Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- Eine Proscriptionsliste
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Seile 8. MHVM Nr. 18. dann erfolgen, wenn alle Juden nach Palästina zurüch-M timus nach Außen hin verhüllt. Nur manchmal kommt ein gekehrt sein werden." W kurzer Windstoß, der Nebel theilt sich und wir erblicken Wir haben die interessantesten Antworten wiedergegeben,^ mit erschrockenen Augen die Conturen von Tisza Esslär, wir tonnten sie noch vermehren. Aber genügt denn das I wir erblicken eine Volksstinmnmg, in der das Blutmärchen Vorgebrachte nicht, um den Eindruck, den das Project in seinen tollsten Formen gedeiht und einen fanatischen Sapin's auf die „Franzosen mosaischer Confession" ge- Judenhaß zeitigt.. macht hat, zu schildern? Der allgemeine Eindruck, den die Das liegt so latent in den Massen — potentielle Lectüre der Correspndenz zwischen S a p i n und den Juden, Energie. Ein Funken und der Brand ist fertig. Es ist wie macht, ist wirklich herzzerreißend. Man fragt sich da: bei einer Ehe, wo beide Theile nicht recht zusammenpassen. „Warum machen die französischen Juden dem Anzeiger Aus den Charakterverschiedenheiten ergeben sich Differenzen, eine solche Opposition?" Wir begreifen, daß die jüdischen aber beide Theile gehen schweigend darüber hinweg. Es Kaufleute gefürchtet haben, ihre katholische Kundschaft zu liegt eine Mißstimmung iu der Luft, doch sie kommt nicht verlieren. Für sie ist er eine reine praktische Vorlage. Aber zum lauten Ausdruck. , was fürchten die Anderen, die Deputirten, die Gelehrten, Keiner will das erste Scheltwort sprechen, die Verantdie Schriftsteller? Etwa die Eventualität einer Barthowortung ist zu groß, So sammeln sich und verdichten sich lomäusnacht? Wer denkt denn ernstlich daran. Allein auch die Gegensätze. Endlich platzt einer heraus, der Bann itst in dieser Welt besteht eine Nachfrage und ein Angebot, auch gibt es eine Clientel, die das Semitische verabscheut und das rein Gallische vorzieht. Die armen Leute! Wie müssen sie erröthen, wenn man sie demaskirt! So erklärt sich ihre Angst. Wir werden nun wissen, was wir von den Principien der N a q u e t's, R e i n a ch's und R o d r i q u e z' zu halten haben. Welch' trauriges Bild der französischen Judenschast? Unter der großen Anzahl von Briefen, die Sapin von Juden erhalten hat, haben wir nur einen gefunden, der beweist, daß der Verfasser ein wahres Gefühl der Würde besessen hat. Er verdient es, hier citirt zu werden: „Was den Werth einer Aristokratie ausmacht — die Nachkommen der Kreuzfahrer sagen es selbst — ist ihr Alter. Darum gehören wir gewiß zu den ersten, die diesen Titel verdienen. Wenn wir unsere Pergamente nicht bewahrt haben, so ist die Zeit daran schuld. Man hat ja oft sie und ihre Träger verbrannt. Da Ihr uns nicht mehr verbrennen könnt' — man thut ja nur, was man kann — so wollt Ihr uns bei der christlichen Clientel brandschatzen. Und deshalb geht Ihr daran, einen jüdischen Anzeiger zu publiciren. Habt Ihr Euch denn über unsere Lieferungen zu beklagen? Wir haben Euch vor neunzehnhundert Jahren einen Glauben geliefert, an den Ihr noch heute sesthaltet und den Ihr auch gut benützt. Sie verlangen von mir die Autorisation zur Eintragung meines Namens in das Jahrbuch. Nun ich gehe weiter und sende Ihnen, wenn es Ihnen angenehm ist, die Liste aller meiner katholischen Clienten (und sie machen neun Zehntel aller meiner Kunden aus). Sie können Allen, die bei Juden kaufen, sagen, daß sie zur ewigen Verdammniß verurtheilt sind. Wir haben nichts zu fürchten. Wir sind gute Juden und gute Franzosen, bereit VIlies zu opfern, um die Namen zu rechtfertige» : „Franzosen vorerst, Juden trotz Allem!" Für Denjenigen, der zwischen den Worten lesen kann, ist die Formel sehr bezeichnend: Franzosen vorerst, Juden trotz Allem. Sie ist gut erfunden. Wenn sie alle Juden Frankreichs verstehen und acceptiren würden, so hätten wir an Ihnen werthvolle Hilsstruppeu für unser Heer. Ungarische Stimmungen. Wie ein friedliches Eiland liegt Ungarn inmitten des antisernitischen Wogenganges der umliegenden Länder. Da ankert kein antisemitischer Agitator, die Brandung ist zu stark, er muß in Hainburg Halt machen, und da Mohammed nicht zum Berge kommen kann, so kommen die paar antisemitischen Ungarn zu Lueger nach Hainburg. Mit einer gewissen siegessicheren Behaglichkeit blickt der ungarische Jude von seinem geschützten Eiland in das Wirrsal von Judenexcessen, antisemitischen Wahlen, Rechtsverkürzungen, Hetzartikeln, vernichteten jüdischen Existenzen rc. Das alles kann dem ungarischen Juden nicht passiren. So nimmt sich Ungarn von der Vogelperspective aus. Es erscheint als ein Eldorado der Juden. Ein seiner gleichmäßiger Dunst liegt über der Gegend, der allen Antiseniigebrochen und die Prügelehe ist fertig. j Unter ungarischem Scepter leben grollend Rumänien, Slovaken rc. ungefähr 40 Percent der Gesammtbevölkerüng. Diese Nationen hassen den Juden. Sie sehen in ihm die Haupttriebkraft magyarischer Vergewaltigungspolitik. Und sie predigen das offen. Dem Stocküngarn sind solche Stimmen, die auf den mächtigen Einstuß des Juden in Ungarn Xaijt Hinweisen, höchst unangenehm. Der Stockungar will nicht, daß auf der Vorderfront magyarischer Politik mit großen Reclamelettern das Judenschild prange. Die Reclamelettern, der Chauvinismus sind ihm besonders unangenehm Wozu das laute Geschrei? Verjudung! Keine Partei, kein Volk hört diesen Vorwurf gern. Ueberall in ungarischen Kreisen wird man diesen Unmuth über die jüdischen Chauvinisten vorsinden. In die Presse gelangt er nicht — man fürchtet sich vor dem ersten Scheltwort in der dissonirenden Ehe. Aber hie und da entschlüpft Einem eine verrätherische Silbe. Dann apostrophirt, wie es neulich geschah, ein weit verbreitetes radikales Blatt mit hämischem Sarkasmus einen jüdischen Reichstagsabgeordneten, ob er glaube, in puncto ritterlichen Ehrgefühles, niit dem Grafen Albert Apponyi einen Vergleich aushalten zu können. Das Blatt stellt sich gegenüber dem jüdischen Abgeordneten auf denselben Standpunkt, wie die Wiener arischen Studenten gegenüber ihren jüdischen Collegen. Der Ausdruck ist »och etwas verschümt, aber das ist nur die Folge der räumlichen Distanz zwischen der Wiener Aula und dem betreffenden Redactionslocale Mit einem Worte, es ist auch in Ungarn die Gleichstellung mehr politisch als social. Die ungarischen Juden wissen das. Daher die Angst vor der Einwanderung jüdischer Stammesgeuoffen aus Galizien (noch seit des seligen Wahrmann Zeiten). Die ungarischen Juden haben nicht den Muth, den vielgerühniten Liberalismus der Magyaren aus die Probe zu stellen. Sie haben nicht den Muth zu dem Versuche, ob sich der alte Grundsatz, daß sich mit der Judeneinwanderung der Antisemitismus steigert, durch magyarischen Liberalismus all nbsuilluin führen ließe. Das sind gefährliche Experimente. Die Juden trauen der „Immunität" der Magyaren gegenüber dem Antisemitismus nicht recht. Das Wort des Reichstagsabgeordneten Pulßky im ungarischen Parlameirte um die Mitte der 70er Jahre: Die Juden wären ein nützlicher Sauerteig, doch dürfe nicht zu viel davon gebraucht werden — klingt den Juden noch in den Ohren. Damals hatte sich der Pester Lloyd sehr über diesen Ausspruch aufgeregt und heute hört er oder überhört er mit einer gewissen Gleichmuth derartige Stimmen, die mil der Regelmäßigkeit von Sicherheitsventilen ihren lauten Warnungsruf ertönen lassen, wenn der erwähnte Sauerteig bei diesem oder jenem Gährungsprocesse allzu stark in die Höhe geht. — Grenzsperre gegen die Einwanderung der „bewußten Elemente" predigte unlängst ganz offen ein anderes ungarisches Tagblatt. Diese Grenzsperre würde sehr nützlich sein, sie werde eine Hilfsaction für die Ruthenen bedeuten rc. Für die Ruthenen! Das magyarische Blatt ist sehr besorgt um die Ruthenen Die Hilfsaction für die Ruthenen wird