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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
Dr. J. J. Rülf : Rabbiner in Memel
Date
1897-10-08
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 19. MHM.' Seite 7. Dr. I- I- Rülf, Rabbmer in Memel. Zur Zeit der rassischen Judenauswanderungen drang der Name Rülf znm ersten Male in weitere Kreise. Als Delegierter des Hilfscomit^s hat er im Jahre 1868—69 bei der Auswanderung der Inden in den russischen Grenzgemeinden in der aufopferndsten Weise für seine unglücklichen Bruder gearbeitet und viel, viel Elend gelindert. Damals veröffentlichte er die Schrift: „Meine Reise nach Kowno,um dicUebcrsiedlnng nvthlcidcndcr Israeliten zu ordnen". In den Schrcckcnstagcu des Jahres 1882 stand er wieder tröstend und helfend in den ersten Reihen der Barmherzigen. Unter dem Eindrücke jener furchtbaren Ereignisse schrieb er das Buch: „ Ai uchath Bath- Ammi. Israels Heilung. Ein ernstes Wort an Glaubensuud Nicht-Glaubens' genossen". Das gleiche Thema behandeln die Schriften „Drei Tage in Jüdisch- Rnßlan d" und „Die russischen Juden". Und in den jüngsten Tagen, anläßlich der Memclcr Judcnausweisungen, haben wir wieder seine Stimme vernommen. Dr. Rülfs Zionismus ist gewissermaßen Naturprodukt. Es ist ein herber, strenger Zug in diesem Zionismus; erwürbe geboren beim I ammcrn und Klagen der Vertriebenen, in der Mitte der Flüchtlinge,die wie gehetztes Wild verzweifelt nach einerStättespähm wo vorder MeutcRcttung wäre. Sein Zionismus ist rauhundernst, wie das Leiden, aus dem er hervorgewachsen. Rüls hat die Noth- 1 ' * fit " Wendigkeit des Zionismus in den grellsten Farben mit eigenen Augen gesehen, und was er mit eigenen Augen gesehen, das läßt er sich nicht abstreiten. Daher die gerechte Entrüstung, wenn die Satten in der Ferne im Vollgefühle ihrer gesunden Verdauung die Existenzberechtigung des Zionismus leugnen. Man möchte es dem freundlichen, gutherzigen Greise nicht ansehen, was er für eine schneidige Feder führt. Ihre Kraft liegt in der ungeschminkten Wahrheit, in der geraden Offenheit, mit der sie den Dingen an den Leib rückt. Wer die Wahrheit zu fürchten hat, fürchtet RülfS Feder. Dieses Streben nach Wahrheit hat ihn auch auf das Gebiet der Philosophie geführt. Mit dem Nüstwcrk der Naturwissenschaft wohl ausgcstattct, geht er an die Lösung der ewigen Fragen. Seine „Metaphysik" ist ein epochemachendes Werk. Auch in der Philosophie zeigt sich die Unabhängigkeit,die unbeeinflußte Selbstständigkeit seines Urthcils. Nicht jedem ist cs im Herbste des Lebens vergönnt, die Ideale früherer Tage der Verwirklichung cntgegenreifen zu scheu. Doch die Hoffnungen des „Aruchath Bath- Ammi" beginnen feste Formen anzunehmen, und ihrem greisen Verfasser ward es vergönnt zu schauen, wie Hunderttausende sich begeistert ' um das Banner jener großen weltbewegenden Idee scharen, die die Greise verjüngt und die Jünglinge zuFMännern macht. Weltchronik. Die jüdischen Colonieen in Palästina. Der amerikanische Consul, Mr. Genuain, hat folgenden Bericht über die jüdischen Colonieen in Palästina erstattet: „Wie alle neuen Unternehmungen hatten auch die ersten jüdischen Colonieen, Sichren Jaakob und Rosch-Pinah unter Widerwärtigkeiten aller''Art zu leiden; das Schlimmste war, daß die Ansiedler, zumeist Kaufleute oder Handwerker von Beruf und der neuen Beschäftigung ungewohnt, von keiner Seite Rath und Hilfe fanden. Erst als ihre Glaubensgenossen im Auslande sie unterstützten, besserte sich ihre Lage, und heute bedecken 22 blühende Dörfer, die inzwischen entstanden sind, ein Aeral von gegen 100.000 Morgen. Die Versuchsstation, Musterwirthschaft und Ackerbauschule Mikweh Israel hat heute so bedeutende Einnahmen, daß dieselben die Lehrer der Anstalt und sämrntliche 100 Schüler vollkommen erhalten. Die größte Colonie ist Sichron Jaakob. Dieselbe hat eine Ausdehnung von circa 5000 Morgen und zählt bereits tausend Einwohner. Sie besitzt gepflasterte Straßen, ein Schulgebäude, in welchem fünf Lehrer lehren, einen Arzt, eine Apotheke und einen Tempel. Es wird zumeist Wein und Gemüse gebaut, aber auch Bienenzucht wird betrieben und Obstbäume und Maulbeerbaume — diese int Hinblick auf eine zukünftige Seidmindustrie — werden gepflanzt. Das Dorf Risclion le Zion, das einen Flächeninhalt von 22.239 Morgen umfaßt, hat eineinhalb Millionen Weinstöcke, die im Jahre 1894 bereits 210.000 Gallonen Wein trugen

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