Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- [Ohne Titel] / Reinus, Marie
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 8. 'Pk^WC Nr. 18. CinBütte. Sehr geehrter Herr Redacteur! Der unbedeutende Vorfall auf denr Congresse betreffs der Franenfrage brachte mit sich folgen, welche mich veranlassen, die verehrte Nedactivn um Raum für meine wenigen nachfolgenden Zeilen zu bitten. Der schweizerische „Bund" fügte in dem Artikel über den Zionisten- Congreß eine Bemerkung hinzu, rvonach den Frauen auf dein Congresfe die Stimmberechtigung versagt rvurde. Eine Versammlung von Congreßmitgliedern lies; diese Bemerkung nicht außer Acht und schickte an den „Bund" eine Berichtigung, welche in der Nummer 249 dieses Blattes zum Abdruck kam. Daraufhin erschien in der „Welt" ein Artikel, „Baseler Eindrücke", welcher, soweit er die Stimmberechtigungsftage berührt, ebenfalls der Berichtigung bedarf, da er zu Mißverständnissen von nicht zu unterschätzender Tragweite führen könnte. Unter den vielen Gästen, welche inr Congreßsaale anwesend waren, befanden sich mehrere Damen, welche bei verschiedenen Gelegenheiten stimmten. Dies veranlaßte offenbar einen der Herren, die Anstage zu richten, ob denn die Frauen das Stimmrecht besäßen? Darauf erwiderte der Vorsitzende, daß nicht hier der Ort sei, die Discussion über die Frauenstage zu eröffnen, daß aber die Damen als Gäste selbstverständlich willkommen seien, offenbar nicht wissend, daß einige Damen am Coitgresse als Mitglieder betheiligt waren. Als Mitglied des Eongresses hielt ich mich verpflichtet, zu erklären, daß ich mein Stimmrecht nach wie vor ausüben werde, »vorauf der Vorsitzende zur Tagesordnung überging, ohne daß noch sonst ein Wort von irgend welcher Seite in dieser Angelegenheit gefallen wäre. Selbstverständlich hielt mich dieser Vorfall nicht ab, mein Stimmrecht ferner auszuüben. Daß ich dabei im Sinne der Congreßmitglieder gehandelt habe, bewies mir klar genug die Zustimnmng, welche meine Ausfiihrungen auf dem Eommers gestruden, rvonach die Frauenstage bei den Inden längst gelöst sei, indem das gemeinsame Leiden, die gemeinsame Rechtlosigkeit allen Slammesgenossen und -genossinneu. gleiche Pflichten auferlegen, und daß ich mich für verpflichtet halte, meine Mitgliedsrechte voll und ganz auszuüben. Dagegen lag mir aber fern, zu behaupten, daß „die Frairenfrage bei den Juden die Zionsstage fei". Am nächsten' - letzten — Congreßtage hielt ich es für nöthig, irm weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, ums Wort zu bitten, welches rnir auch ertheilt wurde. Dem reinen Zufalle und nicht der „bescheidentlichen" Berzichtleistrmg ist es znznschreiben, daß ich das Wort rricht ergreifen konnte. Mit vorzüglicher Hochachtung Marie R e i n u s. TO Paris. Innerhalb der jüdischen Kreise wird stark ein Project discutirt, ein jüdisches Lycemn zu gründen. Die Befürworter dieses Projektes, und ihre Zahl ist sehr groß, begründen ihre Zustimmung erstens damit, daß in einer solchen Schule die jüdischen Kinder ohne Schwierigkeiten den Sabbath halten können. Außerdem fände der Antisemitismus gleich weniger Nahrung, wenn die jüdischen Kinder nicht bereits auf der Schule den Neid der christlichen Kinder erwecken würden. Auch die Gegner des Projektes müssen beide Momente zugebcn und ttdniim ausschließlich an den Kosten Anstoß. Die Logik, daß da schon in den Schulen die jüdischen Kinder durch ihre bloße Anwesenheit den Neid der christlichen Mitschüler erwecken, die jüdischen Kinder entfernt werden müßten, ist ganz richtig. Warum soll aber diese Warheit nur für die jüdischen Kinder gelten und nicht auch für die Juden überhaupt? Und was wird das geplante Lycemn ausrichten? Wir stellen diese Frage absichtlich so, denn ihre Beantwortung ist uns schon lange geläufig. Wie wollen aber die Herren Proponenten diese Frage beantworten? Eine unscheinbare Synagoge. Im Jahre 1890 waren die Juden Odessa's beim dortigen Generalgonverneur um die Erlaubnis; eingekommen, eine Synagoge bauen zu dürfen, selbstverständlich auf ihre Kosten. Die Erlaubniß wurde erst im Jahre 18v2 gewährt und nur unter der besonderen Bedingung, daß nichts an dem Aeußeren des Gebäudes auf seine Bestimmnng hindeute und daß der Eingang der Synagoge nur ein einfacher Thorweg sein dürfe. Als nun die Synagoge fertiggestellt lvar und eben dem Gottesdienste übergeben werden sollte, verbot der Generatgouvernenr die Eröffnung, weil die Fassade nicht „unbedeutend genug aussehe", so das; man leicht die Bestimmung desselben erkennen könne. Da sich in Kiew Pilger ans allen Theilen des Reiches einfänden, „sei der Anblick einer Synagoge ein unpassender für die Gläubigen". Nunmehr hat auf eingelegte Beschwerde der dirigirende Senat die Entscheidung des Generalgouverneurs für ungiltig erklärt und erlaubt, daß das Gebäude dem jüdischen Gottesdienste freigegeben wird. Kur Judenfrage. Der Conseil der jüdischen Kolonisations-Gesellschaft hat, wie die „Birsh. Wed" erfahren haben, in Folge von Meinungsverschiedenheiten mit dem Vorsitzenden des Petersburger Central-Comites, Baron Ginzburg, weitere Beziehungen mit dem Petersburger Comitä abgebrochen und beschlossen die Unterstützung fernerhin mit Uebergehung des Coinites direct denjenigen russisch-jüdischen Institutionen zuzuwenden, die ihrer bedürfen. Neue--Itoik^ rotniere* Der vom galizischen Landesausschuß und von der österreichischen Regierung sutwentionirte galizische Verband „christlicher Handelsniederlagen" hat wiederum in folgenden Ortschaften Geschäfte eröffnet: in Lenczyn (Bezirk Bochnia), Mataßyn (Bezirk Neumarkt), Wietrzno (Bezirk Krosno) Bieganice und Obidzie (Bezirk Neusandez). Zusammen bestehen bisher 1263 Niederlagen, d. h. in 1263 Ortschaften sind die jüdischen Händler bereits von staats- und landeswegen brotlos gemacht worden. Was sollen sie nun jetzt beginnen? Judeuversolgung in Persien. Eine ganze Anzahl Telegramme gleichen Inhalts sind hier eingegangen aus Buschar iit Persien, in denen von neuen sehr schweren Verfolgungen gIgerr die Inden in Fars berichtet wird. Der Gouverneur von '.'Zars hat die Inden versannnelt und ihnen nur die Wahl gelassen, entweder zum Islam überzutreten oder zu sterben. Gleichzeitig verweigert man den Unglücklichen alle Nahrungsmittel, so '.das; die 250 Armen in größter Gefahr sind. Die Empfänger lkr Telegramme, angesehene Personen und Körperschaften werden' gebeten, um Gotteswillen die englische Regierung zum sofortigen Einschreiten zu veranlassen. Das Forme Office hat auch bereitwilligst seine Hilfe zugesagt und dementsprechende Instructionen nach Persien an seine Beamten geschickt. („Israelit"). Rom. Zwischen dem Municipium und der Cuttnsgemeindr in Rom, (Ilinversita Israel itica) wurde in vergangener Woche ein Vertrag vereinbart, in dem ersterc sich verpflichtete, am Tiberufer einen geeigneten Platz im Werthe von 100.000 Lire zum Bau einer Synagoge abzutreten, wofür es von der Cultusgemeinde im ehemaligen Ghetto einen geeigneten Platz erhält, mn darauf einen Monumentalbau anfführen zu können. Da das vom Municipium abgetretene Terrain eine große Ausbeute an geschichtlichen und Kunstgegenständen verspricht, so hat die Cultusgemeinde zugesagt, daß alle Antiquitäten, die dort gefunden werden sollten, der Stadt unentgeltlich überlassen werden. Ferner hat sich die Gemeinde verpflichtet, denn ihr abzutretenden Platz nur zum Ban einer Synagoge, der auf allen vier Seiten über 24 Meter hoch sein wird und dann zu commcrciellen Zwecken zu Verwender:. Der Bau nruß binnen fünf Jahren fertig sein, sonst nruß die Cultusgemeinde der Stadt jährlich 3000 Lire als Strafe zahlen. Sollte aber die Synagoge auch nach zehn Jahren noch nicht erbaut sein, so wird der ganze Vertrag für null rrnd nichtig erklärt. Curioser Handel. Den Händlern entgeht nichts. Bor einigen Jahren hatte ein Pariser Händler unter alten Kunstsachen irr seinem Laden die Haut der Schlange ausgehängt, die Eva verführt hatte. Adam hatte diese nachher erschlagen. Die Haut vererbte sich unter seinen Nachkounnen in Asien, wie es eine Menge Zeugnisse bestätigen, die der Händler vorlegte. Jetzt hat ein Haarkräusler im Badeort Bourbonle in seinem Schaufenster einen häßlichen Knittel ausgestellt, mit der Beischrifti „Stock aus echten; Olivenholz, ans Jerusalem, der Pontius Pilatus gehört hat im Jahre 27 unserer Zeitrechnung, Preis 7000 Fr." Da fehlen blos noch, meint die „Boß. Ztg.", der Regenschirm Herodes und die Brille K'aiphas. Rabbiner Hermann Gollancz ans London besuchte jüngst Galizien, wo er von foeu Rabbinern in Tysmienica und tu Ujscie Zielone das Rabbiner-Diplom (hatarath horaah) erhielt. Judermuswcisunllen. Wie der „Pribaetski Listok‘c mittheilt, finden in Riga vielfache Jndenansweisungen statt. Hausdurchsuchungen bei Juden sind aus der Tagesordnung und die Behörden gehen dabei rücksichtslos vor. Todesnachricht. Jünst starb in Lemberg der Advocatnrs-Can b ib et t Ludwig M a n f ch, einer der wackersten und eifrigsten Vorkämpfer der zionistischen Idee. Die allgemeine Verehrung, deren sich der Verstorbene wegen seiner Ueberzeugnngstreue in zionistischen Kreisen er freute, kaut auch in der vom Verein veranstalteten Trauerfeier zum Ausdruck. In Ludwig Mansch verlier! die Partei ein junges, hast nungsvolles Mitglied.