Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 16 (17.9.1897)
- Article
- London [Nachricht]
- Date
- 1897-09-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
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Seite 10. Nr. 16. Artikeln und Leitartikeln. Allein die Majorität sprach ihre Meinung nicht klar tind entschieden aus, mit Ausnahme der „Times", welche von einer, dem Zionismus feindlichen Coterie beeinflußt, ihre Ansicht, die jüdischen Aussichten der Bewegung betreffend, theilweise in Uebereinstimmung mit der „Jewish Chronicle" kundgab. Das Telegramm an ben Sultan erregte eine Bewegung in der Journalistik und wnrde verschieden ausgenommen, je nach der Färbung der einzelnen Journale. Die Judenschaft Manchesters hat bereits in einem in der „Jewish World" erschienen Artikel ihre lebhafte Befriedigung über das Ergebniß des Congresses ansgedrückt. Während des Congreffes machte sich eine intensive Erregung unter den Londoner Juden bemerkbar, die durch den warmherzigen Brief des Dr Gaffer, der in energischer Weise den ungerechtfertigten Angriff des Mr. Oswald I. Simon zurückwies, noch gesteigert wurde. Den nächsten Sonntag beabsichtigen die Londoner Delegirten in einem „Meeting" über ihre Congreßeindrücke zu berichten. Es wird dann ohne Zweifel ein Versuch geniacht werden, mit den officiellen „Chowewe Zion" eine Einigung zu erzielen, um unter dem Impulse des Congresses die Bewegung zu fördern. Die praktische Seite der Bewegung appellirt an die Majorität; die momentane Aufgabe des Actions-Comites ist demnach, die politische Situation im günstigen Sinne zu beeinflußen. Die englischen Zionisten wollen tief in die Tasche greifen, um die Sache finaueiell sicherzustelleu. Im klebrigen müssen wir das erste Aufivallen der Begeisterung vorübergehen lassen und die thatsächliche Wirkung des Congreffes abwarten. Die Bewegung hat ein gewisses Interesse unter den „Bnei Israel" in Indien erregt und kamen an uns nach London wiedecholte Ersuchen um Informationen über den Congreß. In „I e w i s h C h r o n i c l e" veröffentlicht Mister S. R. R u b i n st e i n einen warmen und sympathischen Artikel über den Congreß. Er schildert vorerst de» günstigen Eindruck, den hauptsächlich unsere russischen Glaubensgenossen auf ihn gemacht haben. Das seien nicht seine Leute, die man in Brick Lane oder Whitechapel sieht. „Diese Männer, die man so oft der Feigheit anklagt, haben mehr Mnth als unsere Glaubensgenossen von Westeuropa, die sich auf die Culturträger Hinausspielen." Nachdem Mr. R u b i n st e i n noch die Eindrücke des Schreibens unseres theueren Rabbiners M o h i l e w e r ans den Congreß und verschiedene persönliche Eindrücke geschildert hat, schließt er: „War der Congreß repräsentabel? Es komilit darauf an, was man darunter versteht. Ist darunter eine Versammlung von Millionären, oder von orthodoxen und refornürten Rabbinern gemeint, dann war der Congreß nicht repräsentabel. Allein will man das Wort in seiner wahren Bedeutung nehmen, im Sinne einer Versammlung von Vertretern verschiedener Gesellschaftsschichten und religiösen Richtungen, dann muß anerkannt werden, daß der Congreß im wahrsten Sinne des Wortes repräsentabel war. Denn wir sahen hier Rabbiner, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Aerzte, Kaufleute, alle bereit der Sache zu dienen, die sie hergeführt hat." London. <Orig. Corr.i Das öffentliche Interesse ist im hohen Maße mit den Angriffen des Papstes gegen den Zionismus beschäftigt. Das osficielle katholische Organ in England besitzt jedoch in dieser Frage keine Informationen. Sein römischer Cvrrcspondcnt theilt lediglich mit, daß die italienischen katholischen Blätter die Mittheilnngen des „Jl Don Chisciotto", wonach der päpstliche Staatssecretär ein Telegramm an den Sultan abgesandt hätte, leugnen: er bemerkt dazu, daß sich die Sorge des Papstes lediglich auf die heiligen Stätten beziehe. Das katholische Journal „The Catholic Times" dementirt ebenfalls die Depesche, die zuerst in den „Daily News" erschienen ist und sagt, daß sich der Vatikan mit diesem Projekt gar nicht beschäftigt habe, daß er eS schon vom religiösen Standpuucte für unerfüllbar halte. „Jin klebrigen ist die Behauptung, als ob die katholische Kirche die Juden verfolgen wollte, falsch und steht i» Widerspruche zur Geschichte". Der „Standard" veröffentlich: ein zionsfrenndliches Interview seines Wiener Correspondcnten mit Dr. G r ü n h u t aus Palästina. Allein die thatsächlichcn Mit theilungen des Correspondenten über den Stand der zionistischen Bewegung in Oesterreich entbehren jeder Sachkenntnis. London» 12. September. (Orig. Corr.) Ein masscnhast besuchtes Meeting fand heute im Jewisch Workmens-Club state, um die Resultate des Congreffes zu besprechen. Den Vorsin führte Mr. S. R. Rübe n st e i n, während die Delegirten Jacob de Haas und E. I s h - K i s h o r als Delegirte und Rechtsanwalt Adam Rosenbcrg Bericht erstatteten. Dee Vorsitzende nahm den Congreß gegen die Angriffe Oswald Simons in Schutz und sagte, daß Dr. Adler durchaus nicht den Anspruch erheben könne, die größte Autorität im Jndenthnm zn sein. Mr. de Haas und Jsh-Kishor erklärten das Programin und betonten die Einigkeit, die ans dem Congreß zum Ausdruel kam. Nachdem noch Mr. Rosenbcrg die Frage aufwarf, um:- denn die „Missivns"-Verfechten bisher für das Jndrnthum geleislei hätten, wurde den Delegirten der Dank und dem Londouee Congreß-Comitö das Vertrauen votirt. Portugal. Lissabon. (Orig.-Corr.) Warum soll das Portugiese sche Parlament hinter den übrigen .Zurückbleiben? Auel, dieses hat seine Judendebatte. Portugal beherbergt einige tausend Juden und das genügt, um in seiner Mitte einen Antisemitismus zu schaffen. Hat Berlin seinen Ahlw ard, Wien seinen Lueger, so haben wir unseren Monteiro. Dr. Luciano Also» so de Silva Monteiro übernahm den Nachweis, daß schon der bloße Aufenthalt von Juden in einem Lande, nicht erst ihre überflüssige Anzabi genüge, um den Antisemitismus zum Durchbruche zu verhelfen. Während der Debatte über das Tabak-Monopol sprach der Abgeordnete Monteiro von einer „Dieb: bande". Deshalb vom Präsidenten zur Ordnung gerufen erklärt er die Worte zurückzuziehen und setzte for>: „ Ich will das nicht sagen, aber es gibt eine jüdische Bande — diese verfluchte Rasse — und so verflucht, daß sie nicht einmal das Wort „Patriotismus" gebrauchen kan», denn sie hat kein Vaterland als Strafe für ein historisches Vce brechen." Deshalb wurde der Abgeordnete nicht zur Ordnung gerufen. Am 31. August richtete der hiesige ©ultn - Vorstand an den Abgeordneten einen sehr zahmen Protest gewissermaßen eine Entschuldigung, daß sie auf der Wen sind. Es wird darin auf die Rede Castelar's im spaui schen Parlament, auf das Werk Ribeiro de Santo: — „Meniorias da Litteratnra Portugueza“ — und schließlich auf das Buch L eroy-Beaulieus — „Israel cln-z les nations“ — hingewiesen, wonach die Juden denn doch nicht so „verflucht" sind. Damit ist für die hiesigen Jude» der Fall abgethan. Vielleicht lassen sie wieder etwas von sich hören, wenn sie jemand neuerlich angreift. Rußland. Lodz. iOrig.-Corr.i Der Baseler Congreß hat sozusagc» mit einem Schlage die Zions-Idee bei uns populär gcmacöt und die Gemüther in Ansregung versetzt. Sogar solche, die H: jetzt der Bewegung fern gestanden, verfolgen gegenwärtig i»it großem Interesse die Zeitungsberichte über die Berhandlmige» des Congreffes. Ein Jeder bestrebt sich sein eigenes Urtheil zngrben, man discntirt, man bespricht die Möglichkeit, den zivmm sehen Plan in Verwirklichung bringen zn können, kürz, die Tbai sache läßt sich nicht leugnen, daß der Zionismus in Rnssiieli Polen immer tvciter um sich greift und immer mehr Anhängee gewinnt. Und wie sollte es denn anders sein? Es handelt sich i» darum, unserem leidenden, unglücklichen Volke eine gesicstm Existenz ans eigener Erdscholle zu verschaffen, ihm sein natione.ic: