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Die Welt · 1897-09-24 · 17 (24.9.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
17 (24.9.1897)
Article
Neujahr!
Date
1897-09-24
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Gerte 2. Nr. 17. die Feinde uns selbst ins Gesicht schleuderten, gegen unsere' Staniinesgenossen zu wiederholen. Lassen wir uns nicht irre machen durch die Fälle von vereinzelter Entartung, die doch nicht tiefer geht, als eine vorübergehende Verstimmung; die Seele, das Herz unseres Volkes weiß nichts von diesem Mißtrauen, dieser Selbstsucht: das zeigt das „Wir" in den Gebeten unserer heiligsten Tage. Für uns Zionisten hat das Neujahr 5658 eine ganz besondere Bedeutung. Wir blicken auf ein Jahr der größten Erfolge zurück, und wenn die nächste Zukunft mit dem Maßstabe der unmittelbaren Vergangenheit geniesten werden kann, sehen wir einer noch erfolgreicheren Thätigkeit entgegen. Das vergangene Jahr wird in der Geschichte des Judenthunis als annus inirabilis gefeiert werden. Die Organisation des Zionismus in Wien, die Gründung der „Welt" und der Baseler Congreß — das sind die drei Hauptetappen, welche die zionistische Bewegung in rapid aufsteigender Linie zeigen. Im Laufe von nicht ganz zwölf Monaten ist aus einem Wollen, welches auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten beschränkt war, ein gewaltiges, elementares Streben geworden, das jetzt Hunderttausende unserer Staniinesgenossen umfaßt; was früher unter den eifrigsten Bekennern und Vorkämpfern als ein fernes Ideal hochgehalten wurde, das wird jetzt als eine Hoffnung gehegt, deren Verwirklichung in absehbarer Zeit erwartet werden kann; die Gegner unter unseren Brüdern, die damals mit der Ueberlegenheit der bequemen Theilnahmslosigkeit und Gefühlsarmuth auf uns mitleidig herabsahen, bekämpfen uns jetzt mit der blinden Wuth des Fechters, der seine Schlappe in allen Gliedern ahnt; die Nichtjuden, welche damals den Zionismus nicht einmal dem Namen nach kannten oder von ihm besten Falls wie von irgend einer utopistischen Grille im verstecktesten Winkel des Bewußtseins Notiz nahmen, folgen unseren Bestrebungen mit wohlwollender Theilnahme oder studiren ihn immerhin als neuen iriaßgebenden Factor im Getriebe der Welt. „W i r" — die Gesammthcit der jüdischen Diaspora, vertreten durch Abgeordnete aus allen Richtungen der Welt, haben in offenen. Jedermann zugänglichen Sitzungen unseren berechtigten Wünschen Ausdruck gegeben; wir haben den Zweiflern gezeigt, wir haben es ihnen in concretester Weise vor Äugen geführt, daß ein jüdisches Volk existirt, ein Volk, welches nicht nur durch gemeinsanie Vergangenheit, sondern weit mehr noch durch eine gemeinsame Zukunft seine Zusammengehörigkeit documentirt; denn ein Volk hat die Zukunft, die es erstrebt. Wir haben den Zaghaften gezeigt, daß die Aufrichtigen und menschlich Fühlenden unsere Offenheit zu schätzen wußten: die vornehmsten Blätter Deutschlands, Englands und Amerikas haben den Congreß in seiner ganzen epochemachenden Bedeutung gewürdigt und unseren Ideen eine Verbreitung gegeben, die wir mit unseren schwachen Kräften nie und nimmer erzielt Hütten. Aber wenn uns das Erreichte mit Genugthuung erfüllt, so gibt es uns noch lange nicht das Recht, uns über die Schwierigkeit unserer Aufgabe zu täuschen. Eine ungeheure Arbeit wartet unser, und zwar in erster Reihe auf dem Gebiete der Mission, der Mission im zionistischen Sinne, der Mission an unseren! eigenen Volk. Es gilt, die Trägen, die Gleichgiltigen, die Theilnahmslosen aufzurütteln und für die Sache der Gesammtheit zu gewinnen. ■ In diesen Tagen der Bußgebete gedenke ich des Mannes, der in meiner Vaterstadt mit der Laterne in der Hand mitten in der Nacht von Haus zu Haus ging und die Schläfer weckte mit seinem feierlichen Steht aus! steht auf! Zu Amandas Habaureh! Solche fromme Mahner und Wecker brauchen wir jetzt aller Orten: wacht auf! wacht auf! ihr trägen, saumseligen Schläfer, wacht auf! zum Dienste Gottes und Eures Volkes! Die TVeche.. Wie», 23. September. Es gibt NUN doch Wiener Tagesblätter, die dem Baseler Congreß Artikel widnien, — allerdings sind das antisemitische Zeitungen. Sie constatiren die Wichtigkeit der zionistischen Bewegung und empfehlen den jüdischen Nationalgedanken dem Interesse der europäischen Diplomatie. Wir sind tief ergriffen von so viel Güte und hoffen zuversichtlich, mit solchen Empfehlungen nur um so rascher unser Ziel zu erreichen. Allein wie wenig uns auch ein Beifall werth sein mag, den wir nie gesucht haben. Eines ist an den Aeußerungen der antisemitischen Presse doch von symptomatischer Bedeutung. Vergleicht man den Ton, den sie sonst gegen Juden anfchlagen, jenen empörenden, verächtlichen Ton, ihre Beschimpfungen, ihren Hohn und ihre Anklagen, mit der Art, in welcher sie über das nationale Judenthum sprechen, dann mag man gewiß überrascht sein. Die Juden als Nation, als ein einiges, seiner Kraft bewußtes Volk, gelten ihnen dann nicht mehr für „minderwerthig". Es ist Achtung in der Manierlichkeit, mit der sie sich dem Gedanken vom Judenstaate gegenüberstellen. Nun auf einmal drucken sie in gesperrten Lettern jene Stellen, die von dem Alter, von der rühmlichen Vergangenheit des Judenthumes handeln, von seinen geistigen Fähigkeiten und hohen Zielen, Nun auf einmal ist von« „Mauschel" keine Rede mehr, sondern von einer zukunftsreichen Nation. Scharf tritt dieser Unterschied in den erwähnten Artikeln hervor, besonders, wenn die Sprache auf die jüdischen Assimilationsfreunde kommt; dann sind sofort die alten Hetzphrasen zur Stelle, die bekannten Haß- und Verachtungssätze. In diesem Verhalten eröffnet sich eine weite Perspective für uns, eine Perspective, in der sich die Stellung des Judenthumes unter den Völkern klar vom Horizonte der Zukunft abhebt. * Das unglückliche Spanien hat viel von den Juden zu leiden, die es vertriebe». Seine verzweifelte Situation wird jetzt als ein Werk der Juden hingestellt. Die Verarmung, die Corruption im judenreinen Innern, die Mißerfolge nach Außen hin — Alles ein Rachewerk der Juden. Und um das Maß voll zu machen, weigern sich die reichen Juden jetzt, diesem Lande mit ihrem Geld beizuspringen. : Wahrscheinlich hat das freie Amerika sich von den Juden Geld geborgt, um nun die neue cubanische Zwangslage für das unglückliche Spanien zu schaffen. * * * Und doch. Die Juden sind ein staatserhaltendes Elemen. Fürst Paul S a p i e h a hat diese Wahrnehmung gemacht. „Sie wollen an Stelle des Individuums und seiner Gesetze die Zahl oder den Staat und seine Omnipotenz setzen." Merkwürdig. Das klingt ganz anders, als sonst die Vorwürfe, die gegen die Juden erhoben wurden. Einst hat man sie als revolutionäres ,als ein zersetzendes Element bezeichnet, als einen Sauerteig, welcher die Völker nicht zur Ruhe konunen lasse. Man hat sie als die gefährlichsten Freunde des gefährlichen Individualismus angeklagt, als die geborenen Gegner der Heerde. Und jetzt hat Paul Sapieha andere, neue Erkenntnisse gefunden. Uebrigens ist sein Satz zu tiefsinnig, selbst für die berüchtigte jüdische Spitzfindigkeit. Wenn dieser jüngste prinzliche Antisemit noch öfter und länger über die Juden nachgrübelt, dann hören wir ihn wohl bald die fürchterliche Anklage aussprechen, daß die Juden von jeher „des Lebens Unverstand mit Wehmuth zu genießen, als Tugend und Begriff verehren". * * * Es ist übrigens erstaunlich, wie viel neue Eigenschaften man an den Juden in Galizien entdeckt. Sie sind — kriegerisch und angriffslustig. Man liest das wenigstens von Zeit zu' Zeit in gewissen Blättern, in denen geschildert wird, wie die Juden Bauern

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