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Die Welt · 1897-09-17 · 16 (17.9.1897) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
16 (17.9.1897)
Article
Chava Rubin
Date
1897-09-17
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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Seite 16. Nr. 16. dnttnt XlttMn. Von W. Okonski. Deutsch von nnd e * b e x Z c r. ('1. Fortsetzunst.) „Hast Du Zeit, Symchowa?" frug er. „Warum?" „Herr Kopf aus Usciaz schrieb mir gestern; ich soll ihm, wenn ein Brief für ihn ankommt, denselben sofort schicken. Der Schuft ist erst heute mit der Post zurückgekommen , ich habe ihn schon weggejagt, könntest Du nicht den Brief hintragen? Herr Kopf wird Dich dafür bezahlen." „Wenn der Herr befiehlt, geh' ich gleich" sagte Chava, warf den Fisch in die Küche und lief fort. Offenbar schlug das Schicksal in dem Buche ihres Lebens eine neue Seite auf. Gestern träumte Chaoa von Franek's Glücke und heute schon trug sie einen Brief nach Nsciaz. Zwar nur nach dem von Franek mißachteten Usciaz, wo man den Weg mit Kasza belohnte, aber erstens war Kasza gar keine verachtenswerthe Bezahlung und dann, wer könnt' es wissen, ob sie der Postmeister nicht inorgen schon nach Polanowka, wo man Rubel bekommt, schicken werde? Franek hat aufgehört, Briesausträger zu sein, es heißt also nur, sich die Gunst des Herrn Posthalters zu erwerben. An diesem Punkte ihrer Gedankenarbeit angelangt, lachte Chava freudig aus, als wenn ihr etwas Großes, Erlösendes eingefallen wäre. Was das war, werden wir später verrathen, vorerst müssen wir anerkennen, daß Kopf die Jüdin anständig belohnte. Er ließ ihr einen halben Sack Erbsen, einige Pfund Mehl, einige gelbe Rüben geben; als gewiegter Schönheitskenner faßte er sie sogar unter das Kinn und sagte: „Ich werde Herrn Chrzastkiewicz sagen, er möge mir die Briefe immer durch Dich senden". Chava verbeugte sich tief und ging ihres Weges. Es war ihr bestimmt, auch an diesem Tage ein reichliches Nachtmahl mit ihren Kindern zu verzehren. Sie kehrte mit der Bestätigung auf die Post zurück, bevor uoch Chrzastkiewicz mit dem Rapport fertig war. Dein amtlichen Bericht, daß zwei recommandirte Briefe durch den Postillon, auf dem Wege verloren wurden, hatte Chrzastkiewiecz rasch beendet; aber mit der Anzeige an seinen Todfeind, den Bürgermeister, in welchem er die Arretirung Franek's verlangte, quälte er sich seit einer Stunde vergebens. Er veränderte die Ausdrücke, strich daran herum, endlich arbeitete er den Act aus, welcher nun der Wichtigkeit des Ereignisses und der Würde des Postmeisters entsprach. „Franek hat seine Demission gegeben," sprach er stolz zu Chava und spritzte die Feder aus, „wenn Du Dich brav aufführen wirst, werde ich Dich zur Austrägern! ernennen." Keines Wortes mächtig verneigte sich Chava, leise ihren Dank flüsternd. In diesem Augenblicke kam das Dienstmädchen herein. „Wollen der gnädige Herr den Stör kalt essen?" frug sie. „Ach richtig," sagte Chrzastkiewicz, „wie viel bekömmst Du für diesen Fisch?" „Eine Bagatelle," antwortete Chava. „No, so komm' Abends um die Briefe " Er erhob sich. Am 13 Juli des Jahres 18** wurde Chava Rubin in aller Form und Rechtens zur Austrägcrin ernannt, die Bezahlung ihrer Dienste blieb der Großmuth der Briefempfänger anheimgestellt Die Kunde von diesem Ereigniß verbreitete sich rasch in Kaziinierz und langte im Rathhaufe noch vor der der Diebstahlsanzeige an. „Hast Du's schon gehört/st rief die Frau Bürgermeisterin, in die Kanzlei ihres Mannes stürzend, „Chrzastkiewicz hat den Franek entlassen und an seine Stelle diese Händlerin, die Symchowa. . . ." „Eben berichtet er hier über eine» von Franek verübten Diebstahl, er verlangt, ich soll ihn einsperren lassen." „Du wärst ein Narr, wenn Du das thätest. Hast Du vergessen, wie Dich Chrzastkiewicz beim Notar beleidigte? Du" glaubst ihm, daß Franek die Post beraubt hat? Und gar diese gemeine Jüdin, die es gewagt hat, mir gestern den von der Cassierin übrig gelassenen Fisch zu bringen. Thu', was Du willst, ich habe übrigens den Franek schon als Hausknecht ausgenommen." „Aber wenn er wirklich ein Dieb ist?" sagte der Bürgermeister. „Bei uns wird er nichts stehlen — wir müssen auf Unserem bestehen." Und der Bürgermeister blieb standhaft. Er verweigerte die Arretirung Franek's und nahm ihn in Dienst. Franek gehörte nicht zu den Leuten, die sich leicht einschüchtern lassen, um so weniger, wenn ihn ein so mächtiger Arm, wie der des Bürgermeisters oder, besser gesagt, der Bürgermeisterin stützte. Da er überdies viele pikante Geheimnisse des Postamtes kannte, so war er sicher, daß Chrzastkiewicz die Sache auf sich beruhen lassen werde, um seine Rache nicht herauszufordern. Er beschloß also, nicht nur dem Sturme Trotz zu bieten, sondern sich auch an der Jüdin zu rächen, die er im Verdacht hatte, stene Spoliirung der Briefe in der Schenke verrathen zu haben. Hatte sie doch seine Stelle bekommen. Wir müssen gerechterweise zugeben, daß die Argumente, die Franek ins Feld führte, fehr zeitgemäß waren, als hätte er sie aus jenen gelehrten Werken, in denen die Ausrottung des Judenthums gepredigt wird, geschöpft. Das wahre Licht der Aufklärung wirft seine Strahlen in die Tiefen der menschlichen Gesellschaft. Der lebende Beweis war Franek, der doch keines dieser Werke gelesen und trotzdem den Drang zu solcher Arbeit in sich fühlte. „Der Teufel hol' den Dienst," sagte er zu feinem Collegen, dem zweiten Diener im Rathhause, „ich bin kein Heuriger, einen Platz habe ich bekommen. Aber, daß so eine elende Jüdin Einem das Brot wegnehmen soll, daß ist eine Schande für die Menschen und eine Beleidigung Gottes." „Wird er sie denn halten?" „Er lauft jeder Schürze nach und hat die Juden gern. Und dann glaubst Du, daß er nicht einen Nutze» davon haben wird? Ich Hab' nur für meine Tasche gesorgt, was ich verdient Hab', war für mich; sie wird ihm ihre Seele verkaufen müssen. Er bellt mir nach, daß ich die Post bestohlen habe, weil er mich los werden wollte, weil ich ein ehrlicher Mensch bin und auf meine Sachen Acht gegeben habe." „Das weiß man." „Ach, das elende Judenpack. Es vermehrt sich wie Ungeziefer; was Du zwischen den Zähnen hältst, wird es Dir noch aus dem Mund reißen." „Oh, wie gut wäre das, wenn man es auf einen Haufen zusammenjagen und in der Weichsel ersäufen könnte." „Das ist wahr." „In Steine verwandeln sie uns das Brot, ihnen gelingt Alles. Wo man hintritt, stellt sich dem Menschen ein Jnd' in den Weg." „Wie oft geht's so!" „Ich werd's ja der Bettlerin eintränken, es soll ihr nicht geschenkt werden!" Indessen trug Chava, die von all' diesen Drohungen nichts ahnte, ruhig ihre Briefe aus, gab aber dabei den Handel nicht auf. All' dies zusainmen verschaffte ihr einen anständigen Verdienst, manchmal einen halben Rubel pro Tag. Trotzdem sie noch keinen Brief nach Polanowka, wo man nach Aussage Franek's per Rubeln belohnt wird, getragen hatte, so wurde sie doch durch den in dieser Saison regen Briefwechsel, und weil sie sich die Gunst der Adressaten zu erwerben verstand, mit Haidenmehl, Erbsen, Kartoffel», Mehl, Trinkgeldern und alten Kleidern förmlich überschüttet. (Schluß folgt.) Herausgeber: Urrschamei?. Verantwortlicher Redaeteirr: Dr. S. R- Krrrrdan. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.

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