Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 17 (24.9.1897)
- Article
- Das neue Zion
- Date
- 1897-09-24
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315727-3380924--01803-3381002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17. MHM' Seite 15. ^ettineton Das neue Zion. Bon Saint Georges de Bonhslier. Renan hat immer für das Volk der Juden eine tiefe Bewunderung gehabt. Als er in Judäa reiste, glaubte er zu bemerken, wie diese trockene, harte, ernste und melancholische Erde einen Gott oder einen Propheten zu erharren schien. . „Die Blumen, die dort auf dem Berge Horeb wachsen und zwischen den bleichen Spitzen des Sinai, das sind — sagt er — dieselben, über die Moses mit seinem großen, dröhnenden Schritte dahinging". Renan wanderte nach Nazareth. Der erhabene, milde, idyllische und liebenswürdige Charakter dieses göttlichen Städtchens überraschte ihn. Die Gleichheit der Sitten, die Sanftmuth der Schäfer, die kalte, sündenlose Reinheit der Frauen, die ihm begegneten, bestärkten ihn in dem Gefühle, das ihm die Kraft dieser ländlichen und starrköpfigen Rasse eingeflößt hatte. Es ist gewiß, daß an« nämlichen Tage, wo die Juden, die heute verirrt und versprengt sind über die Erde, sich entschließen werden, heimzukehren in ihr altes Land, aus dem ihre Väter ausgezogen sind, ein neuer kräftiger Staat entstehen wird. Sie werden eine merkwürdig tiefe und weite Macht bilden. Man weiß, welche Agitation seit 20 Jahren dieses zerstreute Volk durchzuckt. Man sammelt Gelder, um die heilige Stadt wieder aufzubauen. Schon gibt es in Jerusalem ein riesiges Hospiz, das für die Juden bestimmt ist. Vielleicht ist die Zeit nicht ferne, wo aus dem Schoße des Berges Zion weiße Häuser, strahlend in lebendigem Lichte erstehen werden — Häuser in der Farbe und Art, wie man im Oriente sie baut. Und ein kraftvolles Volk wird in dieser Einsamkeit an die Arbeit gehen. Was mich betrifft, so zweifle ich nicht, daß die Pläne in Erfüllung gehen werden. Wenn ein Volk eine gemeinsame Tradition, eine gemeinsame Bibel, einen gemeinsamen Gedanken hat, so ist seine Wiedergeburt möglich, wahrscheinlich. Das wahrhafte Land der Menschen ist nicht gebildet durch die Bücher der Gesetze. Ich sehe eine Kette, die stärker, unverrückbarer, tyrannischer ist, eine Kette rein moralischer Natur. Man kennt vielleicht nicht genug die Kraft des Gedankens. Ein Mann, wie Mistral*) z. B., hat auf seine Mitbürger einen geradezu despotischen Einfluß. Ich zweifle nicht, daß seine Triumphgesänge eines Tages zu einer Revolution führen werden: so lange wird er die Ebene der Vrovenge besingen, die unfruchtbare Härte der hohen Felsen, i»i die das Licht der Sonne fluchet, die glühende Harmonie dieser sandigen Gegenden, gebleicht und blitzend im vciier. Mistral flößt seinen Landgenossen das tiefe Gefühl für ms Vaterland ein. Er sammelt ihre Träume, er vereinigt i>re Gefühle, er leiht seinem Vaterlande eine göttliche stimme. Wie könnten die Juden ihrer Rechte vergessen, wie könnten sie je vergessen, daß sie eine Nation bilden! So meit die einen von den anderen auch wohnen, sind ve nicht alle vereinigt durch ihren Talmud, durch ihre übel? Man versuche nicht, einen jungen Mann, der Moses lest, und das hohe Lied und die Oden David's, den (Zeichen unseres Geistes zu beugen, unseres Geistes, der die uuge unter einem ganz anderen Gesichtswinkel sieht als i "er war, der Denkern wie Spinoza und Mendelsohn, das Vild der Welt klar und deutlich zeigte. Ein Band, stärker als alles, vereinigt so viele zerdrcute Menschen: Wohin immer ein Jude geht, er nimmt *} Ein proventzalischer Dichter. (Anm. d. Red.) immer die Bibel mit sich, und dieses Buch ist seine ewige Heimat Dieses so zähe, so rasche Gefühl finde ich ausgedrückt in einer alten italienischen Geschichte, die niir einmal erzählt worden ist. Ein junger Jude, der in Genua wohnte, handelte in dieser Stadt mit Fellen und hatte jeden Tag sein Geschäft am Hafen. Da er von angenehmen Aeußeren war, glaubte er sich würdig eines Fräuleins/deren große, blaue Augen, so unendlich süß und verschleiert, deren bleiche Farben und zierliche Haltung ihm die glühendste Leidenschaft einflößten. Er hieß Petrucchio: das ist ein Name, den viele Herren dieser Stadt führen. Eines Tages, als er das Mädchen vorüber gehen sah, für die er so toll entbrannt war, daß er darüber alles Denken vergaß und verlor, konnte er nicht mehr an sich halten und sprach sie an; er redete mit Worten der tiefsten Verehrung und der heftigsten Leidenschaft. Aber das junge Mädchen blieb ungerührt. Sein Gefühl erschien ihr wunderbar — so gestand sie ihm mit reizender Unschuld. Aber sein Ueberschwang verfehlte bei ihr seine Wirkung. „Was für Wahnsinn hat Euch denn erfaßt!" — sagte Eleonore. Er seufzte, ohne antworten zu können? In diesem Augenblicke verließ sie ihn. Petrucchio war der Verzweiflung nahe. Die Gleichgiltigkeit der Dame, die er liebte, füllte fein Leben mit Härte und Schwermuth. Erschöpft, krank, hinfällig, fühlte er, wie er zu Grunde ging, seiner Leidenschaft zum Opfer fiel. Eines Tages jedoch, als Eleonore wieder an ihm vorüber ging, sprach er, wie von ungefähr einen Vers des Königs David. Eleonore schien überrascht. Der Ton feiner Stimme erzählte von seinem zerrissenen Herzen. „Kommt Ihr aus Jerusalem?!" — so rief sie aus. Er sah, daß sie ihn verstanden hatte, daß sie einer jüdischen Familie entstammte, und diese Erkenntniß war das Band, das sie unauflöslich vereinigte. Sie war arm, vereinsamt und melancholisch in dieser alten genuesischen Stadt. Sie freute sich, einen Geliebten gefunden zu haben, dessen Leib aus demselben Stoffe geformt war, wie der ihre, aus derselben Erde des heiligen Landes Judäa — und dieser Grund allein entschied über ihre Leidenschaft. Ich finde diese Geschichte von wunderbarer Farbe. Nichts ist rührender, als eine solche Idylle. Die Kraft des Gedankens, der lleberlieferung, des Geistes spricht aus ihr. Und so bewahren die Inden ihre unberührte Harmonie. Und niemand darf zweifeln, daß sie noch heute eine starke, gewaltige Nation bilden können. Wie gerne würde ich sehen, daß Jerusalem wieder auferstünde! Dort, in dieser unfruchtbaren Landschaft, wo so viele herrliche Erinnerungen den menschlichen Gedanken stärken, unter diesen Blumen, zwischen Myrthen, Cynamonen und Thymian würden bald wieder heilige, denkwürdige Stätten geschaffen werden. Im Orient, in Jerusalem ist die jüdische Bewegung wohl geeignet, einen neuen Aufschwung der Industrie, dem Handel, dem Gewerbe zu geben. Aber nicht dieser Gesichtspunkt ist es, der mich allein interessirt. Welche Schönheiten können wir von einem Volke erwarten, dem wir die wunderbarsten Liebesgedichte verdanken und die gewaltigsten Gesänge?! — Die Gesänge Hiob's und des rauhen Ezechiel. So viele Werke verbürgen es uns, daß, wenn es diesem Volke gelänge, sich zu sammeln und sich zu bilden, wir wieder auferstehen sehen würden in der Sonne die hohen, heiligen Oden der Propheten, und dazu wilde, fabelhafte Dramen.