Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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Rr. 18. Seite 3. Uebrigens haben wir Juden uns auf neue Anklagen gefaßt zu machen. Dr. Lueger hat herausgefundeu, daß wir allein die ganze Schuld an den Verirrungen im Parlamente tragen. Der Juden wegen wurde vermittels der Sprachenverordnung jener Streit im Reiche erregt, damit man im allgenieinen Hader der jüdischen Umlriebe nicht gedenken möge. Zur Klärung der Situation hat diese staatsmännische Enthüllung nicht beigetragen, doch Dr. Lueger wollte ja nur, daran erinnern, daß auch er geschworen habe: „Jerusalem! Vergeh' ich Dein, so werde meiner Rechten vergessen!" * * Und nun haben die Antisemiten auch entdeckt, weshalb es unter den Juden Gegner des Zionsgedankens gibt. Die Juden untereinander sind allein auf sich selbst angewiesen, können sich nicht bereichern, heißt es, und deshalb scheuen sie ein jüdisch-nationales Gemeinwesen. Den Anlaß zu dieser Erkenntnis bot der Jahresbericht des israelitischen Weltvereines, der jetzt erschienen ist, und der erzählt, daß es in Wilna 8000 jüdische Bettler, in Berditschew 10.000 gäbe. Wie plausibel das klingt. Nur wird nirgends gesagt, daß diese armen Menschen von der Benützung des Bodens ausgeschlossen und in den elenden Hütten abgeschnitteu sind von jedem Erwerb, muthlos und verschüchtert durch die Mißhandlungen, die man sich gegen sie erlaubt, ausgeplündert und zu Boden getreten, daß sie keiner freien Bewegung mehr fähig sind. Wie man den jüdischen Reichthum verhöhnt, so verhöhnt mau auch die jüdische Roth. Die grenzenlose Armuth, das Weh, der Hunger und die Krankheit tausender von Menschen sind mit hämischen Worten glossirt. Blos weil es Juden sind. Kann man noch im Zweifel darüber sein, was segensreicher für das jüdische Volk ist, ob die Marterhöhlen von Berditschew und Wilna oder die fruchtbaren Hänge des Libanon und die grünenden Ufer des Jordan? Das einzige Mittel, welches geeignet ist den Judenhaß zu beheben, unseren Brüdern neue Erwerbszlveige zu eröffnen und ihnen eine geachtete Stellung zu verschaffen, haben um* bereits intuitiv ititb erfahrungsgemäß erkannt: daS ist der hohe, erhabene, in den Tiefen unserer Volksseele immer glimmende und nie nuslöschbare Gedanke der Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf dem heiligen Boden seines angestannuten, uralten Vaterlandes: Palästina. Dort wollen wir unseren Briidern wieder den Pflug in die Hände driicken und sie in physischer. Arbeit. ihre Kräfte neu beleben und in nationaler Bethütigung aus der Jahrhunderte langen Erniedrigung sich emporschwingen l affen. Der Gedanke der Colonisirnng Palästinas durch Juden dringt niit elementarer Gewalt in inuner weitere Kreise unseres Volkes und bahnt sich unversehens breite Wege in die »erzen unserer besten und edelsten Brüder. Der Verein „Ahavas Zion" in Tarnow hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, diesem theueren und heiligen Ideale aller Armen und Bedrückten, aller gläubigen, nwhlthätigen und national gesinnten Inden praktische Form und Leben zu geben. Der Verein ist kein politischer. Wahre Liebe für's Volk, Mitleid mit den Tausenden armen Brüdern, sind die Grundlagen auf denen er sein Werk bauen will; freie, glückliche Juden nn Lande der Verheißung zu. sehen, daS Ziel, dem er zuftenerl. Der V e r e i u „A h a v a S Z i o n" w i l l die E r 1 ö f u n g d e r R a t i o u d u r ch d i e v e r e i u t e n K r ä f t e der A a t i o n. Daher wendet er sich nicht nur an die Neichen und Vermögenden, sein Ruf ergeht an Alle, die ans Jakob's Hause sind, die ein wanueS Herz für Israels Wohl und Weh, ein klares Auge für den ErlosungSweg bewahrt haben. So wöge denn Jeder lei ft c it n a ch M a st g a b e U' iner K rast e, Jeder ein Opfe r b ringen der g r o ß e n Sache, der Sache der Erl ö s u u g der I u d e n von Crn i edr i g u n g , Schmach und S ch a n d e. Für das Loeal-ComiLe r Dr. W. Holzer. Jul. Hochseld. Ehr. I. Lauser. Dr. Gerson Zipper. EliaS Grünbcrg. Adolf Stand. Dr. D. Hescheles. Dr. Heinrich Gabel. S. Schorr. Heimkehr mm Cangreß. Bon Ing. M Ustischkin. Wir waren an der Grenzstation Rußlands. Ich hatte meine in Folge der Zollrevision durcheinander geworfenen Broschüren und Zeitungsblätter, die ich aus Basel mitführte, geordnet und ließ mich, müde und erschöpft wie ich war, in einer bequemen Ecke des Waggons nieder. Mir gegenüber saß ein Ehepaar in den Vierzigerjahren in eleganter europäischer Kleidung, in dem ich dennoch auf den ersten Blick meine Glaubensgenossen erkannte. Wir knüpften ein Gespräch an, von der Art wie es Reisegefährten, die einander nicht kennen, zu thun pflegen. Wir sprachen über die Hitze im Waggon, über die Nothwendigkeit, ein Fenster zu öffnen. Dann kamen wir auf die Schweizerreise zu sprechen, von der auch sie eben heimkehrten, über die Stadt Basel, wo ich mich länger aufgehalten, über die dortigen Juden und endlich über den Zionisten-Congreß. „Spricht man heute wirklich noch von Palästina?" fragte mich die Dame, „bei uns in Odessa soll ja ein Central-Coinite für die Colonisation Palästinas bestehen. Ich betheilige mich sonst an verschiedenen Wohlthütigkeits-Unternehmnngen, weiß aber nichts von einer zionistischen Bewegung." „Aber Sie kennen doch, gnädige Frau", antwortete ich ihr, „den Kaufmann G. und den Advocaten M., die ja an der Spitze dieses Comitss stehen?" „Ich kenne wohl die Herren, aber daß sie Zionisten sind, wußte ich bis heute nicht. Fahren Sie nur fort, ich bitte Sie, und erzählen Sic alles was auf dem Congresse verhandelt und beschlossen wurde, denn ich interessire mich sehr für Fragen, die das Judenthum betreffen, besonders wenn sich unsere größten Geister mit denselben befassen. Ich gestehe es offen, daß wir jüdischen Frauen schon längst nach irgend einem j ü d i s ch e n Ideal ringen, das uns leider unsere an Geist und Bildung uns überlegenen Brüder bisher nicht zu. geben vermochten." Ich erzählte ihr nun in gedrängter Kürze das Wichtigste aus den Congreßverhandlungen, was sie mit großen: Interesse anhörte, und rieth ihr „Die Welt" zu lesen, aus der sie Alles ausführlich erfahren könnte. „Diesen Abend und dieses Gespräch werde ich mein Leben taug nicht vergessen, ich bin zwar jetzt weder Anhängerin noch Gegnerin deS Zionismus, aber es ist mir eigenthümlich zu Muthe, als ob sich mir eine neue Welt eröffnet hätte", betheuerte meine Reisegefährtin, während ihr Gatte gleichgiltig gähnend unserem Gespräche zuhörte. In seinen Blicken war es zu lesen, das er das ganze Gespräch als dummes Zeug betrachte, das nur eine Phantastin wie seine Frau interessiren könne — vielleicht auch große Kinder wie. ich und meine Genossen, die sich zum Baseler Congresse eingefunden hatten. Gemüthlich legte er sich nieder und schlief ein. Als ich auf einer der nächsten Stationen nach einem kurzen Spaziergang durch den Wartesaal in meinen Waggon znrückgekehrt war, näherte sich mir ein Mann von ungefähr 30 Jahren, der während meines Gespräches mit der Dame unbemerkt im Winkel gesessen und gehorcht hatte. „Gestatten Sie, mein Herr, daß ich Sie um einige Aufklärungen über den Zionismus ersuche", sprach er mich an. „Ich bin auch Jude (er sah nicht so aus) uttb habe mit großer Theilnahme alles gehört, was Sie der Dame hier über der: Congreß erzählten, Ich gebe zu, daß Sie gewiß schon müde sind und daß Sie auch noch ferner werden von Neugierigen belästigt werden. Aber ich bitte sie inftändigst darum, da mir die Juden sehr am Herzen liegen, wenn auch nicht das Judenthum, weil tch es leider nicht kenne. Ich bin Arzt und habe mich vor etwa zwei Monaten mit einen Staatsposten beworben. Ich sollte ihn bekommen, wenn ich meinen Glauben abschwöre. Allein nicht ans Vernunftgründen Lehnte ich es ab, mein Gefühl sträubte sich gegen eine solche Zumuthung: ich fühlte, daß es eines ehrlichen Menschen unwürdig wäre. Nun hörte ich soeben, wie sie ans der Rede Max Nordens die Stelle über die modernen Marranen citirtcn und ein neuer Geist kam über mich, ich freue mich, das ich nicht ein solcher geworden bin . . . Wenn Ihr uns die Hoffnung beibringen könntet, das; wir einst als freies Volk im Lande unserer Ahnen werden leben können, dann würden Viele wie ich zu neuem Leben anferstehen . . . Gestatten Sie mir aber die folgenden Bedenken über die Möglichkeit einer nationalen Wiedergeburt unseres Voltes vorzubringen, die ich in dem jüngst erschienenen Romane Prozansksts: „Der neue Moses" gelesen, und die mir