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Die Welt · 1897-09-24 · 17 (24.9.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
17 (24.9.1897)
Article
Rom und Konstantinopel
Date
1897-09-24
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Nr. 17. verwandt ist und hinkäme, um an Stelle beutegieriger Leute, an Stelle des Abhubs aller abendländischen Völker die Einwohnerkraft des Landes zu vermehren, ohne die geringste Gefährdung der Sicherheit und Integrität des Reiches. Vielmehr würden sie diesem die Mitwirkung ihrer Arbeit, ihrer hohen Intelligenz und ihres Wohlstandes bringen, lauter neue Elemente des Gedeihens, der Ordnung, der Consolidirung, um der Regierung bei der Herstellung der inneren Ordnung und namentlich des financiellen Gleichgewichtes zu helfen und die Capitalien sowie den ungeheuren Credit, über die sie gebieten, zur Verfügung zu stellen. Dadurch würde die Türkei von der drückenden Vormundschaft und denr lästigen Protectorate der europäischen Haute Finance befreit werden. Man sieht schon aus dieser einfachen Darstellung der Sachlage, welche ungeheuren Vortheile die Türkei aus der Ausführung des Planes der Zionisten ziehen könnte und man sieht auf keinem Punkte, was die Türkei daran auszusetzen oder davon zu befürchten haben sollte. — Die Bestrebungen der Zionisten sind legitim, anständig und tragen die Bürgschaft der Ergebenheit für denjenigen, der sie aufnehmen und unterstützen würde, in sich. Wird die Türkei, welche gegen die Juden bisher so großmüthig mar, sich dagegen sträuben? Das ist durchaus nicht a n z u n e h m e n, und der erhabene und weise Souverän der Türkei hat einen zu hohen Sinn, zu viel Herz, eine zu mächtige Intelligenz, um die Beweggründe der Juden nicht zu schätzen .... Die Zionisten haben zweifellos von dieser Seite nichts zu befürchten bei der Ausführung ihres Planes, und wenn sie Verleumder und Feinde in Europa, ja selbst unter einem Theil ihrer Glaubensgenossen finden — bei de» Türken und bei Seiner Rtajestät dem Sultan haben sie keine Ablehnung und Verhinderung ihres heiligen und heilig vaterländischen Werkes zu gewärtigen, das durch die Colonisatio» auf Einigung, ruhiges Glück und Frieden abzielt." Wir würden die bedeutsame Kundgebung, welche in den Ansführungen des der türkischen Regierung so nahestehenden Blattes enthalten ist, abschwächen, wenn wir auch nur ein Wort des Conmrentars hinzufügten. Die Irrden in Holland. Von Basel durch Deutschland, Holland hinein ins englische und jüdische Leben, fo kehrte ich allmälig zum Alltagsleben und zu den Alltagstags-Anschanungen zurück. Allein ich will ja »licht meine persönliche» Empfindungen schildern, sondern blos eine Studie über den Verlauf des Congresses an dem ich bescheidenen Antheil nahnl, liefern. Mögen die deutschen Delegirten von ihren» Geburtsland erzählen, ich werde mich mit Holland befassen, dessen Judenschaft am Congresse officiell nicht vertreten war. Es »varen »vohl zwei Hollänoer anwesend, allein nur als Gäste. Wenn man auf der Hauptbrücke von Amsterdam steht, die träge dahinstießende Amstel, die großen schwer beladenen Canäle, die die-Werien dieses Holzlandes bilden, und die schwerfälligen Schritte des aus dem schmalest Steinpflaster gemächlich einherwandelnden Volkes betrachtet, oder, wenn man sich, falls man holländisch liest, einige Minuten in die Lectüre eines holländischen Blattes vertiefst so rvird man zu dem Schlüße gelangen: die Holländer find langsam, pedantisch, intensiv materialistisch und sehr zurückhaltend. Die bedeutendste Zeitung Hollaud's ist das „Handelsblad", welches auch, seinem Titel gemäß, dem Handel und den Finanzen den meisten Raum widmet. Dr. Myx, N o r d a u sagte, daß der assimilatorische Zug die Jude,»)' zur Anpassung (mimiery) führe: dies trifft bei den holläu-'" dischen Juden zu Man bemerkt die blutigen Blätter der niederländischen Geschichte in dom heutigen Holland nicht' mehr; vergebens »vürden wir nach einem Spinozza, oder »»ach einem Menasse bei» Israel in der jetzigen Judenschaft Amsterdam's fahnden, und die jüdischen Dr»»ckerein ächzen längst nicht mehr unter der schweren Last der vielen Bände jüdischer Literatur. Wie also ist die Judenschaft Hollands beschaffen? Handeltreibend, fleißig schiveigsan» ohne Kcnntniß jeder nicht localen Bewegung oder diese Unkenntinß heuchelnd, (einige Ziveige der Alliance israelite universelle: ausgenommen);— in zivei große Lager gespalten: in die Extrem- Orthodoxen und die absolut Indifferenten. Hier in einem der ältesten freien Centre», des Judaismus, findet man keine Brüderlichkeit. In keiner dieser Parteien herrscht die Tugend der Mäßigung: jede sieht nur den Splitter im Auge ihrer Gegnerii». Das Resultat ist: daß eine kleine, aber ernste, in sich abgeschlossene Partei und eine große, heterogene, unorganisirte Masse von Juden, beuen der bloße Name des Judenthums verhaßt erscheint, und die, ihre Verachtuiig der Religion und ihrer Satzungen offen an den Tag legen, existieren. Was den Fremden in Holland am meisten frappirt, besonders »venu er frisch vom Schauplatz kom»nt, »vo sich die Verbrüderung in Israel so herrlich documentirte, ist, daß in dieser in Israels Geschichte so bedeutenden Stadt, jedes jüdische Gefühl so vollständig erstorben ist. Der holländische Jude scheint seiner selbst überdrüßig geworden zu sein. Er ist Egoist, er hat den Idealismus, die Romantik, die Freiheitsgefühle seiner Rasse verloren. Sein semitisches Blut ist durch den langen Stillstand versumpft, er mürbe der Phlegmatischeste unter den Holländern. Der holländische Jude mar faktisch emancipirt, lange bevor das Gesetz ihm seine legale Freiheit verlieh. Er ist der Aeltesie unter den „Freien" in Israel und er hatte sich längst schon vom Judenthum selbst emancipirt. Die Rabbiner verstehen die Situation nicht; sie sind gleichgiltig gegen die Massen »md befriedigt von der glaubenstreuen Anhänglichkeit der Wenigen, deren Zahl in» Schwinden begriffen ist. Man kann über de»» Zionismus in Holland ein gleiches Capitel »nie über Jrrland schreiben, denn es gibt bis nun keinen Zionisten in Holland. Der emancipirte, holländische Jude weist bis nun die Idee der nationalen Einheit zurück. Wenn er sehr orthodox ist, so weiß er »»ichts von der Arbeit des Congresses, denn das Organ des Oberrabbiners notificirte den Protest der deutschen Rabbiner mit Lust und Freude, so z»var, daß es nicht einmal in der letzten Woche Raum für die kleinste Notiz über die Sitzungen des Congresses fand. Der Strauß verbirgt in seiner Dummheit den Kopf! Der irreligiöse Durchschnittsjude weiß nichts von jüdischem Nationalismus und Zionismus, aber sehr viel von Atheisnurs und Socialisnrns. Beide Parteien stinimen bis zu einem gewissen Punkte in ihrer Engherzigkeit überein.. Bei meinem Referat auf dem Congreße über die Situation in England, erwähnte ich, daß hier ein ausgesprochener Gegensatz zivischen den Gefühlen der russisch-polnischen und holländischen Juden bestehe. Der holländische Jude verachtet den rufsisch-polnischei» Juden. Ich habe mit sonst liberal denkenden Männern,, mit gottesfürchtigen Leute» gesprochen, und ich habe nie ein Wort wahrer Sympathie, eine Aeußerung brüderlicher Menschenliebe für die Unterdrückten im Norden und Süd-Osten Europas vernommen. Hie unb da hörte ich eine Stimine von Toleranz aus den Bemerkungen heraus, und einmal ward sogar zögernd zugegeben, daß der Congreß eine Arbeit für die Menschheit unternommen hätte, und a»»ch da fehlte es nicht an Wenn und Aber. Ich will n»»r klar sagen, daß der Zionism»»s noch nicht den Weg, in das schwerfällig functionirende Gehirn der Holländer gefunden hat! — Ais ich es vor »mgefähr drei Jahren versuchte, einige holländische Juden für die Bewegling zu interessiren, da sa»»d sch, ihre geistigen Fähigkeiten seien so eingeschlafen, daß sie es nicht fassen konnten, was ihre englischen und deutschen Nachbarn unternahilien.

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