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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
Heimkehr vom Congreß
Date
1897-10-01
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Nr. 18. sehr berechtigt erscheinen. Wie ist es erstens denkbar, daß die Juden sich in einem Lande ansiedeln könnten, wo die christliche Welt so viele geheiligte Stätten besitzt? Wie ist es ferner möglich, daß man den Juden eine ganze Provinz überlassen soll, während um jede Erdscholle türkischen Bodes die europäischen Großmächte fortwährend streiten?" „Verzeihen Sie mein Verehrtester", antwortete ich ihm, „es ist in der Geschichte noch nie der Fall gewesen, daß irgend ein Volk für ein nationales Ziel, für ein Volksideal nur dann geistig und materiell kämpfen soll, wenn die Erreichung desselben mit mathematischer Genauigkeit von Vornherein festgestellt ist. So geht es nicht. Es genügt, wenn nur ein Funke von Hoffnung in seinem Herzen schlummert: der Glaube an die eigene Kraft und der unbeschränkte Wille bringen alles zu Stand. So geschah es in den englischen und französischen Revolutionen, in den italienischen und griechischen Freiheitskämpfen. Nirgends konnten die Schwächeren ihres Sieges über die Stärkeren im Voraus sicher sein. Sie überlegten nicht viel: sie wollen, glaubten und kämpften — und ihr Ziel war erreicht. Auch wir Zionisten müssen wollen, arbeiten imb glaube n, daß die christliche Welt endlich zur Einsicht' gelangen wird, daß die heiligen Stätten uns anvertraut werden können. Uns eher als irgendwenl, uns, dem Volke, ans dessen Mitte ihr Erlöser stammte. Ebenso dürfte man mit der Zeit einsehen, daß es sowohl für die Türkei, als auch für die anderen Mächte von großem Nutzen wäre, jenen Weg nach Indien der über den Suez führt und ein Gebiet ausmacht, das drei Welttheile mit einander verbindet, uns anzuvertrauen. Es dürfte ihnen gebotener erscheinen, dieses Land dem schwachen Judenvolke zu vergönnen, als einer mächtigen Nation." Der junge Mann hörte aufmerksam meinen Worten zu. Ob sie auf ihn gewirkt haben, weiß ich nicht, denn ich mußte unterbrechen, als ich die Station ausrufen horte, wo ich' in einen anderen Waggon umsteigen sollte. (Schluß folgt.) Eine Prosrriptionstiste. Bon Lto Paperin. Jüngst hatte ich ein Buch in meinen Händen, das vielleicht zu den interessantesten Büchern dieser Zeit gehört. Es heißt „Indicateur Israölite" (Jüdischer Anzeiger). Doch der Titel sagt noch nicht Alles. Hier der nothwendige Cominentar. Vor mehr als einem Jahre hat ein gewisser Monsieur Philippe S a p i n von Lyon die Idee gefaßt, die Namen aller französischen Juden, die irgend eine sociale Stellung besitzen, in ein Buch zusanunenzufassen. Es sollte dies ein jüdischer „Bottin" sein, einer jener heute sehr gebräuchlichen Anzeiger, in denen das Pnblicunl die Liste von Kaufleuten, Advocaten und dergleichen findet, lim seinen Plan zu verwirklichen, stellte der Herausgeber eine große Anzahl von Mitarbeitern in den verschiedensten Städten Frankreichs an. So gelangte er zu den exactesten Informationen und war in der Lage, eine Liste von über 20.000 Namen mit Angaben der näheren Adressen und Berufe zusammenzustellen. Um das Resultat seiner Nachforschungen noch zu verificiren, wandte sich S a p i n in eineni Circular an alle diejenigen Personen, die als Juden bekannt waren, oder die er für solche hielt. Er wollte auf diese Weise — sagte er — dem Publicum ein gewissenhafte Arbeit bieten. Doch leider haben die Juden die guten Absichten des Herrn S a p i n nicht zu würdigen verstanden. Und siehe — es floß ein Regen von Protesten, von Droh- und Schmähbriesen auf das Haupt des unglückseligen Herausgebers nieder. Bevor wir jedoch die Correspondenz zwischen Sapin und den Juden naher besprechen, wollen wir einige nothwendige Details auseinandersetzen. Sapin ist kein Jude, im Gegentheil, er ist ein fanatischer Katholik. Warum will er also einen jüdischen Anzeiger publiciren? Das bleibt unerklärlich. Wenn man seinen Mittheilungen Glauben schenken soll, so ist sein Unternehmen ein rein geschäftliches. Juden und Nichtjuden haben oft das Bedürfuiß, sich an ein ausschließlich jüdisches Publicum zu wenden und ebenso wie katholische und protestantische Anzeiger bestehen, seien auch jüdische nothwendig. Diese Erklärung wird gewiß den Juden nicht genügend erscheinen und sie könnten nrit Recht die Intention dieses Katholiken verdächtigen. Allein das interessirt uns hier nicht. Wir wollen nur sagen, daß die Juden, die das Circular S a p i n's erhielten, nicht wußten, daß es von einem Nicht judeu herstamme; ja noch mehr, der Herausgeber beliebte manche seiner Correspondenten, zu mystificiren, indem er sich ihnen gegenüber als Jude gerirte. Das eine Detail allein beweist schon, daß das Unternehmen S a p i n's nicht gerade rein „geschäftlicher" Natur war. Noch dazu trug sein Circular folgende Sentenz aus dem Briefe eines Präfecten (Jsaie Levaillant), die, von den Antisemiten sehr goutirt wird, als Motto: / „Ich trage die deutlichen Merknrale einer RassP, die gewiß die erste Aristokratie der Welt bildet." f Diese wenigen Worte an der Spitze des Circullars beweisen, daß Sapin, wie alle seine antisemitischen -Gesinnungsgenossen, diese angebliche Selbstüberhebuug -Den Juden imputiren wollte. > Wie wir weiter sehen werden, hat dies Motto thchtsächlich viele Juden irre geleitet. Denn sie glaubten, dchß der Herausgeber die Absicht habe, diese „Aristokratie" t'.v einem besonderen Anzeiger zu vereinigen. Allerdings hat Sapin später eingestanden, daß er seinen ursprünglichen Plan eingeschränkt habe. Als die Juden sein Unternehmen sehr tragisch nahmen und darin „denunciatorische Absichten" witterten, da glaubte er, daß er erst recht an der Fortsetzung seiner Arbeit ein Interesse habe. „Wenn ich — sagte er — bei den Juden nur einer Gleichgiltigkeit meinem Unternehmen gegenüber begegnet wäre, ich hätte ihm gewiß entsagt. Allein man hat begonnen, mich von allen Seiten anzugreisen, mich zu beleidigen, ja sogar mich zu bedrohen. Da sah ich erst, daß meine Idee viel ernster war, als ich es selbst ursprünglich glaubte. Ich constatirte, daß die Juden den großen Tag fürchten, daß sie es vorziehen zu verschwinden und ich hielt es für meine patriotische Pflicht, sie zu kennzeichnen. Und da ging ich bis ans Ziel." So charakterisirte Sapin seine geänderte Absicht. Gehen wir nun an das Werk selbst. Es ist ein dickes Octavbuch, das über 400 Seiten zählt. Die ersten Seiten enthalten Belehrungen und Commentare, deren Geist leicht erklärlich ist, wenn man weiß, daß der Verfasser ein katholischer Antisemit ist. Dann folgen die Namen und Adressen der Juden in Paris (in der Deputirtenkammer, in den Ministerien, in der Kunst und Wissenschaft) und der Juden in allen Departements. Jeder Liste sind mehrere Briefe angeschlossen, die Sapin erhalten oder geschrieben hat. Hie und da bemerkt man Namen in größeren Buchstaben; ans der Belehrung erfahren wir, daß das die Namen derjenigen sind, die sich gegen die Eintragung in bett Anzeiger ausdrücklich gesträubt haben. Wir finden hier einen Namen „Widal". Die Erklärung belehrt uns, daß der Träger dieses Namens es vorzieht, sich „Vidal" zu nennen, was mehr französisch klingt. Um ihn zu kennzeichnen, wurde der Name vom Verfasser größer gedruckt. Auch der Name eines A. D. fällt durch große Buchstaben auf. Sapin erklärt uns, daß ihn dieser ersucht habe, ihn nicht einzutragen. Dazu bemerkt Sapin in seinen citirten Briefen: „Ja, warum will denn dieser Herr zum Teufel nicht, daß man weiß, daß er Jude sei??!" Nach der Pariser Liste folgt dann eine andere. Hier finden wir die Namen derjenigen Juden, die dem Herausgeber „streng" verboten, sie im Anzeiger zu nennen. Auch sie fürchten sich davor — versichert uns Sapin — daß sie in der Oesfentlichkeit als Juden erscheinen. Das sind die Schwierigkeiten, auf welche Sapin im Laufe seiner Untersuchung gestoßen ist. Die statistischen Angaben fehlen, und während die Zahl der Katholiken und Protestanten in Frankreich genau be-

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