Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 17 (24.9.1897)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1897-09-24
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3315710-3315727--01701-3380990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17. MHM (Seite S. anfallen, wie sie Edelleute und Bürger mißhandeln, wie sie Männer und Weiber blutig schlagen. Jetzt sollen sie gar einen Angriff auf die Armee gewagt haben! Es ist geradezu komisch, wenn man diese schwächlichen, von der Last des Kummers und der Noth gebrochenen Gestalten ansieht, und bedenkt, welche Gewaltthaten ihnen zugeschoben werden, zugeschoben von denselben Leuten, die den Juden wegen seiner „notorischen" Feigheit für satisfactionsunfähig erklären. * * * Es soll aber auch in Wien viel übermüthiges Judenvolk geben. Man vermuthet wohl, daß das die reichen Börseaner sein dürften oder die Fabrikanten oder die Studenten, — nein! — die Hausierer sind es, denen es so gut geht, daß sie der Hafer sticht und sie Streit suchen in ihrem tollen Uebermuthe. Die Hausierer! Wir haben immer eine Art von Bewunderung für diese armen Menschen gehabt, die mit „den sichtbaren Merkmalen ihrer Rasse" in Wiener Gasthäusern umherzugehen wagen, die von Tisch zu Tisch verhöhnt, geschmäht, bespuckt und niißhandelt, gelegentlich auch zu Boden geschlagen, dennoch immerauss Neue den Kampf ums Brot für sich und die Ihrigen aufnehmen. Und nun wird gegen sie gehetzt. Man will ihnen die Wirthshäuser verschließen. Sie bilden eine Plage, in ihrer körperlichen Stärke und ihrer wilden Entschlossenheit eine Gefahr für die Sicherheit des Lebens. Man soll es wirklich glauben, ein jüdischer Hausierer allein in eineni Gasthause, das von tafelnden Menschen gefüllt ist, besäße Gewalt genug, um die Gäste auseinander zu treiben. Wir glauben an den Heldenmuth unserer Brüder, aber unsere Helden würden wir anderswo suchen, nicht dort, wo wir bisher nur unsere Märtyrer gesehen haben. Rom und KonstuntinopeU Es liegen einige Dementis und officiöse Erklärungen vor, durch welche die vom Baseler Congresse geschaffene politische Lage des Zionismus einigermaßen umschrieben wird. Wohl ist es schwer, sich aus inspirirten Ableugnungen und Behauptungen eine genaue Kenntniß der wirklichen Situation zu verschaffen, aber selbst hinter den kunstvollen Verschleierungen läßt sich hie und da etwas vom Tatsächlichen errathen. Man erinnert, sich,. daß vor Kurzem durch .die meisten europäischen Blätter folgende Londoner Depesche ging: „Daily News" melden aus Rom, Monsignore Bonnetti, der apostolische Vertreter in Konstantinopel, habe dem Sultan ein Handschreiben des Papstes überreicht, worin dieser seine Genugthuung darüber ausdrücke, daß der Abschluß des Friedens nahe sei. D e r P a p st habe den Msgr. Bonnetti nach Rom berufen, um mit'ihm Maßnahmen gegen die zionistische Bewegung zu berathen. Der Papst habe in dieser Angelegenheit sich auch an Frankreich als den Beschützer der Christen im Orient gewandt." Wir haben diese Nachricht achtungsvoll verzeichnet, obwohl sie, — wenn wahr — nur auf mangelhafte Informationen der päpstlichen Curie über die Zwecke der zionistischen Bewegung zurückgeführt werden könnte. Um so erfreulicher ist es, wenn jetzt von Rom aus die Meldung der „Daily News" auf bestimmte Weise in Abrede gestellt wird. Eine Wiener officiöse Correspondenz, die zu diplomatischen Richtigstellungen benutzt zu werden pflegt, enthält die nachstehende Mittheilung: „Eine uns von vatikanischer Seite aus Rom zugehende Meldung bezeichnet die in mehreren auswärtigen Blättern aufgetauchte Nachricht, nach welcher der heilige Stuhl in Folge der Beschlüsse des jüngst in Basel abgehaltenen zionistischen Congresses Schritte beim Sultan behufs Verhinderung der eventuellen Ueberlassung Palästinas an die Juden unternommen hätte, als jeder thatsächlichen Begründung entbehrend." Damit sind wohl für eine Weile die phantastischen Combinationen einer gewissen Art, durch die man unsere Bewegung zu heinmen, vielleicht auch nur zu discreditiren versuchte, aus dem Wege geräumt. Daß man im Vatican den Wunsch empfunden hat, sich über den Zionismus zu unterrichten, ist wahrscheinlich, und Erkundigungen, welche in dieser Richtung stattgefunden Haben, waren wohl der einzige thatsächliche Anhaltspunkt für die sensationelle Meldung, die durch die Blätter ging. Durch das römische Dementi ist die Sache genügend klargestellt. Es wird nun Aufgabe einer erschöpfenden und aufrichtigen öffentlichen Discussion sein, unsere Bewegung nach allen Seiten hin als das erkennbar zu machen, was sie wirklich ist. In den letzten Tagen hat die Correspondance de l'Est, deren intime Beziehungen zur türkischen Regierung bekannt sind, in zwei sehr bemerkenswerthen, vortrefflich geschriebenen Artikeln zum Zionismus Stellung genommen. Der erste Artikel behandelt die Frage im Hinblick auf Rom und die Bedenken, die man etwa vom katholischen Standpunkte gegen den jüdischen Nationalplan geltend machen könnte. „Im jüdischen Volke", heißt es sda, „das über die ganze Erde verstreut ist, macht sich gegenwärtig eine eigenthümliche Bewegung der Einigung, der Zusammenschließung, der Herstellung einer Gemeinsamkeit und, wenn möglich, einer nationalen Körperschaft bemerkbar. Wie in allen großen menschlichen Ereignissen niüssen wir auch in diesen Versuchen und Bestrebungen das Walten der Vorsehung erkennen, und sie verdienen daher in jedem Betrachte die volle Aufmerksamkeit der christlichen Welt." Nach einem gedrängten, interessanten Rückblick aus die Geschichte der Verstreuung des jüdischen Volkes heißt es in dem Artikel weiter: „Wie es scheint, ist die römische Curie dem Werke der Zionisten sehr wohlgeneigt und man glaubt auch, daß die Zionisten eine Verständigung mit dem heiligen Stuhl anstreben werden, um die Gutheißung und Ermuthigvng ihres Bestrebens der Colonisirung Palästinas zu erwirken. Andererseits ist dieses Werk auch offenbar geeignet, um in der Gegenwart und in der. Zukunft die Reorganisation, die Erhebung und Erhaltung der Türkei zu fördern." Diesen Gedanken führt die Correspondance de l'Est in einem zweitengroßen Artikel noch weiter aus. Wenn man sich gegenwärtig hält, daß diese für die diplomatischen Kreise und die Presse berechnete Correspondenz ein hochofficiöses Orgail ist und mit Mdiz-KioM in fortwährender und vertraulicher Verbindung steht, so wird man die folgenden Ausführungen in ihrer Bedeutung erkennen: „Es scheint, daß die Absichten des Baseler Congresses nicht überall richtig verstanden wurden und daß, wie alle höheren Ideen, auch diese Bestrebung sofort das Uebelwollen, die Verdächtigungen, die falschen oder feindseligen Auslegungen der Verleumder, Schmähsüchtigen oder Kurzsichtigen erweckt hat. . , . Man irrt sich ganz und gar über das Wesen der zionistischen Bewegung. Wie es deutlich gesagt wurde, und wie es die Arbeiten des Baseler Congresses beweisen, ist das einzige Ziel des Zionismus die erneuerte Vereinigung der Juden zu einem Volkskörper im alten Lande ihrer Vorfahren, unter der Souveränetät der Türkei, durch Colonisirung.des heiligen Landes mit Ackerbauern, Grundbesitzerir und Industriellen, die ihre eigenthümlichen Begabungen, ihr Talent, ihre Arbeit, ihre erworbenen Kenntnisse, ihre Ausdauer, ihre große Erfahrung im Umgänge mit Menschen und Sachen und ihren Besitz dahin bringen wollen. Anderes steht nicht im Programm der Zionisten und dieses Programm kann man nur gut heißen und er mut hi gen. Soll die Türkei sich darüber beunruhigen, daraus einen Verdacht schöpfensich dem widersetzen? Es ist absolut nicht einzusehen, warum? Die Türkei hat im Gegentheile das größte Interesse eine friedliche. Bevölkerung bei sich aufzunehmen, die arbeitsam, geschickt, zu allen Unternehniungen nur nicht zu kriegerischen aufgelegt, geschnieidig, gefügig, an Gehorsam aber auch an die Leitung Anderer gewöhnt, ferner auch mit den Türken einigermaßen racen-