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Die Welt · 1897-09-17 · 16 (17.9.1897) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
16 (17.9.1897)
Article
Wien [Nachricht]
Date
1897-09-17
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 16. Seite 13. £) ereil vi ch tci t. Wien. Der Einzelverein „Landstraße" des Verbandes „Zion" veranstaltet am 18, d. M. halb 8 Uhr Abends in Hatschek's Restaurant Praterstraße Nr. 11) eine öffentliche Vereins-Versammlung. Alls der 'Tagesordnung steht der Bericht des Delegirten Dr. 8. R. anda u über den Zionisten-Congres; und Eventualia. Gäste herzlich ui UI kommen! Ungar. Hrctdisch. An die Kette der bereits bestehenden jüdischnationalen Verbindungen hat sich ein neues Glied angesügt. Jn Ungarisch- Hradisch wurde durch Herrn <and. med. Benno Schallinger die jildische akademische Verbindung „Aschiwah" ins Leben gerufen, ivelche am 4. September ihren Gründungsconuners veranstaltete. Schon lange vorher bildete derselbe das Tagesgespräch. Der Besuch selbst überlraf alle Erwartungen; denn der städtische Redoutensanl war bald dicht gefüllt. Es waren erschienen: Der Ehrenbursch der neuen Verbindung Herr Dr. B u r s ch t y n, der Cultusvorstand Herr Dr. Be annaberg und Herr Dr. Winter, ferner Vertreter der Verbindungen „Jvria", „Kadimah", „Unitas", „Veritas", der „Jüdisch-akademischen Lesehalle", der „Jüdisch-nationalen Section", des Mädchenvereines „Vioria", der Jerialvereiue „Emunah", „Gamala", „Severitas", der jüdischen Hochschüler in Olmütz und zahlreiche Bürger der Stadt. Der Conrmers nahm einen außerordentlich würdigen Verlauf. Nachdem das Präsidium, Herr Drd. S ch a l l i n g e r, Mitglied der Verbindung „Jvria", in einer schwungvoller! Eröffnungsrede die Anwesenden begrüßt'hatte und das „Gaudeamus“ gesungen worden war, hielt Herr ^tud, jur. Arthur Feld m a n n die Festrede, in welcher er die Bedeutung dieses Abends hervorhob. Seine Rede klang in eine Mahnung zur Einigkeit aus, durch welche allein wir siegen könnten. Seinen Worten folgte stürmischer Beifall. Hierauf erörterte Herr M e n z e l e s die Tendenzen der neuen Verbindung und begründete eingehend das jiidisch-nationale Programin. Auch dieser Redner fand lebhafte Zustimmung. Mächtiger Jubel durchbrauste den Saal, als der Cultusvorstand-Stellvertreter Herr Doctor W i n t e r seine Uebereinstinnuung mit dem Programme der „Achtmal)" erklärte; die nächste Rede, ein Toast, von Herrn eanä. med. W e i ziH a n n gehalten, galt den Damen, ivelche sich zahlreich eingefunden batten. Nun ergriffen die Vertreter der akadernischen Vereine das Wort. Die Reihe der Redner eröfsnete Herr Alf. Lanzer von der „Jvria", welcher die Bedeutung der Verbindungen für eine Partei hervorhob und die „Achiwah" der lebhaftesten Sympathie seiner Verbindung versicherte. In ähnlichem Sinne sprachen Herr A. B r o d, stud. med., für die „Kadimah" und Herr Fischer für die „Unitas". Der Vertreter der „Veritas" aus Brünn zeigte in einem kurzen Ueberblicke der Ereignisse dieses Jahrhunderts die Leidensgeschichte unseres Volkes. Ihm folgte Herr Pollitzer aus Brünn, der in bewegten Worten das Elend der Stammesbrüder in Osten schilderte. Es sprachen ferner noch stud. med. M. Honig er von der „Emunah" und ein „Severite". Die Veranstaltung übte auf alle Anwesenden einen mächtigen Eindruck. Ein großes Verdienst gebührt den Sängern des Abends, Herrn Dr. P o b o r s k i von der „Jvria" und Herrn N e u b e r g e r von der „Kadimah", die die Zionslieder zum Vortrage brachten. Die „Aschiwahner" hatten sich ohne Zweifel mit ihrer ersten Veranstaltung ausgezeichnet eingeführt und können mit ihren Erfolgen zufrieden sein. Alwernitt. Wie tief bereits der Zionsgedanke in das Volk gedrunken, beweist auch unser armes kleines Städtchen, das hauptsächlich der Wohnort unbemittelter orthodoxer Juden ist. Sonntag, den 5. d. M. fand in der hiesigen Synagoge eine Versammlung statt. Der alte Tempel war bis auf das letzte Plätzchen besetzt, und was der Sache einen eigenartigen Charakter gab, neben den jungen Mädchen und Studenten in moderner Kleidung saßen einträchtig die Chassidim, die aus den Dörfern der Umgebung herbeigeeilt waren. Herr Dr. I. Günzig aus Krakau, der in selbstloser Weise sich zur Verfügung gestellt hatte, hielt die Tendenzrede, in der er in populärer Darstellung das Wesen des Zionismus daxlegte. Der Vorsitzende, Herr F. W e i n h e b e r, konnte im Namen der Versnnnnlung sprechen, als er dein Vortragenden für seine trefflichen Ausführungen den Dank aussprach. Unter dem mächtigen Eindrücke der Rede Dr. G ü n z i g-s traten alle Anwesenden dem Zionsvereine bei, der nach der Aufnahme zu schließen, die er in der jüdischen Bevölkerung gefunden, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. uscieczka In der am 29. August abgehaltenen Versammlung des Localcomitss des Vereines „Ahawath Zion" in Ternow wurden in das Präsidium des Zweigvereines folgende Herren gewählt: Teilelb^a u m, Präses; R i n d n e r, Vicepräses; 58 t cf e t, Eafsier; Dresche r, Schriftührer; E t h, Controlor. Bisher haben 50 Mitglieder ihren Beitritt angemeldet. Fritmpsa. Nachdem die Statuten des Einzelvereines „Frumosa" des „Zion" als genehmigt herabgelangt waren, fand anr 4. September die eonstituirende Generalversammlung unter lebhafter Betheiligung der hierortigen Bevölkerung statt. Herr Karl R e i n h o l d entwickelte in längerer Rede die Ziele des Zionismus und den Zweck des Vereines. Der lebhafte Beifall bekundete die Zustimnrung der Zuhörer mit seinen Ausführungen. Die Wahlen ergaben: Lipe D r u ck m a n n als Obmann, Seide Sand als erster, David Schaffer als zweiter Obmann- Stellvertreter, Isaak W o l k o w i e z als erster, Benisch G u g i g als zweiter Cassier, Karl R e i n h o l d als Schriftführer in der hebräischen, Albert Kirnt ay er als Schriftführer in der deutschen Sprache, Moses und Eisig D r u ck ur a n n als Revidenten. Mit Aeclamation wurde hierauf Dr. Herzl zum Ehrenniitgliede des Vereines gewählt. Ein gemüthlicher Unterhaltungsabend schloß diese erste Vereinsversammlung. $e rr 11X etoit. Gin Zeitroman. Bon Rudolf Lothar. Es gibt Bücher, in denen der Verfasser sich bemüht, möglichst wahrheitsgemäß das Bild einer nahen oder fernen Zeit zu 'geben. Menschen und Dinge, , Einrichtungen und Anschauungen werden mit dem Bestreben größter Treue conterseit, erhorcht, erforscht und dargestellt. Und dann gibt es wieder Bücher, wo der Verfasser nur das aussprechen wollte, was ihn bewegt, was ihn erfüllt. Ihn bewegt und erfüllt aber der Gedankeninhalt seiner Zeit. Und ans seiner Dichtung wird die Zeit eine lautere, vernehmlichere Sprache reden, als aus der fleißigen Reproduction des Sittenschilderers. Wie in allen Künsten, ist auch in der Dichtkunst und also auch im Roman das Unbewußte, das naive Schaffen das Werthvollste und Zeugendste. Es zeugt für den Dichter und für die Zeit. So ein naiver, unbewußter Zeitroman ist das Buch von Jakob Wassermann: „Die Juden von Zirndorf".*) Nichts lag dem Verfasser ferner, als eine Schilderung unserer Zeit zu geben, und nichts ist ihm besser gelungen. Seine Seele wollte er entblößen, und einer ganzen Gesellschaft riß er den Mantel vom Leibe. Sein Herz wollte er sprechen lassen, und das Herz unserer lebendigsten Gegenwart bekam tausend Zungen. Und jede Zunge redete die Wahrheit — denn auch die reine Wahrheit entfließt nur der Naivetät. Was aber der Dichter wollte, eine Geschichte erzählen, im Handel einer kleinen Menschengemeinde das Getriebe der Welt auszeigen, das ist ihm mißlungen. Seine Geschichte ist verworren. Er kann nicht componiren, nicht zeichnen, was außer ihm liegt. Die Menschen, die nicht Spiegelbilder seines Jchs bedeuten, sind Schemen. Ja, er bemüht sich gar nicht, sie fest auf den Boden zu stellen. Sie sind ihm nur Symbole. Zum Symbol wird ihm Alles und Jegliches, Mensch wie Geschehniß. Er ist der Jean Paul der Symbolisten, denn an den Dichter des Siebenkäs erinnert mancher Zug in feinem Wesen. Aber ein echter Dichter ist Jakob Wassermann. Freilich, mehr ein Dichter des Funkenspiels, als der Flamme, die leuchtet und wärmt. Seine Stimmungsmalerei ist ein Serpentinentanz der Farben und Schatten. Sie ermüdet schließlich. Aber er sieht in der Natur Bilder, die Keiner vor ihm gesehen, hört Töne, die Keiner vor ihm vernommen. Und das beweist, daß er ein echter Poet ist. Ein Judenroman ist sein Buch. Mit einem merkwürdigen Vorspiele setzt er ein. Der Dichter erzählt, wie nach Franken die Kunde komnit, daß in Sabbatai Zewi dem Volke Israel der Messias erstanden sei, der es aus dem Ghetto herausführen wolle in sein eigen Land, in die Heiinat seiner Träume, um es wieder frei, groß und stark zu machen. Ein Rausch der Begeisterung fährt in die Gemüther der armen Bedriickten und Geknechteten, die Freude konnnt über sie und schaart sie um den herrlichen Gedanken des messianischen Reiches. Sie ziehen aus ihrer engen, finsteren Gasse fort in die leuchtende Ferne, zum Messias, der ihrer wartet, um ihnen als siegender Held voranzuschreiten ins Land Kanaan. Aber der Zug endet kläglich. Nicht daß deutsche Städte und Fürsten, durch deren Gebiet er geht, ihn mit bewaffneter Faust drangsaliren, hemmt *) Jakob Wassermann: „Die Juden von Zirndorf". Paris, Leipzig, München. Albert Langen. 1897.

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