Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 19 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- 1 (sequence 5)
- Language
- German
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Es wird wohl kaum einen Volksstamm geben, an dem Darwins Entwicklungslehren in großem Maßstab so vollkommen, so methodisch, fast möchte ich sagen: so züchtungsmäßig Ucbung finden, als bei den erdverstrenten Juden. Der Mythos von Bileam, der ausgesandt ward, uns zu fiuchcn, und segnen mußte wider seinen Willen, er hat sich tausendfach wiederholt, seitdem wir auf fremder Erde leben. So wie erfahrene Züchter die besten Tauben und Hunde zusammcnthun, um die edelsten Formen, die höchste Entwicklung, die schönsten Rassen zu erzielen, so haben fast alle Völker an der Veredlung, der geistigen Entwicklung unseres Stammes kräftig, wenn auch wider ihre Absicht mitgearbeitct. Man ließ den Juden niemals Zeit, recht gründlich unheilbar zu degencriren. Sobald der Volksgeist ein wenig einzudnseln begann, in vermeintlicher Sicherheit erschlaffen wollte, so erhob man sich auch schon, den Juden zu verfolgen. Das war im Alterthum und Mittelalter nicht anders als heute im vielgepriesenen 19. Jahrhundert. Nur daß sich die Mittel ein wenig geändert, daß man den Juden nicht schlechtweg räuchert, sondern ihm human und gnädiglich verstattet, langsam zu verhungern, nachdem er beruf- und brotlos geworden. Aber dieser ewige, unablässige, nie ermattende Kampf um das Dasein hat auch seine treffliche fördernde Seite. Denn nur die Tüchtigsten, Klügsten und Lebenskräftigsten konnten sich in jenen entsetzlichen, menschenvcrnichtenden Daseinskämpfen erhalten. Jahrhunderte und Jahrtausende eh' der große britische Naturforscher die ewigen Gesetze der Entwicklung aufgedcckt, haben alle Völker der Erde in nie gering zu lobpreisendem Wettstreit sich redlich bemüht, jene Gesetze an den Inden praktisch zu erproben. Ich glaube, wir haben triftigen Grund, unseren Gegnern inniglich dankbar zu sein. Denn nur die Feinde des Judenthums machten es unsterblich, nur der Antisemitismus, der eben so alt wie das Judenthum selber, konnte es so fest und unverwüstlich Härten. So wie der Falke Gegenwind braucht, um in die Höhe zu kommen, so die Juden Verfolgung, um standhaft zu bleiben. Weh' uns, wenn ein Volk oder Einzelne gönnerisch kamen! Ein Moses Mendelssohn hat die seltene Freundschaft eines Lessing errungen, aber seine nächsten Nachkommen schon sind abtrünnig worden. Der Völkerfrühling 1848 und die österreichischen Berfassungsjahre brachten auch den Juden die ersehnte Gleichstellung, ja vielfach sogar eine wirkliche Förderung. Das Judcnthum selber aber stand lang in Gefahr, sich völlig zu verlieren. Erst, die steten Verfolgungen seit 1880 haben in uns National- und Einhcitsbcwnßtscin wiederum wachgerüttclt und den Zionsgedanken lebendig geküßt. Der Jude von heute ist also im Guten wie im Schlechten zum größten Theile Product jenes i ungewollten und unbewußten Züchtungsoerfahrens. Das aber ist die Lösung für jenes in der Memchengcschichte wohl einzig dastehende Wmidcrräthscl, daß ein sich selten oder nie vermischcndcr Volksstamm trotz dieser wesentlichsten Entartungsbedingung und trotz Jahrtausende länger blutigster. Verfolgung noch immerdar aufrecht und ungebrochen dasteht..Was der Mangel an Kreuzung cincstheils verdarb, die Binneuh.iraten im kleinen, cngbegrenzten Stainmc, das machlc auf der andern Seite die künstliche Zuchtwahl wiederum wett und, wie es den Anschein hat, mehr noch als wett. Ein jeder andere Volksstamm, der sich rein erhielt, hat früher oder später sein Leb.nspfuud, seine Daseinsfähigkcit vollständig aufgczehrt. Nur die jüdische Nation bestand im Gleichgewicht der sich befehdenden mächtigen Kräfte. Aber spur- und fährtclos sind jene Verfolgungen nicht geblieben. WaS nufere Gegner so baß entrüstet," die leidigen Eigenschaften, die so vielen Juden unzweifelhaft anklebcn, sie wurden fast immer erst künstlich durch jene Verfolgungen großgezogen. Doch nicht von düsen.gewordenen Eigcnschaflcn will ich hier reden, sondern nur von einzelnen seltsamen Dingen, die aufzuklären dein Arzte znstchr. Da sind cs vornehmlich zwei Momcilte, die derb und unübersehbar in die Augen springen. Die Uebcrproduction an geistiger Begabung und eine ausfällige Neigung zu Nerven- und Geisteskrankheiten. Beide Erscheinungen habcn, wie späterhin auszuführcn, vielfach Zusaimneiihängc, vielfach die gleichen begründenden Ursachen. Und endlich drücken beide Erscheinungen dem uiodcriicn Judcnthum, zumal seinein vorgeschrittensten Theile das charakteristische Gepräge auf. Nur in den Volksschulen, die jedes Kind zu besuchen gehalten ist, entspricht die Zahl der jüdischen Schüler wirklich der Bcrhältnißzahl der Juden zur Geiammtbevölkernng. Schon in den Mittlern, weit mehr noch in den höheren Anstalten verschiebt sich daS Verhältniß, wie jeder Schulmann sehr wohl weiß, zu Gunsten der Inden. Und dies trotz aller feindlicher Maßnahmen, die solch' unliebsame» Zuzug abhalten sollen. So selten z. B. in Deutschland und Oesterreich Juden zn Staats-, zu Landes- oder Gemeindeämtern Zutritt finden, so wenig vermochte dies den Andrang der Juden zu den höheren Studien cinzudäimncn. Woher diese seltsam-paradoxe Erscheinung? Die Neigung der Inden, ihre Kinder möglichst