen und Novelletten von jüdischen Wucherern und Ausbeutern. Aber dies alles half nichts, die Juden hielten zäh au ihrem Dentschthnm. Nun bot die diesjährige Hauptversammlung eine unangenehme Ucberraschung. Der Vorstand selbst, der gewissermaßen als Schutzpatron der deutschen Judmschaft galt, brachte einen Antrag ein, wonach in einem und denselben Orte auch zwei Ortsgruppen bestehen dürfen, um allen Jenen, die die Racenreinheil des deutschen Schulvereins als oberstes Princip gelten lassen wollten, Gelegenheit zu bieten, dem arg gefährdeten Vereine beizuspring^n. Die armen Juden! Sie hatten sich schon so schön in den Wahn hineingclcbr, daß seit der Herausgabe der Sprachenverordnung kein Antisemitismus mehr bestehe, und die Obstruction erschien als ein Palliativmittel, um dessen Fortbestand sie inbrünstig zum Himmel beteten! Wie laut und mannhaft schrieen sie die Obstruction mit, wie tapfer und selbstbewußt ließen sie sich für die Deutschen von den Tschechen prügeln! Und alles vergebens. Aber man mußte nur die jüdischen Mitglieder bei dieser Versammlung beobachten. Keine Spur von Verblüffung, kein betrübtes Mienenspiel, kein Ton des Aergers und der Verbitterung. Sie faßten sich sofort und „im Interesse des gefährdeten Deutschthums" stellte Professor Schwarz den heroischen Antrag, den Vorschlag des Vorstandes anzunehmen, um größere Geldbeträge dem Vereine zuzuführen. Was andere Redner sagten, „der vorliegende Antrag sei eine That der Unaufrichtigkeit, denn er öffne dem Antisemitismus Thür und Thor und benütze die Juden nur als Geldschweinchen", was ehrliche Deutschnationale den Juden direct ins Gesicht sagten, „sie stören nur die Einigkeit aller Deutschen und sie mögen sich nie einreden, vollwerthige Deutsche zu sein" — verhallte ungehört im Saale. Der Antrag des Vorstandes wurde angenommen, und nunmehr werden in einem und denselben Orte jüdische und antisemitische Ortsgruppen^ für einen und denselben Zweck Gelder sammeln. Prag. (Orig. Corr.) Der Judenpunkt ist schon lange kein Hindernis mehr bei der Verbrüderung der Deutschfortschrittlichen und Deutschvolklichen. Die Liberalen werfen einfach ihren Liberalismus über Bord, schauen mit verschränkten Armen zu, wie man die Juden mit Fußtritten tractirt und heimsen dafür ein beifälliges Lächeln oder gar einen Händedruck Schönerers ein. Sie werden sich doch nicht wegen ein „paar Juden" die Freundschaft mit „dem größten Manne der Ostmark" verscherzen. K. H. Wolf besprach am 24. September in Teplitz bei einer Versammlung das Verhältnis der Deutschfortschrittlichen und Deutschnationalen und bezeichnete es als „ehrliche Waffenbrüderschaft". Die Versammlung war von ungefähr 2000 Personen besucht und war — „judenrein". — In der „Reichenbergcr Zeitung" beklagt sich ein Korrespondent, daß die Deutschen über dem Kampfe gegen Juden und Judenknechte ganz den Kamps gegen die Tschechen vernachlässigen. Der Kampf gegen die Juden gehe ihnen über alles; deutsche Schulvereine, die Bollwerke gegen

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