Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 17 (24.9.1897)
- Article
- Danzig [Nachricht]
- Date
- 1897-09-24
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 17. eine Protestversammlung des „Kaufmännischen Vereines von 1870" statt, und es wurde da eine Resolution gefaßt, welche die Hineinziehung antisemitischer Tendenzen in die kaufmännischen Interessen für verwerflich erklärt imb gegen die antisemitische Agitation des deutsch-nationalen Handlungsgehilfen-Verbandes protestirt. Man hofft auf diese Weise dem Judenhasse beizukommen. München. (Orig.-Corr.) Trotz allen Protestirens ist es uns nicht, gelungen, das Unheil abzuwehren. Wir haben doch einen Parteitag gehabt, allerdings keinen zionistischen — und das ist einigermaßen von Trost für unsere Leiden — sondern btvs einen ganz gewöhnlichen, einen „ungefährlichen" antisemitischen. Wenn man so seit Jahren die deutschen Juden in ihrer Stellungnahme gegen den Antisemitismus beobachtet, muß man sich gestehen, daß sie sich sehr wenig von der deutschen Nüchternheit und strengen Logik angeeignet, im Gegentheil die üppigste orientalische Phantasie bewahrt haben. Erst war der Antisemitismus nichts anderes als ein politischer Schachzug des großen Bismarck gegen die jüdischen Lassalle's Mld Lasters, und die Großjuden paralysirten deren Agitation durch ihre Theilnahme cm den financiellen Geschäften Bismarcks. Bismarck besorgte so-?ar seine eigenen geschäftlichen Transactivnen durch Juden und jedermann kennt ja seinen Haus- und Hofjuden. Bismarck konnte also unmöglich ein echter Antisemit sein, ihm war der Antisemitismus nur Politik — so sagten die Juden. Da es aber Antisemiten gab, so milßte es auch einen Führer geben, und die Juden begannen zu suchen. Hofprediger Stöcker machte ihnen das Suchen leicht. Theilweise durch eigenes Streben, theilweise bnrd) das Geschrei der Abwehrjuden wurde er unumschränkter Gebieter im antisemitischen Laaer. Allein sein Stern erblich bald, seine Bedeutung sank, und die armen Juden mußten schon wieder auf die Suche nach einem Erfinder des Antisemitismus ausgehen. Diesmal gingen sie schon einen Schritt weiter. Sie beehrten mit ihrer Gegnerschaft nicht mehr einzelne Personen, sondern „erkannten", daß ihnen alle Pastoren, die im neuen deutschen Reiche ausgewachsen, eigentlich feindlich seien. Dagegen gab es nur ein Mittel, „das Volk aufzuklären". Und sie gründeten die Abwehrvereine. Aber bis über die Eincassirung von Judengeldern und das Drucken von werthlosen Flugschriften haben sie es nicht gebracht. Diese Politik hatte noch viel' Verkehrtes und Lächerliches im Gefolge. Nachdem die preußischen Pastoren die Hamans waren, kokettirten die Juden mit den Katholiken Süddeutschlands, ja es gab viele Perioden, wo die preußischen zur katholischen Centrumspartei wie zu einem Erlöser emporblickten. Bis zu dieser Wahrheit wollen es die deutschen Juden gebracht haben: der Antisemitisnuls existirt hauptsächlich nur im protestantischen Deutschland. Daß diese Behauptung falsch ist, haben gerade die letzten Tage gezeigt. Im protestirenden, sonst aber gut katholischen München hat am 13. September der Parteitag der bayrischen Reformpartei begonnen. Es wäre unnütz, hier seine Verhandlungen wiederzugeben, es gemüge nur das, daß das Leitmotiv in allen Anträgen und Beschlüssen der Antisemitismus war. Vornehmlich wurde an eine Stärkung der antisemitischen Presse gedacht. „Die Blätter der Bauernbünde bringen gelegentlich scharfe Artikel gegen die Juden, sie bringen aber auch jüdische Re ela men". In einer Resolution wurde die Tendenz ausgesprochen, eine Einigung aller deutschen Antiseruiten auf einige große grundlegende Progranunpunkte zu Stande zu bringen. Man dachte hiebei an die Schaffung einer freien antisemitischen Vereinigung, einer Art Antisemitenliga. Diese Liga müßte alle wirklichen Antisemiten umfassen und hätte ihre Aufgabe darin zu suchen, dem einigen Gegner eine geschlossene Phalanx gegenüber zu stellen. Bei den: großen einigenden Princip, das dem Antisemitismus zu Grunde' liegt und namentlich in bezug ans wirthschaftliche Fragen zum Ansdrucke gelangt, wird und muß die Antisemitenliga erstehen". Zum Schlüsse wurde eine weitere Resolution angenommen, in welcher ausgesprochen wurde, daß ' ji yrische Reformpartei in Gemäßheit ihres Programmes ‘; che Vertretung der von den österreichischen Antisemiten 't) er Congreß eingebrachten Anträge zur Arr.'eage zur Aufgabe mache. Mit der Judenliebe der deutschen Katholiken scheint es auch nicht besonders weit her zu sein. Wir sind nur neugierig, wem die deutschen Juden jetzt den Antisemitismus zuschieben werden? Sie sind so ziemlich mit dem ganzen deutschen Reich fertig. England. London. (Orig.-Corr.) Die Mittheilungen der „Welt" über die Congreß-Berichte der englischen Presse sind lange nicht vollständig, denn nicht blos die Blätter der Residenz, sondern fast jedes irische, schottische und englische Provinzblatt hat dem Congresse und dem Zionismus überhaupt einen ausführlichen Artikel oder auch nur eine Notiz gewidmet. Sie beschäftigen sich auch in ganz, ernster und würdiger Weise mit der Frage; die meisten sind jedoch begierig zu wissen, wie sich die Juden praktisch zur Sache nehmen werden. Die begeisterte Versammlung m Jewi8h Workmen’s Clubs wird Sonntag in Liverpool ihr Echo finden: auch in Nottingham, wo ein Kirchen-Congreß tagt, dürfte eine christliche Versammlung zürn Zionismus Stellung nehmen. Hoffentlich wird dies auch die „Chovevi Zion Association“ veranlassen, thätig einzugreifen. Die Bewegung unter einem Theile der East End-Juden, auf der Nordseite der Themse Land anzukaufen, dauert fort. Es ist dies auf die Natur der früheren zionistischen Agitation zurückzuführen, die mit denr Schlagworte „zurück zum Ackerbau" gearbeitet hat. Die ganze Ansiedelung ist nichts anderes als das Product eines Landspeculationsfiebers und die Käufer werden gewiß bald bedauern, daß sie diesen zum Ackerbau ganz ungeeigneten Boden angekaufl haben. Wiewohl die letzten Mittheilungen aus Persien be ruhigende Nachrichten über das Schicksal der verfolgten Juden in Fars und Lar enthalten, so ist doch daraus zu ersehen, daß ihr trauriges Schicksal nur für den Moment, bis zu den nächsten Excessen, gelindert ist. Die Nachricht, daß die „Jewisli Colonisation Associaton“ den Beschluß gefaßt hat, nunmehr innerhalb Rußland Institutionen für Juden zu schaffen, hat hier viel Mißstimmung erregt. Die „Jfewisli World“ sagt hierüber : „Es wurde beschlossen, die zur Verfügung des Emi grations-Comites in St. Petersburg stehenden Gelder zu Gründung von technischen Schulen in Rußland zu verwenden. Manchmal sind Fehler ärger als Verbrechen; dar läßt sich gewiß jetzt sagen. Kein Vernünftiger kann etwa, gegen die technische Erziehung „an sich" haben; allein bk russische Regierung hat wiederholt erklärt und durch Skater bewiesen, daß sie den Juden jedes Recht der Freizügigkei und des beliebigen Wohnsitzes verweigert. Die Juden sind dort keine Bürger, sie genießen keine Freiheit und da war' es ein schwerer Mißgriff, auch nur einen einzigen Penm zur Errichtung von jüdischen technischen Schulen in Ruß land zu verwenden." Leeds. (Orig.-Corr.) Der Rabbiner der „Machsikc Hadath" in London, Rabbi Abraham Werner, macht ir der Nummer des hiesigen „Jewisli Express“ darauf auf merkfam, daß der 29. August (1. Ellul), der erste Congreß tag, ein Jubiläumstag war. Denn vor 2250 Jahren, aua am 1. Ellul des Jahres 3407 jüdischer Zeitrechnung „geschah des Herrn Wort durch den Propheten Haggaist daß die Juden in ihr Land zurückkehren und das Gottee haus neu erbauen werden. Rabbi Werner bezeichnet dm Zusammentreffen des Baseler Congresfes mit diesem Tag. als „ein Zeichen Gottes". Serbien. . Belgrad. (Orig.-Corr.) Die Belgrader Juden spreche' seit einiger Zeit von nichts anderem als vom Zionismus, von Baseler Congresse und seinen Erfolgen. Zu Hause und aus. der Straße, im Tempel und in den Kaffeehäusern wird dieses Thenn lebhaft discutirt, und es entspinnen sich oft erhitzte Debatte':!,