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Die Welt · 1897-09-24 · 17 (24.9.1897) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
17 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
1 (sequence 5)
Language
German
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Pie lunfl Arien Welt Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, II., Nembrandstraße 11, zu richten. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und Manuscripte nicht zurückgesendet. fiftllödllffllY 4 Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. ---- 6 Kr., ganzjährig 6 fl. ---- 12 Kr.; Für das Ausland: Deutschland ganz- #^r**V* ♦ jährig 13 Mk. 70 Pf., h i ähri^ 6 Mk. 85 Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Rußland ganzjährig 7 N., halbjährig 3 R. 50 Kop. Schweiz, F n reich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs. halbjährig 8 Frcs. 50. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Ur. 17. Wien, 24. September 1897. 1. Jahrgang. •-• Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile 10 kr. Einzelne Uummern 15 kr. «-« Redartivn und Administration Wien II., Reinbrandtstraße 11. Telephon Nr. 6805. •-m Xt c xx j a 1} v! Von Leo Rafaels. Wieder sind sie da, die „furchtbaren Tage" des Elul mit ihrem Pathos, dessen Wucht uns in den Jahren der Kindheit schier erdrücken wollte. Tage der Buße ohne ein persönliches Sündenbewußtsein, eine Fastenzeit ohne vorhergegangenen Carneval, ein Aschermittwoch hinter dem andern ohne einen einzigen Faschingdienstag, dessen Erinnerung die Bitternisse der endlosen Kasteiungen versüßte. Wie seltsam, wie unbegründet, wie abnorm erschien mir die schwermuthsvolle Einleitung zu einem Feste, das bei allen modernen Völkern einen Tag ungebundener Freude bedeutet! Ein versteinertes Stück mittelalterlicher Askese schien nur unser Neujahrstag mit feinem Uebermaß von Einkehr und Selbstprüfung, mit seinen Bußpsalmen und Selbstanklagen, und ich faßte das Unbehagen der schweren Tage in den Vorwurf zusammen, daß wir Juden es nicht verstünden, Geburtstage zu feiern wie andere Menschen, während wir niemals einen Todestag vergessen. Die Wiedergeburt der gesammtjüdischen Idee, der wir so vieles verdanken, hat mir auch unseren eigenartigen Neujahrstag in neuem Lichte und ich glaube, auch in seinerrichtigen Bedeutung gezeigt. Die Schwermuth unserer Bußetage ist etwas Größeres und Tieferes, als die Abrechnung des Individuums mit seinem Gotte und seinen: Gewissen, etwas ganz anderes, als die in: Grunde selbstsüchtige Sündeüfurcht des mittelalterlichen Büßers. Wie weit sind unsere Gebete von persönlicher, selbstischer Seelenrettung entfernt! „Vergib uns. Du unser Vater, denn wir haben gesündigt; entsühne uns. Du, unser König, denn w i r haben gefehlt!" — „Auf die Fülle Deiner Barmherzigkeit vertrauen w i r, auf Deine Güte stützen wir uns, Deine Verzeihung erhoffen wir, Deiner Hilfe sehen wir entgegen; Du, unser König, liebst die Milde von altersher, Du hast die Sünden Deines Volkes mit Nachsicht beurtheilt." — Selbst das formelhafte Sündenregister kennt kein Ich: „w i r" von Anfang bis zu Ende. Das ist es, was unseren Bußetagen ihre Wucht und ihre Tiefe gibt, das macht sie Jeden: unvergeßlich, der sie einmal in seiner Kindheit miterlebt. Jeder von uns hat feine schwere Last durchs Leben zu tragen, und er würde sie als Einzelner tragen, ohne ein Wort der Klage von sich zu geben; erst wenn wir das Elend Aller beisammen sehen, schwillt uns das Herz, und die Welt hört verwundert herzzerreißende Klagen von den Lippen, die sonst so gut zu schweigen verstehen. In unseren Bußetagen spricht das Leid und die Hilflosigkeit eines ganzen Volkes zu Gott: „Wir haben gesündigt, o Herr, aber Du hast uns gestraft, so schwer gestraft, wie ein Vater seinen Sohn, wie der Herr seinen Sclaven, mit Schande, mit Ketten, mit Schlägen — ist es noch nicht, noch inimer nicht genug?" Das Fürchten und Hoffen des Einzelnen geht aui Neujahrstage aus in der Sehnsucht und Erwartung des ganzen Volkes; ganz schwach, im Flüstertöne, konnnen persönliche Wünsche zun: Ausdruck. Gibt es ein treffenderes Argument gegen das „verlorene Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit der Juden" als dieses „Wir" in den persönlichsten aller Gebete, den Bußegebeten? Seht Euch doch die Worte des Gebetbuches an, di« Ihr an den hohen Feiertagen zu Hunderttausenden die Tempel, Synagogen und Betstuben füllt, gleichviel, ob Jhr noch die heilige Ursprache versteht oder ob die Seele Eurer Väter in den Lauten Deutschlands oder Frankreichs zu Euren Herzen spricht: ist das glaubensstarke Hoffen auf „unsere" Erlösung die Erwartung einer besseren Zeit für ein und das andere Häuflein Juden, die unter augenblicklich besonders arger Noth leiden oder ist das Ende des achtzehnhundertjährigen moralischen und materiellen Gesammtelends gemeint? In seinen Gebeten offenbart sich die innerste Seele des Menschen: Gott gegenüber gibt es keine Verstellung. Wir können stolz sein aus das „Wir" in unseren Gebeten. Die lange Sclaverei, die gemeine Noth hat uns im alltäglichen Leben, im elenden Erwerb oft genug einander entfremdet; das Schlimmste, das Traurigste an der Verfolgung ist ja jene Entartung, welche Stanunes-, Geschichts- und Religionsgenleinschaft um eines schmählichen Vortheiles willen verkauft. Wir haben so viele Jahrhunderte auf dem engsten Raume um Licht und Luft ringen müssen; das tödtet den Gemeinsinn und weckt die niedrigsten Instinkte; das hat uns mißtrauisch gegen einander gemacht in unseren: eigenen Lager, das hat uns in der Bitterkeit des Kampfes um die Selbsterhaltung dazu gebracht, die Vorwürfe, welche

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