Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- Philippopel [Nachricht] / J. J. P.
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Snte 12. WHNIlk Nr. 16. Auch ihnen wird das Croßcapital den Todesstoß versetzen. Sollen wir deshalb verzweifeln? Der bulgarische Jude ist arbeitsam, friedfertig, ehrenhaft, er verabscheut den Alcohol und das Faulenzen. Darin besteht unsere einzige Kraft. Darum sehen wir selbst unsere Töchter, die früher zu Hause blieben und die Wirthschaft besorgten, in die Fabriken gehen und 511 Arbeiterinnen werden. Denn die Noth wird immer größer. Wir müssen also etwas beginnen, so lange es noch an der Zeit ist. Warum greifen wir nicht zu einem anderen Leben? — irgendwo anders? — in Palästina, vielleicht? Man versuche es mit nur einigen Familie»! Es gibt Tausende von Familien, die sorgenvoll der Zukunft entgegenblicken. Zwei Familien aus Philippopel sind bereits in einer Colonie nahe bei Jaffa, und es geht ihnen gut. Es wäre eine Art der Menschlichkeit auch zahlreichen anderen Familien dazu zu verhelfen. Man verschafft ihnen bloß die Möglichkeit zu arbeiten, denn sie wollen arbeiten. L J. P. Amerika Nctv-Nork iLrig.'Corr.) Die Eröffnung des Baseler Cvngrcssks wurde nach den nunmehr bekannten Berichten von allen amerikanischen Zionisten festlich begangen. Unser Fest verlief in würdevoller und erhebender Weise. Es wurde zu Mittag mit einem Festessen eröffnet, welches Herrn I. M a n i l o f f, einen begeisterten, opferwilligen Zionisten zum Veranstalter hatte. Das; es hierbei an begeisterten Trinksprüchen auf die Herren Herzt und Nord an nicht fehlte, braucht wohl kann; erwähnt zn werden. Um 6 Uhr nahm die unter den Ausspizien der Brooklyn er „Chowcwc Zion" stattgchabte Fcstversammlnng in der Moore-Strect Synagoge vor einer ungeheuer großen Volksmenge ihren Anfang. Eröffnet wurde die Versanimlnng mit einen; Gebete des greifen Rabbiners Rofcnbcrg. Das Gebet war in feiner Einfachheit ergreifend und endete mit einen; Scgcnssprnche ans die Leiter der Bewegung und auf den Congreß. Vcrcinspräsidcnt I. Nappaport richtete nun eine kurze Ansprache an die Anwesenden, worauf der hebräische Dichter S e l i k o f f die Zuhörer begeisterte. Nach einer kurzen Panse bestieg der Festredner, Herr M. Singer, die Kanzel, um in einer längeren Rede die Bedeutung des Corrgrcfses zu schildern;;;;d den Eröffnungstag als einen nationalen Festtag der Judenhcit zu proclauüren. Unter dem Einflnstc feiner Rede wurde sofort eine Kabcldcpesche an den Congreß abgcfchickt. Es sprachen noch die Herren Starrels und Julius Gott lieb, welch letzterer einen beispiellosen Beifallssturm erweckte. Als letzter Redner fungirte Herr R o st, der die Anwesenden aufforderte, ein dreifaches Hoch auf die Herren: Herzl, Nord au und Singer auszubringen, eine Aufforderung, welcher sämmtliche Anwesenden begeistert entsprachen. Die letzten Worte waren noch kann; verklungen, als eine Deputation eintraf, um Herrn M. Singer nach der Harrison- Avcnnc-Halle zn geleiten, die von Zionisten ebenfalls gedrängt voll war. Auch hier herrschte erquickender Enthusiasmus und erst spät nach Mitternacht trat die große Schaar der Zionisten den Heimweg an. Für die Veranstaltung der eindrucksvollen schönen Feier gebührt besonderer Dank den Herren: Rabbiner Rosenberg, I. Rappaport, Jacob Maniloff, Ad. Roth, Jacyb Weizner und M. Aszu d, Sohn von weiland Jehuda Aszud, Oberrabincr von Szerdahely. , Afrika. Algier. lOrig.-Corr.) Die elende Lage der algerischen Juden ist bekannt. Unter den 45.000 Juden sind 30.000 notorische Bettler, die von der Hand in den Mund leben. Der Antisemitismus, dem die Franzosen nur eine moderne Form gegeben, hat cs dahin gebracht, daß die Inden nicht nur von den Arabern an Leib und Leben bedroht, sondern auch von allen französischen Karrflcntcn und Industriellen boycottirt werden. Die arbeitslosen jüdischen Handwerker und Angestellten hielten nun ne Versammlung ab, um über Maßregel zur Verbesserung ihrer Lage zn berathcn. Mehrere Redner erklärten offen und unumwunden, die Arbeitslosigkeit rühre daher, daß die kacholischcn Häuser Juden nicht anstelle» und die bereits angestelltcn entlasse;;. Nach einer längeren Debatte beschloß die Versammlung eine Resolution, in welcher das Pariser Consistorium und der Grandrabbin gebeten werden, Schritte bei den jüdischen Händlern und Grundbesitzern zu unternehmen, damit diese auch wieder nur Juden anstellen, um so der Judennoth in Algerien zu steuern. Palästina. Jerusalem. (Orig.-Corr.) Ein neuer Geist, ein Geist der Verjüngung und des wiedererwachten Verlangens nach einem vollen und gesunden, nrenschen- und völkerwürdigen Leben weht endlich auch durch die alte Trauerstadt. Die Jugend besonders, die Söhne jener fronnnen Pilger, die hieher gekonunen sind, um die Steine des heiligen Bodens zu küssen und seinen Staub mit Thränen zu befeuchten, sind des Weinens an den Ruinen der westlichen Wand satt; sie wissen nunmehr, daß die jüdische Tradition, welche sie hieber brachte, mit ihren; Gebote „Jschub-Erez-Jsrael" etwas anderes anstrebte und beabsichtigte, als ein Parasitenthuin, ein Volk von Bettlern auf den; historischen Boden des Judenthums zu züchten. Dieser neue Geist ist es auch, der sich in einem neulich hier erschienenen Aufruf kundgibt, dessen kurzer Inhalt hier wiedergegeben sei: A u fruf. In; Rainen der Söhne Zions rufen wir Euch an! Glaubet aber ja nicht, wie schon zu oft, auch diesmal den Hilferuf von lebensmüden Greisen, Witwen, Bettlern rc. zu vernehmen. Es ist der Ruf von kräftigen, arbeitslustigen Jünglingen, der an Euch ergeht und die inständige Bitte enthält: „Gebt uns Arbeit! Wir wollen in unserem Schweiße mit unseren; Blute arbeiten, um nur in ehrenhafter Weise den Bissen zu verdienen." ... Es ist wahrlich an der Zeit, jenes Gerücht aus der Welt zu schaffen, daß die Juden Jerusaleius faullenzende Bettler und Parasiten seien, es ist höchste Zeit zu erwägen, daß der Müßiggang nur eine Folge des Mangels an Arbeit ist. Soweit es Arbeit gibt, sind die hiesigen Inden die Ersten, die sich derselben zuwenden und es gibt kein Gebiet, auf welchem sie sich nicht bethätigen. Leider sind das Gewerbe und die Industrie nicht in den; Maaße entwickelt, um alle Arbeits lustigen und Arbeitssuchenden zu beschäftigen. Es nmßte daher ein neues Gebiet eröffnet werden, der Ackerbau nämlich, der allein in; Stande ist, unseren; wirthschaftliche» Elend ein Ende zu niachen. Zu diesen; Zwecke gründete» wir den Verein „Jschub-Erez-Hakodesch". Die ersten Versuche dieses Vereines, die jüdische Jugend Jerusaleius den; Ackerbau zuzuführen, sind von Erfolg begleitet. Zwanzig junge Leute wurden auf Kosten des Vereines in die Colonien entsendet, wo sie sich durch Fleiß und Hingebung die größte Anerkennung erwarben. Leide; hat der Verein mit großen, besonders materiellen Schwierig leiten zn kämpfen und die Leiter desselben sehen sich veranlaßt, die auswärtigen Zionsfreunde um Unterstützung und Förderung dieses heiligen Zweckes zu bitten. Handelt es sich ja blos darum, der einheimischen Bevölkerung Jerusalems zu einer zweckmäßigen Erziehung e / »er arbeitenden künftigen Generation zu verhelfen und nHunderte» arbeitslustigen Händen einen gesunden ehrenhafte Erwerb zu verschaffen .... (folgen die Unterschriften). Beitrittserklärungen zu diesem Vereine sind zu. richte» an: Herrn Oberrabbiner Samuel Salant für „ Jschub Erez-hakodesch" Jerusalem (Palästina). r Eine Petition ähnlichen Inhaltes mit zahl eiche» Unterschriften versehen sandten auch mehrere junge Bü rgcr Jerusalems an die Commission des „Baseler Co» g ress es" mit der Bitte, man möge ihnen die Möglich toi bieten, sich den; Ackerbau zuzuwenden, da ihnen das ent-! ehrende „Chaluka"-Brot zuwider sei und sie sich darnacl sehnen, ein neues Leben zu beginnen.