Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Article
- Die jüdischen Colonieen in Palästina [Nachricht]
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315729--01967-3381354- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Nr. 19. 20.000 Maulbeerbäume, 10.000 Mandel-, Nuß- und Feigenbäume. Jeder Ansiedler besitzt ein kleines Haus mit Gemüse- und Blumengarten, Wagen und Pferd, eine Kuh und Geflügel. Aehnlich sind die Verhältnisse in den anderen Dörfern. Gahrah, die von ehemaligen russischen Studenten gegründete Colonie, baut eben eine Eognacfabrik. Im Großen und Ganzen sind die Aussichten der Colonieen sehr gute." Von den Juden in Argentinien werden in einem Briefe aus Buenos Ayrcs an den „Jewish Expreß" recht traurige Sachen berichtet. Der Briefschreilwr klagt über Mangel an Schulen, über die Verrohung der Jugend und die allgemeine Noth der Juden. „Es gehen herum Kinder von zwölf Jahren und mehr, die nicht einmal wissen, was ein Ales ist .... Den Colonisten geht es furchtbar schlecht, sie sind fern von Menschen, noch ferner von Gott und sterben Hungers. In der Provinz Entenas haben jetzt die Heuschrecken alles vernichtet .... SOfcrn wird fragen, warum die Juden dennoch hier bleiben? Ja, was sollen sie denn machen? Sie haben keine Mittel fortzugehen. Ich könnte Bände schreiben über das Los der.Juden, denn es ist eine Krankheit ohne Aussicht auf Besserung. Solange die ältere Generation noch da ist, geht es an, aber die Heranwachsende Jugend ist für das Judenthnm verloren! Judenexzesse in Klattau. Kaum ist das Klirren der Fensterscheiben, au denen in Pilsen die Enkel Libussas ihr antisemitisches Müthchcn gekühlt, recht verhallt, so ertönt auch schon aus einem anderen Punkte des Böhmcrlaudes das ominöse Klirren, das nach einem alten Bolksbrauche als Einleitung zu gröberen, ausdrucksvolleren Excessen verwendet wird. In Klattau gab cs am 29. September Judenkrawallc. Die „Narodny listy" berichten aus Klattau, daß cs anläßlich eines Lohnconflictes zwischen dem Lederhändler Lederer und einer bei ihm bedicnstcten Magd zu antisemitischen Ausschreitungen gekommen sei. Vor dem Hause Lederers fanden Menschenansammlungen statt, Kinder warfen Sand in die Fenster, und die dorthin entsendeten Polizisten bemühten sich vergebens, die Leute zum Verlassen des Platzes zu bewegen. Die Menge wich nicht, ja, wuchs irumer mehr an, und als Herr Lederer jun. die Leute durch gütliches Zureden bewegen wollte, abzuzichen, nahm die Menge eine solch' drohende Haltung ein, daß er in das Haus flüchten und das Thor schließen mußte. Bald klirrte eine zertrümmerte Fensterscheibe im Erdgeschoß, und incf) zwei Stunden gab es in der ganzen Front des einstöckigen, nur von Juden bewohnten Hauses kein ganzes Fenster mehr. Im Ganzen wurden achtzig Scheiben eingeschlagen, und auch im Innern der Wohnungen wurde durch die geworfenen Steine vielfach Schaden angerichtet. Inzwischen hatten namens der jüdischen Bewohner von Klattau der Advocat Dr. Fleisch er und Weinhändler Greiflinger beim Bürgermeister und Bezirkshauptmann um Schutz angesucht. Die städtische Polizei und zwei Gendarmen säuberten endlich die Gasse. Zwei junge Leute wurden verhaftet. Gegen 0 Uhr herrschte Ruhe, doch blieb Wache auf dem Platze, und da mau für den Abend eine Forsetznug der Unruhen befürchtete, wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen. Branntweinmonopol und jüdisches Massenelend. Dem Petersburger „Kraj" wird aus Swiecouy (Gouvernement Wilna) geschrieben: Die jüdische Bevölkerung hat in Folge der Einführung des Branntweinmonopols zweifellos sehr viel verloren. Sie hat durch das Branntweinmonopol nicht nur den Erwerb, sondern auch die Beziehungen zur Bevölkerung verloren. Die Inden nennen dieses Jahr ein schwarzes Jahr mtb die Bevölkerung betrachtet cs als eine Strafe Gottes für die Juden.,, Es heißt — sagte mir ein Bauer — daß man den Juden nach den Schänken auch die Geschäftsläden wegnehmcn wird". Auf meine Frage: „Wovon werden denn jetzt die Juden leben?", erwiderte er: „Ach, die werden schön zu leben haben". Die Sphäre der jüdischen Berufe wird immer enger, und man sieht keinen Ausgang aus dieser Situation. Bei uns sind 200 Familien aufs Pflaster geworfen und brodlos, da sie sich nicht in die Landbezirke begeben können. Man kann in einem Briefe nicht einfach diese so wichtige Frage ausführlicher erörtern, aber es ist zweifellos, daß die Judenfrage noch mehr auf den Bezirken lasten wird, wo ihnen der Zutritt gestattet ist. Neue antisemitische Blätter erscheinen feit jüngster Zeit in Galizien. Es sind dies die folgenden: „Ruch Katolicki“ (Die katholische Bewegung), Tagblatt in Lemberg, „Zwiazek chrzescijanski“ (Christlicher Verband), Wochenschrift in Stanislau, „6*08 Rzeszowski“ (Nzeszower Stimme), Wochenschrift, „Grzmot“ (Der Donner), Wochenschrift in Krakau. Die Halbmonatsschrift „NieLzezamn" (Der Städter) in Neufandec ist in neue Hände übergegangen und wird unter antisemitischer Flagge segeln. Gesinnungsgenossen Luegers. Die christlichen Advocaten von Moskau und Petersburg haben an die russische Regierung eine Petition gerichtet, in welcher die Ausschließung der Juden von der Advocaturspraxis verlangt wird. Ein Jude aus Jerusalem, der kam und in allen größeren Städten des Reiches Sammlungen für Wohlthätigkeitsanstalten in Palästina vornahm, ist in Marokko ermordet aufgefunden und offenbar beraubt worden. Amersfoort (Holland). Der einstimmig zum Vicebürgermcister gewählte Herr N. Visser nahm die Wahl aus dem Grunde nicht an, weil die Sitzungen des Gemeinderathes stets an Sonnabenden stattfinden. Damit Herr Visser das Ehrenamt annehmen könne, beschloß der Gemeinderath, von nun an seine Sitzungen am Montag abzuhalten. Lage der Juden in Transvaal. Die „Times" bestätigen die elende Lage der Juden in Transvaal. Erst vor Kurzem haben die Juden in einer Bittschrift bei der Regierung um Verbesserung ihres Loses angesucht. Die Juden dürfen keine Staatsämter bekleiden, auch nicht die untersten und haben keinen Theil an der staatlichen Unterstützung für Schulen. Nach den bestehenden Gesetzen können Juden auf einen bloßen Verdacht hm, ohne gerichtlichen Haftbefehl verurtheilt werden. Eine Deputation wird in Kürze in dieser Angelegenheit der Executive Vorstellungen machen. In Marokko leben nach einem Berichte der „Leipziger- Zeitung" ungefähr 200.000 Juden. Sie sind entweder aus Asien eingewandert oder aus Europa zurückvertrieben. Sie leben in den Städten in besonderen Vierteln, „Milhas" genannt; sie sind im Allgemeinen schöner und kräftiger als die Araber, aber die ärmliche Kleidung, das vernachlässigte Aeußere entstellt sie mehr, als dies unter anderen Verhältnissen der Fall sein möchte. Namentlich die Jüdinnen zeichnen sich durch die Schönheit der Körperformen und Gesichtszüge aus. Die direct von Palästina eingewanderten Juden reden kein Spanisch, sondern nurArabisch. An Zahl sind die Juden ungefähr viermal so stark wie die Neger. Lorresx oird entert* Oesterreich-Ungarn. Wien, den 6. October (Orig.-Corresp.). Die Soldaten-Excesse gegen die Juden in Tarnöw und Przemyslany haben bekanntlich während der Parlamentsferien stattgefunden. Die jüdi- Abgeordneten waren nicht in der Lage, den Landesvertheidigungs- Minister darüber zu interpelliren, ob die Schuldigen zur Verantwortung gezogen wurden, und was er für die Zukunft vorzukehren gedenke, um derartigen betrübenden Erscheinungen ein Ende zu machen — auch wenn sie wollten. Mit der Eröffnung der neuen Reichsrathssession wurde ihnen das möglich. Sie waren dazu verpflichtet; es handelte sich darum, ob die jüdischen Abgeordneten überhaupt den Muth haben, mittelst einer Interpellation, dieses gelindesten aller parlamentarischen Mittel, gegen die schwere Gefährdung von Leben und Gut jüdischer Staatsbürger zu protestiren.