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Die Welt · 1897-09-24 · 17 (24.9.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
17 (24.9.1897)
Article
Reichenberg [Nachricht]
Date
1897-09-24
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 17. Seite 9. Ruhe offenbaren. Da ist Alles Mittelton, gedämpfte Nüchternheit. Nur in der Leidenschaft, im aufwallenden Selbstgefühle, im Rausche tritt das Wesen der Völker zu Tage. Auch in diesem Rausche liegt die Wahrheit. Das . haben wir hier auf unserem böhmischen Kriegsschauplätze am besten erfahren.. Der nationale Sturm hat die Volksseele in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlt, die Alltagstünche ist gewaltsam weggewischt und die Mängel und Vorzüge liegen entblößt vor aller Augen auf der erregten Oberfläche. Ein verworrener Streitruf erhob sich im ganzen Lande, ein Wirrwarr von Tönen und als wir Juden hirrhorchtcn, welcher Ruf uns gelte, da hörten wir einen Ton heraus, der uns recht heimisch und bekannt anmüthete, einen Ton, den wir immer hören, wenn wir aus dem Eoncert -der Völkerstimmen den Antheil heraussuchen, der für uns componirt ist — wir hörten das allvertrante „Hepp! Hepp!" Und wir waren erstaunt. Der Jude ist immer erstaunt, wenn er das „Hepp! Hepp!" hört. Er hört es schon so lange, er kann gar nichts anderes erwarten, und doch staunt er. Weil in dem Staunen viel Schmerz liegt. Die Verwunderung hätte sich vielleicht abgestumpft, aber der Schmerz, den die zwei Silben erregen, der reagirt immer mit der gleichen Empfindlichkeit. Es war uns unbegreiflich. Wir hatten uns so schön zu Deutschen, nein, zu „Deutschvolklichen" herausstaffirt, so ganz nach dem neuesten Modejournal, wie es auf Schloß Rosenau und in der Redaction der „Ostdeutschen" herausgegeben wurde — vergebens! Wir lauschten auf das Stimmengewirr und horten — „Hepp! Hepp V1 Es waren eigenthümliche Entdeckungen, die wir da machten. Je krampfbaster wir, in erkünstelter Extase oder angesteckt vom nationalen Rummel, die „Wacht am Rhein" sangen, desto lauter. schollen uns als Echo die bekannten zwei Silben entgegen. Wir wollten eine Briicke bauen zwischen zwei getrennten Ufern, und der Bau schoß unter der Hand zu einer mläbersteigbaren Mauer empor. Wir standen und staunten, aber es gingen uns schließlich die tieferen architektonischen Gesetze unserer Bauarbeit auf. Wir haben viel gelernt in diesen wenigen Monaten. Wir lernten die innerste Meinung der Völker über die Juden kennen. Ganz lakonisch wurde sie geäußert — zwei Silben. Das Nationalgefühl der Deutschen und Tschechen war auf's Kräftigste entfacht. Aber ie eindringlicher sich die Völker ihrer speciellen Bolksnatur bewußt werden, desto auffallender sind ihnen die Unterschiede eines fremden Volkskörpers, desto fremder fühlen sie sich dem fremden Wesen gegenüber. Die Völker mit gesteigertem Selbstbewußtsein grenzen schärfer ihre Körperipbäre ab und ihr ,,noli me tangere“ lerntet eben, wenn es den Juden gilt, „Hepp! Hepp!" Darum wuchs in Böhmen der Antisemitismus, irotzdem wir uns bei Sonnwendfeiern und deutschen Volks tagen die redlichste Mühe gaben, im Wotanculte aufzugehen. Ja, er wuchs gerade deshalb. Denn wo die Gefühle und Posen dein Wesen des Darstellers fremd sind, dort fehlt das Maß und das richtige Taktgefühl in der Darstellung. Ein Zuviel oder Zuwenig, Ez.- ume und Zerrgestalten sind die natürliche Folge. Man steckt in einem rnubcit Kleid und kann sich nicht bewegen. Ter Mann und das Kleid tehen in einem grotesken Gegensätze. Wir wurden zu Caricaturen. Und die Caricatur war hier die Mutter des Antisemitismus. Ein cktes ästhetisches Gesetz sagt, daß die Caricatur entweder Lachen oder 'löschen erweckt. Spott und Widerwille, das sind hier die Grundelemente H’s Antisemitismus. Und durch den Widerwillen, durch die offene Verachtung, die uns utgegengebracht wurde, haben wir uns selbst gefunden. Den Haß kann -ran ertragen, den Spott kann man ignoriren, aber bei dieser Verachtung nutzte sich jedes Ehrgefühl aufbäumen. Es ist jene rücksichtslose Verachtung, die auf die Servilität und lettenhafte „Anhänglichkeit" des Zurnckgestoßenen speculirt, der trotz aller G'iiskirung, trotz aller Sottisen vom Gegenstände seiner „Liebe" nicht aßt. Wir marschirten wacker mit im letzten Zuge der deutschvolklichen ■Innce, wir strengten uns weidlich an, um schön Schritt zu halten mit en langen Schritten unserer „Führer" Schönerer und Wolfs, und zu u- und derselben Zeit wurden wir von eben diesen Führern auf die mpo rendste Weise in Wort und Schrift verfolgt. Wir waren zur Lustspielfigur geworden. Die Caricatur des unuicklich Liebenden, der von der herzlosen Kokette verschmäht und veracht wird und sich doch hartnäckig jeden Morgen mit Blumen oder >uwelen vor der Thüre seiner Angebeteten wie ein darbender Bettler nfinbet. Und ans dieser unverwüstlichen „Liebe" schöpften die „Deutsch- Eichen" ihr Recht zur rücksichtslosen Verachtung: „Lächerlich! Wir inen uns schon einige, antisemitische Beleidigungen erlauben. Morgen hr ja doch der Jude wieder bettelnd vor der Thür!" Lemberg. (Orig.-Corr.) Der social-demokratische 'arteitag ist auseinander gegangen und hat in den Köpfen "r jüdischen „Genossen" eine bewundernswertste Unklarheit »ückgelassen. Sollen sie sich besonders organisiren oder z-cht? Die Wiener „Arbeiterzeitung" sagt „nein"; das -stge „Jüdische Volksblatt" sagt „ja". Sie sagen das 'cht etwa in besonderen Betrachtungen — sondern in kwin dieser Blätter werden die Beschlüsse der jüdischen Genossen" publicirt. Die „Arbeiterzeitung" (v. 10. d. M.) ißt Dr. Diamand erklären, „daß die jüdischen Genossen >ine besondere Organisation haben wollen"; nach ■'m „Jüdischen Volksblatt" (v. 17. d. M.) sagte Dr. Diai-and blos „die jüdischen Delegirten wollen keine eigene Partei." Ja, wie letzteres Blatt (S. 2.) mittheilt, hat verr K a n n e r gesagt: „Die Juden hätten es nicht nöthig, eine eigene Partei zu bilden, denn eine jüdische Organisation gebe es ohnedies im ganzen Land"; also das Gegentheil von deni, was nach der „Arbeiter-Zeitung" Dr. Diamand im Namen aller Delegirten „erklärt" haben soll. Sonderbare Berichterstattung. Gibt es am Ende ein anderes Protocoll für die Leser des Wiener Centralorgans und ein anderes M die Leser des Jargonblattes? Man will also die jüdischen. Analphabeten Galiziens int Wahne erhalten, daß sie eine eigene, jüdische Parteiorganisation haben, während doch der Wiener Parteitag die Existenz der jlst dischen Nationalität hinwegleugnend, für Galizien lediglich eine polnische und ruthenische Organisation gelten ließ? Daß der jüdische Nationalismus, den die jüdischen „Führer" in Wien ignorirt haben, den aber K a n n e r in Lemberg offen und entschieden betonte, der Partei noch manche Verlegenheit bereiten werde, wußte jeder; aber man erwartete nicht, daß die „Führer" mit sülchen, zumindest unaufrichtigen Mitteln ihre „Genossen" täuschen werden. Nun, unsererseits soll es an nöthiger Aufklärung nicht fehlen. Die Flugschrift „Zionismus oder Socialdemokratie" von Dr. S. R. Landau, die als Separatabdruck aus dem „Jüdischen Volkskalender" bereits ini dritten Tausend erscheint, nachdem 2000 vom Przemysler Verein „Zion" angeschafft wurden, wird hoffentlich viel zur Aufklärung beitragen. Denn selbst die verschwindend kleine Zahl der im social-demokratischen Lager stehenden Juden, soferne sie nicht aus gewissen Gründen an die Partei gebunden sind, muß für den Zionismus gewonnen werden. Lemberg. (Orig.-Corr.) Der Antisemitismus, der ja in Galizien „nicht existirt", fand nunmehr einen Führer mit klangreicheni Name». Es ist dies der Abgeordnete der Landgemeinden Jaslo-Krosno-Gorlice und k. k. .Bezirkshanptntann Fürst Paul S a p i e h a. In dem uns gedruckt vorliegenden Rechenschaftsberichte dieses Abgeordneten finden wir nachstehende Sätze, die sich als Stammbuchverse für Dr. Byk ausgezeichnet eignen würden: „Die Juden sind die Vertreter des Materialismus, Communismus, des Unlsturzes auf der ganzen Linie, der Gleichmacherei von Allem und Jedem; sie wollen an Stelle des Individuums und seiner Gesetze, die Zahl oder den Staat und seine Omnipotenz setzen. In diesem trüben Wasser ist für solche Herrchen wie Dr. Adler eine grenzenlose Ernte (sie!); auf den Schultern des Pöbels kommt man hoch enipor. Da sie (die Inden) einen angeborenen, ewigen, traditionellen Widerwillen zur Arbeit „im Schweiße ihres Angesichtes" und gewaltige Fähigkeiten in der Richtung, die man in weiterer Bedeutung dieses Wortes gemeiniglich „Speculation" zu nennen pflegt, haben, so gehen sie mit einem Siegesgefühl in den Kampf und nachdem man den Armen die Religion und die Sittlichkeit geraubt, hetzt man gegen Alles, was göttlich ist und was laut göttlicher Ordnung lebt und strebt. Eine große, alles Uebrige überragende, der Frage der Autonomie gegen den Centralismus gleichk o m niende Sache, i st der Kamps der Arier gegen die Semiien. Wenn die Völker nicht in der Richtung schreiten werden, welche die Christlich-Socialen vorzeichnen, so wartet ihrer das Heidenthum, die Barbarei, die Ersetzung des menschlichen Namens durch die Zahl." Der christlich-sociale Fürst wird mit Enthusiasmus von der antisemitischen Presse begrüßt und seine Worte als Offenbarung angestaunt. So hätten den unsere Aritiseniiten auch einen „geborenen" Führer. Und in Galizien gibt es keinen Antisemitismus, nicht wahr Herr Dr. Byk? I)r. N. Deutsches Reich. 'Danzig, 28. August. (Orig.-Corr.) Der Antisemitismus hat hier von breiten Schichten der Gesellschaft Besitz ergriffen. Besonders ist es die Kaufmannschaft, die sich mit ganzer Seele der genannten Gefühlsrichtung hingibt. Die Juden und „Liberalen" suchen den hereinbrechenden. .Judenhaß zu bekämpfen. Sie thun das, in dem sie Protestversammlungen einberufen. So fand auch gestern

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