Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 17 (24.9.1897)
- Article
- Chava Rubin
- Date
- 1897-09-24
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16. Nr. 17. Lhcrr-cr 'ZXxibirt. Bon W. Okonski. Deutsch von F. La'ndesbcrge r. (Schluß.) Den augenscheinlichsten Beweis lieferten die runden Gesichter ihrer Kinder, die täglich zweimal Gekochtes zu essen bekamen, und ein kleiner Beutel, den Chava unter ihrem Kleide verborgen auf der Brust trug. In diesem Beutel befanden sich zehn ersparte Rubel, die Angabe auf die zukünftige Feiertagsgarderobe der sechs Rubin. Ich sage ausdrücklich sechs, den Chava hatte es sich sogar vorgenommen, ihrem Manne einen neuen Kaftan anzuschaffen, was am Besten für ihre Wohlhabenheit zeugte. Je höher ihr Glückstern stieg, desto ärger erging es ihrem Feinde Franek. Eines Tages bemerkte man in der Credcnz den Abgang zweier silberner Löffel. Die Bürgermeisterin würde ihren Verdacht vielleicht nach einer anderen Richtung gelenkt haben, allein ihr Gatte, der einen polizeilichen Widerwillen gegen den neuen Diener empfand, entließ ihn sofort. Umsonst flehte Franek und schwor hoch und theuer, daß er unschuldig sei, der gestrenge Vorgesetzte ließ sich nicht erbitten. „Diese Creatur, diese Jüdin ist an Allem schuld," sagte der ehemalige Briefausträger zu seinem Collegen, als er das Rathhaus verließ. „Bevor sie mir nicht in den Weg gekrochen ist, hat mich Jedermann für einen ehrlichen Menschen gehalten." Mit diesem bitteren Bewußtsein ging er geraden' Wegs in die Schenke, wo sein Credit in eigenthümlicher Convenienz mit dem Verschwinden der silbernen Löffel erheblich gestiegen war. Nachdem er zum Trost einige Liter Branntwein ausgetrunken hatte, begann er weinend der Schenkerin Srulower sein Leid zu klagen, dabei zog er gegen die vermeintliche Urheberin desselben los. „Warum ist Chava schuldig?" vertheidigte sie die Schenkerin, „hat sie Dich denn hintergangen?" „Zu was ist sie damals mit mir gefahren, he? Kaum Hab' ich mich bekreuzt, war sie schon oben. Gleich war das Pferd störrisch wie ein Bock. Ich erwürg' sie.... Nein, ich werd' sie nicht erwürgen! Sie soll crepiren vor Hunger." „Gar nichts wirst Du ihr machen," spottete die Schenkerin, „die kann jetzt fein leben. G'rad' war sie da, heut' hat sie einen Brief nach Polanowka getragen." „Nach Polanowka!" schrie Franek mit weit aufgerissenen Augen. Der Rubel gehört mir, ich werd' meinem Herrn den Brief tragen. Nach Polanowka!" Wie ein Rasender stürzte er aus der Schenke und taumelte in die Stadt. Wirklich hatte Chava an diesem Tage einen recommandirten Brief nach Polanowka zu tragen. Aus Achtung vor der Herrschaft, welche die Boten so großmüthig belohnte, beschloß sie, sich anständig anzukleiden. Gerade damals, als Franek die Schenke verließ, kehrte sie heim, um ihren Anzug zu wechseln. Sorgfältig gewaschen, in einem neuen Rock und neuen Stiefeln, eine reine weiße Haube auf dem Kopfe, in ein blaues Tuch gehüllt, sah sie so schön aus, daß man in diesem Augenblicke auf ihre Tüchtigkeit vergaß, um nur ihre Schönheit zu bewundern. Mit ihrem Aussehen zufrieden, von der Hoffnung auf eine gute Einnahme belebt, küßte sie ihre Kinder und machte sich auf den Weg. Der Weg nach Polanowka zog sich durch dichtes Gebüsch am Ufer der Weichsel entlang und führte durch einen schmalen Graben. Als Chava in diesen Graben einbog, bemerkte sie einen auf der Landstraße liegenden Mann. .. Der alle Rock, die zerrissene lederne Mütze, die Kothspuren erinnerten sie an Franek. Vielleicht ist er's gar — dachte sie. Er wird sie doch am Hellen Tage nicht überfallen. Einige Schritte nähertretend, erkannte sie ihren Vorgänger im Amte. Durch diese Begegnung verwirrt, wollte sie an dem Schlafenden vorbeihuschen; er aber hatte sie offenbar bereits bemerkt, denn er erhob sich und ging ihr entgegen. Das Herz klopfte Chava zum Zerspringen, trotzdem wich sie nicht zurück. „Wohin?" frug Franek mit heiserer Stimme. „Nach Polanowka" erwiderte die Jüdin zitternd. „Zu was?" „Mit einem Brief." „Gleich gibst Du ihn her!" „Warum' denn," rief die Jüdin, „er ist ja nicht für Dich?" „Gib ihn her," brüllte Franek und packte sie am Halse. Chava wehrte sich, er würgte sie stärker, dann schlug er sie so heftig auf den Kopf, daß sie bewußtlos zusammensank. Er riß ihr das Kleid auf, griff nach dem Brief und dem — Beutel. Franek hatte es ohne Zweifel weder auf das Geld, noch auf das Leben Chava's abgesehen. Ohne Absicht ward er zum Dieb und Mörder, hatte er doch in der Wuth seine Hiebe nicht berechnet und den Beutel eingesteckt. Das war die Befriedigung seiner Rache. Er steckte den Brief ein und lief damit in der Richtung nach Polanowka. Erst knapp vor dem Dorfe dämmerte ihm der Gedanke, daß sein Botendienst diesmal nicht ungefährlich sei, Er kehrte langsam zurück, und von der Landstraße, wo sein Opfer lag, abweichend, verlor er sich im Gebüsch. Während der Zeit, harrte die halbtodte, ohnmächtige Chava umsonst der Hilfe. Erst eine Stunde später erblickte sie der nach Kazimierz fahrende Fleischhauer, und da er noch Lebenszeichen in ihr bemerkte, lud er den Körper auf und brachte sie nach Hause. Man sandte keine Boten aus, kein rettender Arzt nahte sich ihrem Schmerzenslager, nur die vier schluchzenden Kinder, nur der hüstelnde, verzweifelnde Gatte versuchten es mit ihrenc Jammergeschrei die starre Mutter ins Leben zurückzurufen. Endlich erfuhr auch Mutter Wlostowicka das Unglück, sie eilte sofort herbei, und ließ den Feldscher rufen. Man setzte Blutegeln auf das -zerschlagene Haupt, was der Kranken eine momentane Erleichterung verschaffte; trotzdem fieberte Chava fortwährend, sie wehrte sich gegen Jemanden, griff sich an die Brust, immer suchte sie nach dem Beutel, der leider nicht zu finden war. Der vollständige Geldmangel »lachte jeden Rettungsversuch unmöglich. Die Frau Cassierin hatte zwar ihr Schuld beglichen; allein das reichte nur dazu, um Kartoffeln für die Kinder zu kaufen und die Agonie der Mutter zu verlängern. Nach zweitägigen Qualen starb Chava, sie vermochte es nicht einnial anzugeben, daß ihr Franek die zehn Rubel entrissen und daß sie Mutter Wlostowicka die drei Rubel nicht abgegeben hatte. Arme Chava! Dir sei vergeben, daß Du auf polnischer Erde durch schwere Arbeit Deine Kinder zu ernähren strebtest!' Im Verlag der „Welt" erscheint demnächst die neueste Broschüre von Dr. Theodor Herzl: „Der: *&ctfeXev Cortc$*re|$“, Büeherreinlcrrrf. Verlag „Hchiasaf", Warschau (hebräisch): Kalender des Jahres 8657. D.-. S. Bernfeld: Geschichte der jüdisch«»» Lelgionsphilosophie. 1897. <2 Bände). Prof. Dr. M. Steinschneider r Jüdisch« Lit«rat»»r. I. lieber setzt von Dr. H. Malter. 1897. S. P. Skabbinowitzr L Zunz' Leben und Werke. 1897. M Braunstein: Geschichte der Juden von den ülts'en Zeiten bis zuin Fa e Bethar's 1897. G. Maspcro: Ge chichte der alten Völker des Morgen» lairdes 1. Uebersetzt von A. Ludwipol. 1897. Prof. Dr. Lazarus: Der Prophet Jeremias. Uebersetzt von R. Brainin. 1897. £>muK'$ l».i : Ne,miliumtlichcr fficfractoitr: Tr C». IX £.i:t^rtn. Druck von Fr.i-z -!prn\ Wicu-Döl'lkug.