Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 18. Seite 9. (Zovvefportbertzert. Oesterreich Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Bei Eröffnung der neuen Reichsrathssession wu^de auch der Juden gedacht. Die Aufmerksamkeit galt jener Classe von Juden, bei denen Noth und Elend täglich zu Gaste sind. Man gedachte der armen Juden: Die antisemitischen Abgeordneten Prohaska, W o h l m a y e r, A x m a n it und Bielohawek stellten am 24 September folgenden Antrag: „In Erwägung, daß durch die heutigen Verkehrsanlagen der Verkehr selbst in die entlegensten Gebirgsdörfer ermöglicht ist und dortselbst heutzutage allerorts schon Handels¬ und Gewerbetreibende seßhaft sind, die für die Bedürfnisse der Bevölkerung nach jeder Richtung hin aufkommen und durch ihren stabilen Wohnsitz einen rechtlichen, soliden Geschäftsvorgang garantiren; in Erwägung, daß der seßhafte Handels- und Gewerbetreibende unter den gegenwärtigen wirthschaftlichen Verhältnissen der Schinutzconcnrrenz dem unlauteren Wettbewerb und der unsoliden Geschäftsgebahrung herumziehender Hausierer schutzlos ausgeliefert ist: in Erwägung, daß durch den Hausierhandel zumeist nur Ausschuß und Poselwaare in Verkehr gesetzt wird, weiter durch unverschämte Zudringlichkeit, Creditanbietungen, Ratenzahlungen und Uebervortheilungen das kaufende Publicum, Bauernstand und Arbeiterbevölkerung nicht nur getäuscht, sondern and} schwer geschädigt wird; in weiterer Erwägung, daß der Hausierhandel, insbesondere mit Lebensmitteln, in sanitärer Beziehung entschieden 51t vernrth eilen ist, stellen die Gefertigten den Antrag: „Das hohe Haus beschließe: Die k. k. Regierung wird aufgefordert, mit thunlichster Beschleunigung ein Hausiergesetz einzubringen, durch welches der Hausierhandel gänzlich aufgehoben und verboten wird." Prag. (Orig.-Corr.) Die Juden in Dentschböhmen stehen am Grabe aller Hoffnungen. Alle Liebesmüh war vergebens und nun ist ihre Weisheit zu Ende. Da und dort hängen sie das nutzlose Minnen um die Gunst Schönerer's seufzend an den Nagel und der Schmollwinkel ist dicht besetzt. Die deutschisraelitische Schule in Nepomuk wurde über Beschluß der dortigen israelitischen Gemeinde aufgehoben und die Kinder besuchen jetzt die czechische Schule. Die israelitische Schule des deutschen Schulvereines in Zbraslavice bei Kuttenberg wurde ebenfalls aufgelassen. Inzwischen gehen die Deutschnationalen in Böhmen munter ihren antisemitischen Liebhabereien nach. An den Abg. Dr. Funke Haben sie folgendes Schreiben gerichtet: „Bei der heute (24. d. M.) stattgehabten Besprechung der deutschen Abgeordneten aus Böhmen wegen der Delegationswahl ist es uns ausgefallen, daß auch der j ü d i s ch e Abgeordnete Dr. Verkauf eingeladen wurde. Wir sehen uns veranlaßt, von unserem deutschvolklichen Standpunkte aus zu erklären, daß wir an Besprechungen nicht theilnehmen können, zu welchen auch Juden eingeladen werden." Lemberg. (Orig.-Corr.) Die traurigen Ereignisse in Schodnica fanden vor dem Erkenntniß-Senate in Sarnbor ihre gerichtliche Sühne. Sechzehn angektagte Excedenten wurden zu Kerkerstrafen in der Dauer von 5 Monaten schweren Kerkers bis zu 3 Tagen einfacher Haft verurtheilt. Das bei der Verhandlung aufgerollte Bild unterscheidet sich von arideren ähnlichen nicht. Die Arbeiter selbst wissen nicht anzngeben, warum sie die Excesse angestiftet haben: sie klagen nur über die eigene Nothlage und leugnen, so lange es eben geht, ihre Theilnahme bei den Ausschreitungen. Die christliche Intelligenz dagegen, die unbetheiligte, erzählt von maßloser jüdischer ,,-lnsbeutung", die den Rassenhaß angeblich gesteigert habe. Ein interessantes Intermezzo bildet folgender Umstand: Jemand hat derr Arbeitern vorgeredet, daß der auf eine gedruckte Bibel abgelegte Eid für die Juden nicht bindend ist: sie verlangen daher die Beeidigung aus die Thora. Der Vorsitzende läßt sich mit den Angeklagten in Verhandlungen ein und läßt sie schließlich Recht behalten. Die Thora wird herbeigeschafft. Ein Angeklagter Krygowski motivirt seine Ausschreitungen folgendermaßen: „Der Wachmann schlug mich, da mußte ich ja die Juden schlagen." Einfache Logik! Die Judenschlacht in Schodnica hatte auch ihren Tyrtäus der in schwungvollem Liede die Arbeiter zum Kampf begeisterte Das Lied beginnt mit dem ersten Satze der Nationalhymne und hat folgenden Refrain: „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben, „Alle Juden schlagen wir lobt und wollen sie überleben." Wie einfach und liebevoll spricht da zu nm die Volksseele. Dr. M. §8ltdapest (Orig.-Corr.) Die von der Volkspartei in llnganr herausgegebene Broschüre „Taiarjaras Magyarorszagon“ ist unter dem Titel „liberale Wahlen tut Jahre 1896" jetzt auch in deutscher Sprache erschienen. Die Broschüre wendet sich iu den heftigsten Ausdrücken: gegen den: Liberalismus in Ungarn. Die Aufgabe der Vvlkspartei sei es, „das tyrannische Joch des freiheitsmordenden, retigivn- und thronstürzenden Liberalismus abzuschütteln." Hinter der verschämten Bezeichnung „Volkspartei" birgt sich bekanntlich der ungarische Autisemitisums. Deutsches Reich. Berlin (Orig.-Corr.) Wie man am besten die Volts Massen gewinnen kann, erzählt ein Heidelberger Blatt. Als sich der national-liberale Abgeordnete Weber um fein Mandat bewarb, jauu er auf ein Mittel, mit sich rasch iu die Gunst, seiner Wähler zu setzen. Das Mittel war bald gefunden. Ei c, Commission von drei Herren gab Abg. Weber das Versprecler er werde im Reichstage für ein Gesetz stimmen, das die Juden einwandernng verbietet. Das verfing. Dem Abg. Weber war es gelungen, sich die Sympathie feiner Wähler zu erwerben. D as Blatt, welches dieses Geschichtchen erzählt, erklärt sich bereit, den Wahrheitsbeweis dafür eventuell vor Gericht zu erbringen. - - Die Berichte über die Versammlungen des bayerischen Bauernbundes strotzen von Schilderungen antisemitischer Radauscenen. Das bayerische Bauerugemüth erweist sich als äußerst günstiger Boden für die Empfäugniß der antisemitischen Heilstehre. Als Hauptagitator fungirt der bekannte Dr. Sigl. um ihn grnp- Piren sich die anderen Führer, Dr. Dingelselder rc. — Auch Hamburg hat bekanntlich seinen wohlvrganisirten Antisemitismus. Am 24. September entwickelte der antisemitische Candidat für den Wahlbezirk Eilbeck vor einer äußerst zahlreichen Versammlung das „Programm" seiner Partei. Unter großem Beifall der Anwesenden erklärte er, daß die Partei unermüdlich bestrebt sein werde, „um das Programm überall iu der Bürgerschaft durchzusetzen und durch Math und Entschlossenheit den Sieg zu erringen." Bresloit. (Orig.' Corr.) Z n d e 11 b e v 0 r st e h e u d e n R e i ch s t a g s wähl e u wird iu Schlesien besonders eifrig im antisemitischen Lager gerüstet. Schlesien ist hinsichtlich der Reichstagswahlen die wichtigste Provinz Preußens und gerade hier wird der konservativen Partei, die iu Mittel Schlesien, Regierungskreis Breslau, ihren Stützpunkt hat, die antisemitische Partei viel zn schaffen machen. In Mittel-Schlesien hat sie ^chon iu den meisten Wahlkreisen ihre Eandidateu uominirt. England. London. (Orig.-Corr.) Die Massen Auswanderung der Juden des Ostendes iu die Grafschaft Esse}' erregt allgemeines Interesse. Es ist auch ein höchst merkwürdiger Vorgang, der sich da vor unseren Augen bei helllichtem Tage vollzieht. Brechen da Tausende ans einen momentanen Impuls hin ihre Jelte ab, reißen sich los von einer altvertrauten, heimischen Umgebung, mit einem Ruck werfen sie ihre kleinen und großen Gewohnheiten, ihre bisherigen Lebensverhältnisse, ihren Lebens beruf von sich, und wandern aus, schaaremveise, mit Kind uud Kegel, in ein fremdes Stück Land, in eine fremde Ankunft, für deren Solidität sie keine anderen Verheißungen, keine andere Garantie haben, als uubestinunte Hoffnungen, als den Glauben an einen gütigen Glücksstern. Diese jüdischen Auswanderer reern tiren sich zumeist ans dem kleinen Gewerbstaude. Zumeist sind es Schneider und Schuhmacher. Es geht ihnen in der Großstadt leidlich gut oder knapp oder schlecht, uud eines Tages taucht das Gerücht ans, daß dort und dort noch die Existenzen uud Concurrenzeu dünner gesät sind, daß dort Raum ist, die Eil bogen zu gebrauchen, und ohne sich viel zn besinnen, ohne zu grübeln, ohne au den eigenenAussichteu und Hoffnungen zu