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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
[Kommentar]
Date
1897-10-01
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seile 12. Nr. 18. - Von der neubegrundeten zionistischen Monatsschrift „Der Morgenstern" in Leeds ist soeben das zweite Heft erschienen. Dasselbe enthält einen Artikel: „Politischer Zionismus" von Mr. N aski n, eine Studie von Mr. Zbarowski: „Die drei Perioden", dann „Die Geschichte der ersten jüdischen Kolonie in Palästina" u. s. w. Den außerordentlich interessanten Roman Hall-Caine's (Der^ Sündenbock) ans dem Leben der Juden in Marocco, bat der „Jewish Exprees“ in jüdisch deutscher Sprache zu veröffentlichen begonnen. Bekanntlich erschien dieser Roman im vorigen Jahre deutsch in der Stuttgarter Zeitschrift „Aus fremden Zungen". Hall Eainc, der einer der Veranstalter der Guildhull Meetings nnd ein warmer Philozionist ist, gab der Redaction des „Jewish Express” die Betvilligung zur Ueberseyung in folgender Zuschrift: „Geehrter Herr! Mit großem Vergniigen gebe ich Ihnen meine Bewilligung zur?)iddish lleberfeNung des ,,8eQpe§0g.t". Indem Sie die Erzählung veröffentlichen, bitte ich Sie, der jüdischen Bevölkerung, deren einzige Sprache das Pddish ist, den Ausdrnck meiner Sympathien und B'erthschännng mitzutheilen. Mit tiefer R'nhrnng werde ich stets der zlvei Monate gedenken, die ich unter ihnen in Rußland und Galizien verbracht habe. Ihr tiefer Glaube, ihre Geduld im Ertragen der Leiden und ihre natürliche Gastfreundschaft gegen einen ganz Jremden haben in meinem Herzen nnvergesstiche Eindrücke zurückgelasfen." Die Broschüre „Dev Baseler Congvcß" von Dr. Theodor Herz! wird zugleich auch in hebräischer llebersettung erscheinen: die Nebertragung ins Hebräische erfolgt durch Herrn Michael Bcrkvtviez. Luach Evez-Jsracl. Literarischer Palästina-Almanach für das Jahr 5*558 (1897 98). Mil drei Holzschnitten. Heransgegeben von A. M. Lunz. IIF. Jahrgang. Jerusalem 1897. (Hebr.) Der Herausgeber hat für die Kenntniß des heiligen Landes bereits Beträchtliches geleistet. Mehr noch als durch seinen hebräischen Kalender, hat sich Luncz große Verdienste um die Kenntniß altes dessen, was Palästina in alter und neuer Zeit betrifft, durch sein „Jerusalem" erworben. In dieser periodischen Sammelschrift hat er nicht nur den hebräisch Lesenden Rechnung getragen: die seit 1884 bis jetzt erschienenen vier Bände dieser Sammelschrift enthalten außer dem hebräischen auch deutsche, die ersten zwei Bände auch noch englische Aufsätze von bedeutenden Autoritäten auf dein Gebiete der Palästiuaforschung. Wenn aber sein „Jerusalem" seit 1894 auch nicht mehr erscheint und der weitere Leserkreis es mit Bedauern vermißt, so sind doch wenigstens die hebräischen Leser sür das ihnen in diesem Kalender (dessen 111. Jahrgang uns vorliegt) Gebotene dankbar. Wie in den früheren Werken, findeir wir auch hier schätzbares Material, lernen wir auch hier viel von der Geschichte, Topographie, dem Leben und der Cultur des heiligen Landes kennen. Es genügt ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis; des 168 Seiten enthaltenden Kalenders, nur zu erfahren, wie viel Lesenslverthes in demselben zu fittden ist. Aus den praktischen und kalendarischen Theil (1 31) folgt der literarische mit folgenden Aussätzen: 1. Eine genaue, ausführliche Schilderung der Hingebung Jerusalems mit Illustrationen vom Sichem-Thore und den Konigsgräbern. 2. Der Libanon, dessen Bewohner und deren Geschichte, mit Illustration. 3. Bibliographie Palästinas. 4. Biographie Estori Parchi's, des ersten Palästinaforschers (13. Jahrhundert). 5. Die neuesten Ausgrabungen während der letzten drei Jahre. 6. Statistische Uebersicht der 1896 durch den Hafen von Jaffa er' und importirten Waaren. 7. Die Dörfer in der Mhe Jerusalems und ihre archäologische Bedeutung. 8. Die letzte Expedition der Londoner Maccabäer in Palästina. 9. Vermischte Notizen. 10. Berichte aus den Eolonieu. 11. Jahresbetrachtung über den geistigen nnd materiellen Stand :c.?c. Wir werden noch Gelegenheit ergreifen, einiges aus diesem Kalender, der so viel Wissenswerthes enthält, den Lesern dieser Zeitschrift in deutscher Uebersetzuug ,;u bieten, da wir hiefür großes Interesse erwarten. ° M. B. $ c ix i 11 e t o it Hebbel s Judith. Bvi, S. Lrrbliriski Friedrich Nietzsche hat einige Mal die Juden als Herrenvolk bezeichnet, welches den Knoten für viele Jahrtausende schürzte und anderen, mehr weiblich gearteten Nationen seine Ideen gewaltsam aufzwang. Und ein ander Mal, im schreienden Widerspruch, macht Nietzsche die Inden für den „Sklavenaufstand in der Moral", für das weiblich geartete Christenthum verantwortlich. Richtiger wäre es gewesen, die Inden ein überschwängliches Volk zu nennen, welches jede Eigenschaft der Menschennatur, ob sie nun männlich oder weiblich geartet war, in einer Weise gewaltsam emporschraubte, daß darüber der Volksverband und das einzelne Individuum zu Grunde ging — umso mehr, weil -für diesen Ueberschwang der Blitzableiter einer rettenden Metaphysik fehlte. Dieses recht eigentlich tragische Schicksal des Judenthums wirkte vielfach heute noch fort nnd ein Dichter, dem es gelang, diesen Centralpunkt zu erfassen, mußte nvthwendig ein Werk gebären, welches im wahrhaften Sinne des Wortes als ein „Judenstück" bezeichnet werden kann. Diese Benennung verdient das Drama „Judith", das Erstlingswerk Friedrich Hebbel's, in weit höherem Grade, als Gutzkow's politisch verdienstvoller und poetisch gänztich werthloser „Uriel Akosta". Freilich handelt die Judith Hebbel's, wenn sie den Holofernes tobtet, ganz und gar nicht ans religiösen und sehr wenig aus nationalen Motiven. Sie ist das Weib, welchem es noch nicht gegeben war, im Arm des Mannes dem Mutterglück entgegeuzureifen. Eine geheimnisvolle Macht stieß den Gatten, dem sie sich angetrant, in der Brautnacht vom Lager fort. Die Männer aber, welche sie später um sich sieht, sind Feiglinge, die sie in tiefster Seele verachten muß. Stolz blickt sie zu ihnen hinab und empfindet zugleich mit Schmerz die eigene lleberlegenheit. Als sie in Ephraim, der sie mit Liebesanträge verfolgt, einen Funken Mut zn entdecken glaubt, da ist sie fast geneigt, ihm, den sie bisher verschmähte, Hoffnung zn geben. „O Gott, ich achte so gern, mir ist, als schnitt ich i» mein eigenes Fleisch hinein, wenn ich Jemanden verachten muß." Aber Ephraim enttäuscht sie bald. Er wagt es nicht, hinauszugehen in's feindliche Lager, um den Holofernes zu tobten. So geht denn Judith selbst zu — Holofernes. Sie hat ein rasendes Verlangen gepackt, diesein Gewaltigen von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Ihre Verachtung des Männergeschlechtes daheim reizt sie, eine That zu thun, die das Weib hoch über die Schaaren dieser Feiglinge erhebt. Und ihr Schmerz, daß sie Männer verachten muß, läßt sie erst recht wünschen, jenem Uebermenschen gegenüberzutreten, von dem sie in süßer Zagheit, gleich von Anfang ahnt, daß er ihr Ueberwinder sein wird. Er überwindet sie. Das Ueberweib schmilzt in den Arnien des Uebermenschen und sie würde ihm gar wohl die treue und beglückte Genossin werden, wenn, nun ja, wenn — Ach, der Uebermensch verlacht sie, die ihn: nicht mehr gilt, als der übermüthige Scherz einer Weinlaune. Kaum hat er sie genossen, stößt er sie von sich nnd sinkt gähnend auf das Lager. Um ihn aber hätte das liebende Weib Religion und Vaterland, das Männergeschlecht daheim zehntausendinal vergessen. Und sie dachte auch nicht an Religion und Vaterland, sondern an die Geringschätzung, die er ihr zollte, als sie das Schwert erhob und dem weinselig Schlafenden das Haupt abschlug. Also die religiösen und nationalen Motive der Bibel hat der Dichter Hebbel ganz ausgeschaltet und er begründete diese Ausschaltung mit den Worten: „Nicht wegen ihrer Seufzer und ihres Januiiers soll uns ein Dichter die neronischen Menschenfackeln früherer Jahrhunderte, die ein grausanier Blick des Schicksals i» Brand steckte, vorführen, sondern wegen des düsterrothen Lichts, womit sie ein Labyrinth, in das sich auch unser Fuß hinein verirren könnte, erhellen. Das Factum, daß ein verschlagenes Weib vor Zeiten einem Helden den Kops abschlug, ließ mich gleichgiltig, ja es empörte mich in der Art, wie die Bibel es zum Theil erzählt. Aber ich wollte in Bezug auf den zwischen den Geschlechtern anhängigen großen Proceß, den Unterschied zwischen dem echten, ursprünglichen H a n d e l n u n d d e ni blo ße n S i ch - S elbst-Her ausf o rdern in einem Bilde zeichnen und jene alte Fabel, die ich fast vergessen hatte und die mir in der Münchener Gallerie vor einen: Gemälde des Giulio Rornano einmal an einem trüben Novembernrorgen wieder lebendig wurde, bot sich ruir als Anlehnungspunkt dar." Dieser Proceß der Geschlechter hat bekanntlick) heute noch nicht aufgehört. Im Gegentheil, die

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