Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- Lodz [Nachricht] / J. U.
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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Nr. 16. JPk#wje Seite 11. Bewußtsein zurückzugeben. Nicht mehr ein Spielbatt des Schicksals, nicht mehr der ewig wandernde Ahasverus zu sein und vergeblich streben, Menschenrechte zu erlangen: das verheißt uns der Zionismus und das begeistert alle für die heilige Sache. Bon den Zeitungen, die dem Zionisten-Congresse gewisses Interesse entgegenbringen, nenne ich nur den „Hamelitz" und „Hazefirah" und das russische Tageblatt „Birshewija Wjedomosti" das ausführliche Berichte von seinem Baseler Correspondenten bringt: denn der „Woschod", das Organ der russischen Judenschaft. und sein polnischer Antipode, der „Jzraelita", affectiren eine gewisse Zurückhaltung, um ihrer Tendenz getreu zu bleiben. Haben sie doch schon lange in den Spalten ihrer Zeitungen die zionistische Bewegung als „Utopie" und „phantastischen Idealismus" verschrieen. J. ü. Warschau. (Orig.-Corr.) Dem „Knryer Warszawski" wird aus Rom mitgetheilt: „Im Zusammenhang mit dem Zionisten- Congreß in Basel hat hier eine Versammlung römischer Juden behufs Schaffung eines zionistischen Agitations-Centrunis stattgesunden. Herr Markus Baruch (derselbe hat sich bereits früher als zionistischer Agitator in Bulgarien bewahrt — Anm. d. Red.l' hat seine Glaubensgenossen zusannnenberufen, um einen zionistischen Verein „Die Sclaven Titus" zu schaffen. In seiner Rede erinnerte Herr Baruch daran, daß das alterthümliche Renn den jüdischen Staat zerstört habe und daß es die Aufgabe des modernen Roms sei, die Wiederherstellung des neuen Judenstaates zu fördern. Die hiesigen Blatter haben die Versammlung sehr beifällig ausgenommen und loben ihre Ziele." Rumänien. Verlad, 24. August. (Orig.-Corr.) Das zündende Wort Max Rordau's! „Ich lebe nicht vom Judenthmn.aber ich bin flente bereit, für das Judenthmn . . . zu leben", hat uns bei der Gründung eines neuen Zionsvereines unter dem Namen .,Chowewe Zion Max Nordau“ zum Leitstern gedient. Die Idee der Gründung ging von einigen angesehenen Mitglieder unserer Gemeinde aus, denen sich stimmt - liche jüdische Aerzte von Verlad anschlossen. Am 10. August — 9. Ab — wurde im Locale der .Asoeiatinnea generala a Israolitilor paminteni“ („Allgemeiner Verband der autochtonen Israeliten") unter dem Vorsitze des Med. Dr. Benedict Rabinovici eine Versammlung abgehalten, der die Elite unserer Gemeinde beiwohnte. In wirkungsvoller Rede setzte der Vorsitzende unsere socialen Verhältnisse auseinander, zeigte, wie der Jude weder im Vollbesitze der socialen, noch der politischen, noch der Menschenrechte sei. Auf den 100.000 Quadratkilometern flachen Landes in Rumänien dürfe kein Jude wohnen. Höchstens in den Städten sei ihm der Aufenthalt gestattet. Solche Gesetze hätten nicht einmal für irgend ein beliebiger Hausthier Giltigkeit. Regner wies ferner auf die glorreiche Geschichte des Jndenthnms hin, und zeigte, das; der Zionismus das einzig wirksame Mittel zur Behebung alles Judenelends darstelle. Mit den Worten des Mincha- Gebetstnckes für den 9. Ab schloß der Redner: „Denn in Feucrhas; aufgehen lassen uttd durch fteuer, d. h. durch den Feuereifer, den wir bethätigen werden, uns als Nation zu reconstruiren, wirst Du sie wieder aufrichten." Der Enthusiasmus der Zuhörer war unbeschreiblich. Alle Versaut wetten ließen sich als Mitglieder in den Verein einschreiben. Das Bureau wurde folgendermaßen zusammengesetzt! Herr Dr. Benedict Rabinovici, Präses; die Herren Dr. Katlfmann und E. Litmann, Präsesstellvertreter: V. B. Sans, Casseir: Land und Zuckermann, Rechnnngsansseher: Bercovici, Schriftführer: Dr. Feinsilber, I. Finckelstein, S. Schars, W. Witzling, S. Rabinovici, Ansschnßmitglieder. Die Sitzung am 17. August führte dem Vereine eine neue Anzahl Mitglieder zu° Der Verein beschloß, Herrn Max Nordau zu ersuchen, cm Mandat als Ehrendelegirter für den Baseler Conqreß anzunehmen. I. S. Bulgarien. Sofia. (Orig.-Corr.) Sonntag den 29. August. Unser verehrter Gesinnungsgenosse Dr. Vierer schreibt uns: Mein Berns führte mich gegen 9 Uhr in eine entlegene Gasse, wo sich der deutsch-jüdische Tempel befindet. Die Physiognomie dieser fast menschenoergessenen Gegend Sofias zeigte sich auffallend belebt. Unsere Sphardischen Brüder zogen gruppenweise durch diese Gegend, alle nach einem gemeinsamen Ziele, nach jenem Gotteshause. Ich ließ mich oom Menschenstrom forttragen und gelangte so in die Synagoge. Die Bänke waren bereits besetzt, und noch immer kamen Nachzügler, um ein Plätzchen zu erobern. Was soll diese Versammlung? frage ich erstaunt. Und ich ■ erfuhr, daß hier ein Gottesdienst für das Gelingen des; Baseler Zio nisten-Congresses stattfinde. Noch wenige Minuten und der greise Chacham Jzchak B a k i s ch wurde zum Almemor geleitet, und nach wenigen Minuten Rast erhebt sich dieser um ungefähr folgendes zu variiren: „Wir Zionisten schmachten 1800 Jahre im Goluth. In dieser langen Leidenszeit hat unser Volk noch keinen glücklichen Augenblick gehabt. Schmerz und Kummer, eine Jahrtausende lange Kette. Und jetzt soll es anders werden. Es entstanden Männer, denen das Schicksal unserer Brüder zu Herzen geht, und die es lindern wollen. Unter dem Namen Zionisten kamen sie aus aller Welt zusammen, um über die Erlösung zu berathen. Weil uns Niemand zu Hilfe kam, müssen wir selbst uns helfen. Gottes Hilfe wird dabei nicht fehlen, sowie auch Moses den Beistand Gottes fand, Nehmen wir die Thora zur Hand, und Jeder kann darin lesen, daß sich die erste Befreiung ebenfalls durch das Hinzuthun eines Menschen, unseres Lehrers Mosche, vollzogen hat. Darum schließe ich mich mit voller Begeisterung den Zionisten an und appellire auch an jeden Juden in dessen Adern jüdisches Blut fließt, die zionistische Action mit allen seinen Kräften zu unterstützen Die Hilfe Gottes wird dann nicht ausbleiben. Lassen Sie uns, meine Herren, Gott danken und segnen das heilige Werk, das die Zionisten heute beginnen." Diese Worte eines so hoch betagten Rabbiners, welcher jedes Wort abwägt, um nicht bei den Gegnern des Zionismus Anstoß zu erregen, und der von der Regierung »«gestellt ist, bilden eine» schönen Beweis für die überwältigende Kraft, mit der unsere Idee sich die Herzen erobert. Die Wirkung dieser erhebenden Feier blieb auch nicht aus. Philippopel. (Orig.-Corr.) Wir können nicht vergessen, daß unsere sociale Lage hier vor der Befreiung dieses Landes eine sehr gute war. Es gab wohl keinen Luxus in den Familien, aber jeder hatte das Notwendige, ja selbst ein wenig Ueberfluß, und der Jude nahm im Handel und in der Industrie die erste Stellung ein. Seit der Befreiung dieses Landes ist es vielfach anders geworden: die ökonomischen Bedingungen und die Lebensverhältnisse haben sich geändert. Während unsere bulgarischen Mitbürger den allgemeinen Fortschritt und die erworbene Freiheit ausgenützt haben, um ihre Lage zu verbessern, haben wir es nicht verstanden, uns den neuen Arbeitsbedingungen und Lebensverhältnissen anzupassen und aus der erworbenen Unabhängkeit auch Vortheile zu ziehen. Die Generation aus der Zeit vor dem russisch-türkischen Krieg übte zumeist das Bank- und Wechselgeschäft, sowie den Kleinhandel aus. Diese Berufe beschäftigen uns noch heute, aber der Nutzen ist ein viel geringerer geworden. Die neuen Eisenbahnen, die mit staatlicher Unterstützung entstehen oder vom Staate selbst gegründet werden, bilden einen mächtigen Ansporn zur Entwicklung der Industrie. Dadurch werden ausländische Capitalisken herbeigelockt und so wird mit jedem Tag Bulgarien zu einem wichtigerem Centrum für Handel und Industrie. Darunter leidet in erster Linie der Kleinhandel: Also wir. Wir haben einen neuen Concurrenten bekommen, dem wir wehrlos gegenüberstehen: das Großkapital. Das Leben wird mit jedem Tage schwerer, und mit jedem Tag einpfinden dies mehr Menschen, mehr Familien. Die kleinen Kaufleute sind zumeist fnllit geworden, nun hält es bei den reicheren. Wir machen wohl ans die Bulgaren einen schlechten Eindruck durch unsere zahlreichen Falliments. Aber die Gründe haben wir bereits geschildert: unsere Kleinhändler wollten die neue Zeit nicht verstehen, sie wollten es nicht einsehen, daß der Kleinhandel in Bulgarien keine Zukunft habe. Wir haben auch Kleingewerbetreibende, aber solche die von der Tagesarbeit, von der Hand in den Mund leben.