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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
London [Nachricht] / R.
Date
1897-10-01
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. JDi^WdC Nr. 18. nörgeln, lecken sie Schere und Ahle beiseite, wandern in die Grafschaft Essex aus, kaufen sich einen größeren oder kleineren Baugrund für ein Wohnhaus, je nach den mitgebrachten Ersparnissen, dazu ein Paar Acker Landes und widmen sich dein; Acker- und Gartenbau. Benfleet heißt die Ortschaft, die den Mittelpunkt dieser jüdischen Ansiedelungen bildet. Man hat sich hier an Londoner Rabbiner um Auskunft über das Wesen dieser Massenauswanderung gewendet. Die Rabbiner erzählen, daß , Niemand die Leute angefeuert habe, daß der Trieb plötzlich in ihnvr erwacht sei. Für den Zionisten ist diese Auswanderungserscheinung sehr belehrend. Wir bekommen da einen neuerlichen Beweis für die leichte, fast spielende Beweglichkeit des jüdischen Boltselementes. Für so einen Schneider, der vielleicht jedes Vierteljahr in einem anderen Stadttheil der Großstadt gewohnt hat, existiren einfach die kleinlichen Bedenken der Regnngslosigkeit nicht. Er sieht ein Luftloch und zwängt sich durch, ohne erst viel bei verschiedenen Seelsorgern und anderen Sachverständigen herumznsragen, ob denn der Drang nach frischer Lnft mit diesen oder jenen Prophezeihungen auch wirklich im Einklang steht. Es heißt, daß diese jüdischen Auswanderer dem Ackerbau mit größerem Erfolge obliegen, als die englische Bevölkerung. Sie verstehen zu sparen, heißt es, und können bei ruhiger Ausdauer von ihrer neuen Arbeit mehr Vortheil ziehen, als der welliger geduldige englische Landbaner. Es bewährt sich wieder die ungemein große Anpassungsfähigkeit der Juden an frciubc Lebensbedingnngm, das rasche Zurechtfinden in den verschiedenartigsten Thätigkeiten, das schnelle Einleben in neue Verhältnisse. Hellte der Pfriem, morgen der Pflug. Der Austausch vollzieht sich glatt, ohne viel Lärm, eine ruhige Uebersiedelung aus der Werkstatt in das Bauernhaus. Es sieht ganz selbstverständlich culs, und der Zuschauer findet es ganz begreiflich, weil es gut gelingt. Und der Zionist schöpft ans der kleinen Erscheinung Hoffnung auf das Gelingen eines großer! Werkes. ' R. Rußland. Bialt)stok, 20. September. Die Wirkung des Baseler Evngresses ist unter der russischen Judenschaft eine außerordentlich erfreuliche. Nicht nur bei uns, sondern in fast allen Städten, wo Juden wohnen, bildet der Congreß das einzige Tagesgespräch und, wie mau hierher von verschiedenen Seiten rnittheilt, hat derselbe unter allen Schichten der Bevölkerung eine große Bewegung hervorgerufen. Besonders ist die große Volksmasse der zionistischen Idee mehr als je mit ganzem Herzen ergeben. Viele, die sich bis jetzt von der zionistischen Bewegung fernhielten, haben sich in Folge des Erscheinens des „Judenstaates" uitb des glänzenden Verlaufes des Congresses überzeugt, daß das Volk seinen Willen ausgesprochen hat und nur jene Männer als seine wahren Freunde anerkennt, die das Judenelend einsiir allemal radikal heilen wollen. Am 1 9. d. M. fand hier eine von mehr als 4<K) Personen besuchte Versammlung statt, in welcher der vom Eongresse heimgekehrte Herr Josef M o h i lewer, der Enkel unseres hochgeschätzten Rabbiners, über den Verlauf des Evngresses ausführlichen sachlichen Bericht erstattete. Wad) ihm ergriff der hiesige Fabrikant Herr Litmann Rosenthal das Wort: er schilderte die Eindrücke, die er vom Congresse empfangen und beleuchtete in beredten Worten dessen Bedeutung für den Zionismus. Endlich sprach auch der Herr I. W i s s e u b a u m, der Secretär des Rabbiners Mohitewer, über die neue Gestaltung der zionistischen Bewegung und die erfreulichen Fortschritte, welche sie in der letzten Zeit zu verzeichnen hat. Seinen Ausführungen folgte großer Beifall. Der „Kuryer Eodzienny" brachte heute die Nachricht, daß in Lodz zwei Wochenschriften in hebräischer und jüdischdeutscher Sprache gegründet lverdeu sollen. Wenn die Nachricht aus Wahrheit beruht, so ist die Sache insofern von großer Bedeutung, als hier besonders der Mangel eines Volksblattes im Jargon schon längst sehr stark empfunden wird. In einem Lande nämlich, wo der größte Theil der jüdischen Volksmasse sich befindet, gibt es Leider keine einzige Vvlkszeitung, die das Volk in der ihm verständlichen Sprache über seine Lage und sein Geschick aufklären und ihm vom Wohl und Wehe seiner Brüder in anderen Ländern Kunde bringen soll. CH m Melnik Palästina. Rischon le Zion. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaction! In Nr. 12 Ihres geschätzten Blattes lesen wir eine Statistik der Tranbensorten, welche unsere Colonien in den Keller von Rischon le Zion abliefern. Aus den Zeilen könnte man falsche Schlüsse ziehen, da die genaue Sachlage nicht angeben worden ist. Wir möchten diese Angaben richtig stellen, ergänzen und erklären: 1. „In diesem Jahre wurden die Preise für die Trauben, über die berechtigte Klage erhoben worden war, auf Anweisung des Baron Rothschild erhöht." Hier scheint der Herr Correspondent falsch unterrichtet worden zu sein. Die Colonisten haben keine Klage erhoben, desto weniger konnte sie berechtigt sein. Wir bringen unsere Trauben in den Keller schon seit 1889, während der Wein erst seit 1695 nach dem Auslande exportirt wird. Es konnte auf diese Weise kein fester Preis für die Trauben gestellt werden, da das Product noch hier lagerte. Der Preis mußte von Herrn Baron nicht nach dem reellen Werth der Trauben, sondern nach den Bedürfnissen der Colonisten festgestellt lverdeu. Das Areal der schon Ertrag liefernden Pflanzungen war noch gering und deshalb mußten die Preise, sollten die Colonisten existiren können, verhältnismäßig hoch sein. Nachdem aber das Areal sich vergrößert hatte, konnten die Preise wiederum herabgesetzt werden, was auch geschah. Seit 1895 gestaltete sich die Sache anders. Es wurde mit dem Export der Weine begonnen und nun konnte man bestimmen, welche Sorten auf einen Absatz rechnen können. Da zugleich in Folge der Verbesserung der Cultur der Weingärten ihre Bearbeitung thenerer zu stehen kommen mußte, so richteten die Colonisten von Rischon le Zion im Jahre 1897 an den Baron eine Bitte um Erhöhung der Preise. Der Baron gewährte die Bitte und erhöhte für alle Colonien die Preise derjenigen Sorten, welche eine Aussicht auf Absatz bekommen haben. 2. Bezüglich der vom Herrn Correspondenten angegebenen Preise, der einzelnen Traubensorten müssen wir richtigstellen, daß: a) vom Bordeaux-Semillon vor 3 Jahren nur 4 Hectoliter geliefert wurden, so daß sie gar keinen Einfluß auf die Höhe des Ertrages auÄiben konnten. b) Alicante im Jahre 1896 nicht, wie der Herr Cvrrespondent sagt, 25 Frcs. und nur ein kleiner Theil, mit 30 Frcs., sondern umgekehrt, fast ausschließlich mit 30 Fres., während ein nur kleiner Theil, welchen mau zur Süßweinweinbereitung nicht verwenden konnte, mit 2 5 Frcs. bezahlt wurde. c) lind schließlich hat der Herr Correspondent zu erwähnen vergessen, daß in diesem Jahre auch Carignan von 25 auf 35 Fres erhöht worden war. Zwar hat man in diesem Jahre nur % des ganzen Quantums zu diesem Preise angenommen, weil nur so viel zu süßem Wein probeweise verarbeitet wurde. Sollte aber die Probe gelingen, so wird in Zukunft der ganze Carignan zu diesem Preise gekauft. 3. „Dabei ist jedoch zu bemerken, daß der Kantor zu 300 Kilo, nicht wie sonst zu 287 gerechnet wird." Richtig ist, daß sowohl die Administration des Kellers, wie auch die Colonisten selbst immer eine Gewichtseinheit von 300 Kilo kennen und niemals mit Kantoren bei Traubenverkanf ge rechnet wurde. 4. Der Herr Correspondent meint, daß diejenigen Sorten, deren Preis dieses Jahr erhöht wurde, „nur vechältnißmäßig wenig in die Colonien gebracht wird". Thatsächlich aber war schon in diesem Jahre das Quantum der Sorten, deren Preis erhöht wurde, durchaus nicht gering, viel mehr betraf es ca. 1/3 der ganzen Lese. Schon in den nächsten Jahren aber werden diese Sorten die vorherrschenden sein. Das Mittel, um die eingetretene Preiserhöhung den Colonisten noch mehr zu Gute kommen zu lassen", sehen wir nur darin, daß alle Zionisten darauf hinarbeiten sollen, für unser Product einen sicheren Absatzmarkt zu schassen.

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