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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
Die kleine Sache
Date
1897-10-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite L. .Kiosk unternimmt, mit deut Mißtrauen des Sultans rechnen und pflegt am Vatican keinen Pacemacher zu haben. Oesterreich-Ungarn zeigt dem Zionismus keine Abneigung und Rußland verhalt sich zuwartend, weil der Zionismus ihm die Möglichkeit eröffnet, einen Theil der großen, armen Masse seiner Juden mit guter Manier loszmverden und' an Palästina abzugeben. Bleibt also Frankreich, das als „älteste Tochter der Kirche" sich gerne die Schutzmacht der Katholiken im Orient nennt und mit diesem idealen Motiv das sehr weltliche verbindet, für das entgangene egyptische Postament ein syrisches im Orient zu ergattern. Partant pour la tiyric! Es wird also wohl nicht unberechtigt sein, französische Umtriebe zu supponiren, die gleichzeitig im Mldiz- Kiosk und int Vatican gegen den Zionismus thätig sind, und in der Thal bietet der französische Botschafter Cambon viel keltische Bcredlsamkeit ans, um den türkischen Staatsutännern das Gruseln vor dem Zionistnus bcizubringen. Hier halten ivir, um im Thema zu bleiben, für einen Augenblick still. Tie „kleine Sache" kann so ganz klein nicht feilt, wenn sie dem Quai d'Orsay diplomatische Beschwerniß verursacht und auf der langgestreckten Linie von Paris über Rom nach Eonstantinopel ersichtliche Bewegung hervorruft. Ali! Kopsschütteln, Augenzwinkern und Achselztlcken ist sie offenbar nicht mehr abzuthun. stttm könnte mau Monsieur Reinach in Paris oder den Großrabbiner von Cairo oder wen sonst immer, der mit beiden Armen das unbcttgsante Etwas, das sich Zionisnuts nennt, abwehrt, aufs Gewissen fragen, ob die angeschminkte Nationalität, mit der sie Staat machen, ihnen auch dann noch als eine genuine erscheinen würde, wenn einmal sich zeigen sollte, daß ihre wirkliche Nationalität, zu der sie sich jetzt nicht bekennen wollen, aus dem Wege der nothgedrungenen Selbsthilfe dahin gelangt, nicht mehr als ein Ausschließungsgrund vom Menschenrechte betrachtet zu werden. Doch mit solcher Gewissenssrage braucht der Zionismus sich nicht zu beeilen; eiitstiveilen sagt er zu seinen blutsverwandten (Gegnern in ernster Gelassenheit: (J’est ä prendre ou ä laisser. Sein Augenmerk muß vorerst darauf gerichtet sein, den Weg frei zu bekommen, der zu seinem Ziele führt, u tid da ergibt es sich von selbst, daß er mit einiger Genugthuuitg der großen Zusammenhänge sich bewußt wird, in welche er schon nach seinen ersten Lebenskundgebung eit hineinwächst. Natürlich, diese Zusammenhänge können seinen Weg ebenso gut erschweren, wie erleichtern. Die Lösungen im Orient sind das Geheimniß einer Zukunft, von der "Niemand sagen kann, ob sie nah oder fern ist. Als vor vierlhalb Jahrhunderten ein Sultan dem König Franz I. von Frankreich aus eigenem Antriebe die erste Capitulation zugestand, war es noch ungeheuer weit bis dahin, daß der Sultan Abdul Hamid sich in seinem Souveränitätsbewußtsein durch nichts empfindlicher berührt zu fühlen begann, als durch das seitdem verallgemeinerte und der Türkei aufgedrängte System der Capitulationen. Wie, wenn er jetzt Herrn Cambon gegenüber, der den Zionismus von Palästina sernhalten möchte, das Thema der Capitulationen in Erörterung zöge? Oder wenn er sagen würde: Ihr wollt, daß ich eurem orientalisch-christlichen Schutzntachtsideale zuliebe die friedliche und culturelle „Landnahme" der Juden in Palästina verweigere, aber warum soll ich die Juden, die keine Gefahr sind, abwehren und der Machtausbreitung des Kätholicismus in meinem Reiche, die mich bedroht, Vorschub leisten? Mitunter ereignet es sich in der hohen Politik, daß der Arme irgendwo willkommener ist, als der Reiche, und daß an letzteren die Frage ergeht: „Was kannst du, arnter Teufel, bieten?" Der Sultan ist doch seit Larissa und Domokos nicht mehr die tzuautits negligeai)le von früher und im Zweibunde ist mir Rußland die Macht, der er sich verpflichtet fühlt. Ueberdies war dem Türken von altersher der Jude kein gefährlicher Bettgenosse. Wir wollen die merkwürdigen diplomatischen Schattenbilder, die im Zusammenhänge mit dem Zionismus an der orientalischen Wand auftauchen, nur grade mit dem Finger antupsen; aber auch so ist leicht zu ersehen, daß es sich nicht um Bagatellen handelt. „Ich werde euch hinter mir her durch die Wüste in ein unbebautes Land führen," lautet die Verheißung. Der Zionismus ist ein Motiv der historischen Cultur; ein weltpolitisches Motiv kann er nur werden, wenn droben in der diplomatischen Sphäre um seinetwillen die Interessen an einander geratheu wie die Geister in dem Katckbach'schen Bilde der Hunnenschlacht. Soweit ist es noch nicht und wird es hoffentlich auch nicht kommen. Ein nationales Asyl unter internationaler Bürgschaft soll geschaffen werden; was haben die großen Machtfragen der Welt damit zu thun? Wenn gleichwohl der - Congreß der Zweihundertvier von Basel den Zionismus so wahrnehmbar gemacht hat, daß diplomatische Hände sich gegen sein Postament erheben, dann sage noch Jemwid, daß er eine Utopie sei oder — eine kleine Sache. Der Mnth, gegenüber einer Welt von Hindernissen sich zi'c bekennen, ist die eherne Klammer, die ihn innerlich zusachmenhält; sein äußeres Merkmal ist die Hoffnung, die nicht mehr an mystische Formeln sich heftet, sondern in hartem Kampfe um die Lebensnothwendigkeit ihrer Erfüllung zustrebt. Et tarnen vincit. Dio IVcxche. Wien, 28. September. Die Schönerer-Partei hat ausgehört, mit den übrigen Obstructionsparteien aus einer Schüssel zu essen. Die Herren sind außerordentlich rigoros und haben ein Haar in der Suppe entdeckt. Dr. Verkauf ist eilt Jude, er hätte den Berathungen beiwohnen sollen, und Schönerer geht in keine Gesellschaft, in der auch nur ein Jude athmet. Der Diensteifer, mit welchem manche unserer Glaubensgenossen auch hier wieder vor fremden Thüren fegen wollten, hat mit der deutschnationalen Absage einen lehrreichen Dank erfahren. -i- * * Daß sie noch immer nicht einsehen können, aus welchem Wege der angestrebte Friede und die Versöhnung ztt erreichen sind! Auf der Bedientetüreppe der Anpassung hat man nur Demüthigunqen einzustecken bekommen und eritiedrigende Trinkgelder für attfopernde Leistungen. Eine dccidirt gewünschte Trennung muß man acceptiren und fielt nicht aufdrängen wollen. Mit sanfter Anhänglichkeit ha, man sich noch nie in Respect gesetzt, und kann Achtung iticht gewinnen, indem man Beleidigungen ignorirt. Eine Insulte, wie Prinz Liechtenstein sie gewagt hat, indent er die Regierung interpellirte, warum im Vergani-Proces; jüdische Geschworene zugelassen wurden, durfte auch iin Getöse der Obstructionssitzungen nicht ungehört verhalle,... Sie hätte eine Erwiderung erfahren müssen, lauter, als der Lärm der kämpfenden Parteien. Man darf nicht glaube,-, daß man den Frieden erhalten hat, wenn man auf fia, loshauen läßt, ohne sich zu rühren. So lange der eine Theil schlägt, ist eben Krieg, und im Kriege ttiuß jua wehren, wer ein Mann ist. 4- * 4 Eine letzte, verzweifelte Hoffnung tödtlich Verfolgter war zu allen Zeiten die Flucht in den Tempel. Dort um klannnerten sie den Altar, um Athem zu schöpfen in der Sicherheit des geweihten Ortes. So eilen die Juden jer-i in das Heiligthum der Verfassung und umklammern de-, Altar der Staatsgrundgesetze. Aber wohin wollen sie sioi nun verkriechen, da die Gegner das Asylrecht leugnen ' Sie sehen jetzt, wenn sie es nicht schon an ihrem eigenen Leib erfahren haben, an den gern aßregelten Lehrern, a» jenen armen Teufeln, denen die herrschende Partei >--> Lande das Recht der freien Meinungsäußerung einfach entzieht, wo hinaus die Entwicklung dieser Dinge geht.

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