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Die Welt · 1897-10-08 · 19 (8.10.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
19 (8.10.1897)
Article
[Ohne Titel]
Date
1897-10-08
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. W«T Nr. 19. Falle durchgcfiihrt, selbst wenn der Gcmcindesäckcl dabei zu Schaden kommt. Die Wiener Stadlvertrerung zahlt das Pflaster um 23% thcurer, ehe sie cs bei einem Juden kaufte Die Herren können, sich eine solche Principicntreue übrigens leicht vergönnen, werden doch die Kosten ihres Aufwandes an Charakter nicht von ihnen, sondern von den Steuern bestritten, die der . kleine Mann.bezahlt. Der Jude aber sollte eine Lehre ziehen^ ans dieser luxuriösen Partcipflastcrung. Es ist vergebens, sich an den Boden zu klammern, den man ihm entzieht. Er mag billig sein, aufmerksam, reell — man kauft ■ nichts bei ihm. Mag er sich, „um des lieben Friedens willen" zu Grunde richten lassen — man wird ihn zu Grunde richten, wenn er es denn wünscht, aber Frieden wird er keinen haben. -tz * * Sein bares, Geld allerdings, das wird man annehmen. Erst kürzlich haben wir die besorgten Juden darüber beruhigt, daß man auch künftighin der jüdischen Wohlthätigkeit keine Schranken setzen wird. Und wir fügten hinzu, daß man es sich höchstens abgewöhnen dürfte, für jüdische Spenden „danke" zu sagen. Der Bürgermeister hat neulich über die Sammlungen referirt, die anläßlich der Hochwassercalamitäten cingeleitet wurden. Und er sagte ausdrücklich, daß dieses Geld von „Nichtjudcn" hcrruhrc, obwohl er wissen mußte, wie viele Juden sich an dem Wohlthätigkeitswerke bethciligt haben. Man hat sich also den Dank sehr rasch abgewöhnt, rascher jedenfalls als. die Juden sich des Almoscngebens werden entwöhnen können. Allein wer wohl thnt, fragt nicht nach dem „Gelt's Gott", und wenn Dr. Lueger nicht höflich sein wollte, so war das sein Recht. Doch wahrhaft hätte er sein müssen, das wäre seine. Pflicht gewesen, und wären die Juden so schlimm, wie er sie "schildert, dann hätte er mit dieser „Vertuschung" manchem armen Teufel geschadet. * * * In Algier gibt cs Wirren. Auf den Eingeborenen lastet der Druck, den die kleine Minorität von Franzosen ausübt. Das Land wird ausgcbeutet, und je höher die Wellen der Unzufriedenheit steigen, desto schwieriger wird die Verwaltung der Provinz. Um die Lage der Dinge zu vereinfachen, haben die französischen Antisemiten ein paar amüsante Judenverfolgungen inscenirt.' Das leitet den Groll der Eingebornen aufs einfachste von ihren wirklichen Ausbeutern ab. Das Mittel, die Inden als Sündenböcke hinzmchlachten, ist probat und hat sich viele hundert Jahre lang in allen Winkeln der Erde bewährt. Warum nicht auch' in Algier? Es wird sich auch fernerhin noch oft bewähren, solange die Juden über die ganze Welt hin verstreut, keine höhere Mission zu erfüllen wissen,'als den internationalen Prügelknaben schlecht gelaunter Völker abzugeben. Russische Juden. Von Dr. Theodor Herzl. (Aus der „Contemporary Review".) Es gibt auch einen gewissen westeuropäischen Hochmuth, welcher die Inden anderer Länder als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt. Immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird. ,8ardarus die ego sum. quia non intelligor illis.“ Und so stellt man sich wohl unter dem osteuropäischen Inden eine Art Caliban vor. Welcher Jrrthum. Für mich, ich gestehe es, war das Auftreten der Juden aus Rußland das größte Ercigniß des Congrcsscs. Ich war schon seit einiger Zeit in fesselnder Correspondenz mit Mehreren, hatte auch verschiedene Besuche erhalten, die mich interessirtcn. Aber ich hütete mich davor, mir nach diesen Cultnrmenschcn ein Bild von der Masse zu machen. Nur die Berichte über die körperliche Tüchtigkeit und Arbeitslust der unteren jüdischen Schichten in Rußland nahm ich als wahr an und mußte sic als wahr annchmcn, da sie genügend beglaubigt erschienen und von jedem Augenzeugen.bestätigt wurden, der die ärmsten russischen Juden beim Handwerk oder bei der Landarbeit in den „Colonien" -genannten philanthropischen Versuchsstationen gesehen hatte. Die Tüchtigkeit dieser Handwerker und ruwLIIIeä labourers ist ja eine der Grundlagen unseres Planes. Jenen fällt doch die Aufgabe zu, die erste Culturarbeit im öden Lande zu besorgen. Sie sollen, sie werden die Urbarmacher sein. Aber wir hatten uns nie etwas Anderes vorgestellt, als daß sie auf unsere geistige Hilfe und Führung angewiesen seien. Und da tauchte vor uns aus dem Baseler Congreß ein russisches Judenthum ans, das wir in solcher Culturstärke nicht erwartet hatten. Das ist nicht Caliban, sondern Prospcro. An die siebzig Mann aus Rußland waren auf dem Congreß erschienen, und wir durften mit aller Bestimmtheit sagen, daß sic die Meinungen und Gefühle der fünf Millionen Juden in Rußland repräsentiren. Und welche Beschämung für uns, die wir geglaubt hatten, ihnen überlegen zu sein. Alle diese Professoren, Aerzte, Advocaten, Ingenieure, Fabrikanten und Kaufleute haben ein Bildungsniveau, das gewiß nicht unter dem der Westeuropäer ist. Sic sprechen und schreiben im Durchschnitt zwei oder drei moderne Cultursprachcn, und daß Jeder in seinem Fache tüchtig sein muß, läßt sich aus der Härte des Daseinskampfes vermuthen, den sie in ihrem Lande zu bestehen haben. Sie sind in der Oessentlichkeit der Congreßverhandlungcn mit Absicht nicht sehr hcrvorgetreten, weil man ja damit rechnen muß, daß die Zwecke und Ziele des Zionismus in der Welt noch nicht genügend bekannt sind. Der Jrrthum konnte bestehen oder von Böswilligen hervorgcrufen werden, daß in Basel irgend etwas gegen die gellende Ordnung der Dinge berathen werde. Die Russen hatten sich daher aus begreiflichen Gründen eine gewisse Reserve aufzucrlegcn, bis das Terrain in dieser Richtung geebnet wäre, und jeder einzelne Redner, aus welchem Land er auch immer gekommen war, nahm auf diese Situation Rücksicht. Heute darf wohl schon angenommen werden, daß Regierung und öffentliche Meinung auch in Rußland über den Zionismus vollständig aufgeklärt sind. Die russischen Blätter haben den Congreß mit Aufmerksamkeit behandelt. Aber wenn unsere russischen Zionisten au den öffentlichen Debatten auch nur bescheiden theilnahmcn, so lernten wir sie doch in den Privatgcsprächm kennen und schätzen. Fasse ich diesen Eindruck, der sehr stark war, in ein Wort zusammen, so ist es: sie besitzen die innere Einheit, die den meisten europäischen Juden abhanden gekommen ist. Sie fühlen sich als Nationaljuden, aber ohne beschränkten und unduldsamen Nationsdünkel, der freilich bei der jetzigen Lage der Juden auch kaum verständlich wäre. Es plagt sie kein Gedanke, sich zu assimiliren, ihr Wesen ist einfach und ungebrochen. Diese russischen Juden geben mit ihrem ganzen Wesen Antwort auf die Streitfrage, die uns von armseligen Schwätzern so oft eiitgegengehaltm wird: ob das Nationaljudcnthum nicht die Entfernung von der modernen Cultnr zur unvermeidlichen Folge haben müsse? Nein. Diese Leute sind auf dem rechten Weg, ohne viel Naisvnnement, vielleicht sogar, ohne darin je eine Schwierigkeit bemerkt zu haben. Sie assimiliren sich keiner anderen Nation, aber sie sind bemüht, von allen Völkern alles Gute zu lernen. So bringen sie es fertig, aufrecht und echt zu sein. Und es sind doch Ghettojuden, die einzigen Ghettojuden, die es in unserer Zeit noch gibt. Da haben wir bei ihrem Anblick verstanden, was unseren Vätern in den schwersten Zeiten die Kraft' zum Ausharren gab. Eigcnthümlich lebensvoll trat unsere Geschichte in diesen Gestalten vor uns hin. Ich mußte daran denken, wie man mir in der ersten Zeit oft entgegengehalten hatte: „Sic werden nur die russischen Inden für die Sache gewinnen." Wenn man mir das heute wieder sagte, würde ich antworten: Das genügt! Der Zionismus in England. Die zionistische Idee, der zionistische Congreß, die Führer der zionistischen Bewegung — das sind im Augenblick die modernsten Themen der großen englischen Revuen. Nicht weniger als vier der bedeutendsten Monatsschriften bringen Aufsätze über die Bewegung: ^Ooutemporar^ Review“ führt mit einem Essay von Dr. Herzl „Der Baseler Congreß" den

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