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Die Welt · 1897-09-24 · 17 (24.9.1897) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
17 (24.9.1897)
Article
Belgrad [Nachricht]
Date
1897-09-24
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17. J*$WÄT Seite 11. bei Welchen die prächtige jüdische Gemüthswärme unwillkürlich zum Durchbruch kommt. Die Leute sind eben, wie alle orientalische Juden, Zionisten von Geburt; die Liebe zu ihrer Nation, zu ihrem alten Glauben und zum Lande ihrer Väter wird ihnen an der mütterlichen Brust eingeflößt und sie halten daran fest, mit unverbrüchlicher Treue für alle Zeiten. Wir haben auch einige wenige Gegner. Das sind Leute, welche ihr Serbenthum besonders geräuschvoll und aufdringlich zur Schau tragen wollen; diese besorgen, daß die Zionsfrage die politische und soziale Lage der Juden in Serbien gefährden könnte und möchten sie ganz ignoriren. laut corame chez nous! werden die Leser der „Welt" in Wien, Berlin, in Rußland, Frankreich und Rumänien sagen können. Also immer und überall dieselbe stereotype Einwendung gegen den Zionismus und seine Endziele! Es ist wahr; wir Juden in Serbien sind politisch bedeutend besser gestellt als unsere Glaubensgenossen in Oesterreich und Deutschland, von Rußland und Rumänien gänzlich zu schweigen. Zum Ruhme des serbischen Volkes, seiner Dynastie und seiner Regierung sei es gesagt, daß wir nicht nur auf dem Papiere, sondern in Wirklichkeit den christlichen Mitbürgern gleichgestellt sind und auch sonst als Juden absolut nicht zu leiden haben. Wir haben einen jüdischen Notablen in der Kammer, drei Juden in höheren Staatsanstellungen, viele Kaufleute, Advokaten und Aerzte, welche in den höheren und höchsten Kreisen in Gunst und Ansehen stehen, trotzdem oder gerade weil sie sich nicht als enragirte Serben geriren, sondern loyale serbische Unterthanen und gute Juden sind und bleiben wollen. Daß sie als gute gesinnungstreue Juden auch Zionisten sind, liegt auf der Hand, und das kann das tolerante serbische Volk ihnen in keiner Weise verdenken. Die materielle Lage der serbischen Juden ist geradezu trostlos: mehr als die Hälfte von ihnen ist ohne eigentlichen Beruf und ohne Subsistenz. Wie überall, liegt auch bei uns der Handel schwer danieder, und die vielen kleinen jüdischen Geschäftsleute können sich nicht halten. Sie gehen ein und vermehren noch die Reihen der Beruflosen. Welch' ein betrübender Anblick ist es, diese vielen Menschen — zumeist junge kräftige Männer — ganze Tage und Wochen unthätig lungern zu sehen, weil sie nichts zu thun finden, während Weib und Kinder im Hause nichts zu essen haben! Und welch' eine Wohlthat wäre es für diese und für alle Juden überhaupt, wenn der Zionismus ihnen zu einer gesicherten ehrenhaften Existenz verhelfen könnte! Das sehen die hiesigen Juden ein, und deshalb sind sie in der überwiegenden Mehrheit gute Zionisten. Gestern sollte im hiesigen Bethhamidrasch eine Zusammenkunft stattfinden, in welcher ein Notabler, welcher dem Congresse beigewohnt hat, über den Verlauf und die Beschlüsse desselben berichten wollte. Die Juden warteten mit hochgespanntem Interesse auf diese Mittheilungen. Da gefiel es der Cultusgemeinde, die Versammlung in letzter Stunde zu verbieten. Warum? Weil zwei oder drei „Omladinisten" (lies: serbisch-nationale jüdische Schüler) angeblich gedroht haben, die Versammlung zu stören! Ist das nicht geradezu lächerlich! Eine autonome Gemeindevertretung läßt sich von zwei halbwüchsigen Knaben einschüchtern! Wenn es während der Versammlung wirklich zun: Versuche einer Ruhestörung gekommen wäre, was ich kaum glauben kann, so hätte man die turbulenten Bursche ohne Lärm zur Thüre hinausexpedirt. Ueberhaupt ist unser Gemeinderath von einer Leisetreterei, welche ohne Beispiel dastehen dürfte. Dabei sind viele Mitglieder derselben Anhänger der zionistischen Sache, einige sogar gute Zionisten. Die Herren scheuen die Oeffentlichkeit, wie die Katze das siedende Wasser. Mit Unrecht! Wir müssen mit dem alten System des Vertuschens und Verheimlichens endlich einmal brechen. Frei und offen müssen wir vor aller Welt bekennen, daß wir die Lösung der Judenfrage nunmehr in eigene Hand nehmen, daß wir den Millionen armer und bedrückter Glaubensgenossen mit vereinten Kräften zu einer freien, glücklichen Existenz, zu einer gesicherten Zukunft in: Lande unserer Väter verhelfen wollen. Die guten Menschen werden uns verstehen und auf die bösgesinnten brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen. Ja noch mehr! Die guten Menschen werden uns dieses großartige Werk sogar fördern helfen, Franzosen und Deutsche, Engländer, Türken und Slaven, sie alle werden uns hilfreich beistehen. __ — mic. — 3eitftci t -Tvrrirdscbait. — In Paris erscheint seit kurzer Zeit eine zionistische Wochenschrift in jüdisch-deutscher Mundart „Hatikwoh" („Die Hofstmng"). Auch Johannesburg hat seit 20. August eine jüdische Wochenschrift ,,The Atfricarr Jewish Gazette" — Die Nachricht vom Zionismus und vom Baseler Eongreß ist bereits bis nach Südafrika gedrungen. Das officielte Tagblatt „The Diamond Fields Advertiser" in .Kimberley widmet dieser Frage unter Anlehnung an die Ausführungen des „Pall Matt Gazette" einen ausführlichen Leitartikel. In demselben heißt es zum Schluffe: „In Südafrika, das zu nicht geringen: Theile jüdischer Arbeit, Energie und jüdischem Capital seine Entwicklung zu verdanken hat, kann für unsere Sympathien gegenüber diesen: großem Unternehmen nur der Umstand maßgebend sein, daß die Juden dadurch das erreichen sollen, was ihre hervorragendsten Geister herbeiwünschen. Die unsinnige und grausame antisemitische Betvegung, die ganz Europa beherrscht, hat in Südafrika nie Beifall gefunden. Die Juden gehören zu unseren fortgeschrittensten und fähigsten Biirgern und ihre Entfernung wäre für unser Land ein schwerer Verlust. Darun: sind unsere Wünsche, daß die zionistische Bewegung ihre Verwirklichung finden möge, die unbehelligter Personen. Wie herrlich wäre es in diesem Jahrhunderte der Wunder, wenn vielleicht dieses wunderbarste Projeet zu einem praktischen Erfolge gelangen würde!" — Wir lesen in der Bndapester Wochenschrift ungarische Israelit": „Im Großen und Ganzen ist die zionistische Bewegung nicht inehr neu, — bereits vor mehr als fünfzig Jahren sprach in der in: Juli 1845 in Frankfurt a. M. abgehaltenen zweiten Rabdinerversammlung der Marburger Provincialrabbiner G o s e n gelegentlich der Discutiruug der Messiasfrage und der auf die Ankunft des Messias bezüglichen Gebete wie folgt: Man hat in neuerer Zeit allerlei Projecte geinacht, Palästina fiir die Juden zu kaufen und die Engländer aufgefordert, den Propheten gemäß, die Juden auf Schiffen dahiil zu bringen, ivofür inan sich bei der Königin Victoria (allgemeine Heiterkeit) verwendet hat. Wir haben Alles dieses auf sich beruhen lassen. Unsere Gebete beziehen sich lediglich auf die Gesainmtheit, zu ivelcher die Juden anderer Welttheile mitgehören und fiir welche sie allerdings noch einen Sinn haben. Nur dasjenige ist aus unseren Gebeten ausznscheiden^was uns als gegen unser Vaterland undankbar darstellen möchte. Sonst aber müssen wir für alle Menschen beten. Ein persönlicher Messias wird für die unterdrückten Juden in Palästina gewünscht, also muß dieser Begriff bleiben. Wie und tvann ein solcher erscheinen werde, brauchen wir nicht zu wissen. So sprach der konservative Gosen zur Zeit der Emaneipativns- und Verfassungsbestrebungen, als die Staatsmänner der nteisten deutschen Staaten von Wohlwollen fiir Israel erfiillt waren, so daß Einer der Theilnehmer der Rnbbinerversamnlluug der Frankfurter Prediger Doctor I. Auerbach in der Sitzung von: 20, Juli 1845 sich folgendermaßen äußerte: „In unseren Tagen hat das Recht und die Verbrüderung der Menschen durch die Gesetze und die Einrichtung der Staaten, wie durch andere Verhältnisse eine Grundlage erlangt, die nie n: c h r e rs ch ü t t e r t werden k a n n, mir sehen das Gottesreich auf Erden durch die Bestrebungen der Menschheit inuner n:ehr herannahen. Dürfen wir da nicht ruhig feine nationalen Hoffnungen, deren Werth für uns nur in ihrer religiöse:: Bedeutung zu suchen ist, fallen lassen?" Nun die Thalsachen haben Dr. Auerbach Lügen gestraft. Wir sehen, daß er kein P r o p h e t war, denn nach kann: einer:: Menschenalter haben sich die Verhältnisse, deren Grundlage nach ihn: „n i e n: e h r e rs ch ü t t e r t tv erden k ö n n egar sehr verändert! Damals stimnrle die Aeußerung Gosen's über den Ankauf Palästinas die Nabbinerversanunlung zu „allgemeiner Heiterkeit", so daß selbst der Redner sich zu schämen schien, den Gegenstand vorgebracht zu haben. Ja, ja, die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen! Vor fänfunddreißig Jahren ließ Dr. I e 1 l i n e k in einer seiner Zionpredigten die Flannnenwvrle ertönen: „Die rvahre Ruhe, dauernde, bleibende, unwandelbare Ruhe für Israel hängt mit der Nengrnndung Zions als Gottesstadt zusammen." Die zionistische Bewegung. Wien. Samstag den 18. d. VA., urn 8 Uhr Abends, fand in der Restauration Hatschek die vom Einzelvereiu „Landstraße" veranstaltete öffentliche Versammlung statt. Da der Bericht über den Baseler Eongreß auf der Tagesordnung stand, so tvar angesichts des allgemeinen Interesses für denselben der Besuch sehr zahlreich. Der Präsident, Herr Meisels, führte den Vorsitz und ertheilte den: Referenten Doctor S. R. Landau das Wort. Derselbe sprach hauptsächlich von den praktischen Leistungen des Congresses. Als solche bezeichnet:' er das Programm und die Organisation. Wie sie ans den: Congresse festgesetzt wurden, was sie bedeuten und bezwecken, das war der hauptsächlichste Inhalt des Referates, Nachdem der Eongreß erklärt hat, was .wir wollen, war Referent bestrebt zu sagen, rvas jetzt jeder Zionist soll. Er schloß mit einen: Appell an die Versammelten: „Jetzt beginnt die Arbeit, die Propaganda — zu der Jeder die Pflicht, Jeder den Beruf

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